Von Naomi Conrad und news.de-Redakteurin Ines Weißbach
In Ungarn gibt es 4775, in Afghanistan 51 und in der Antarktis 21 - das ist die Anzahl der Schlafplätze, die Reisenden für Sofa-Übernachtungen im jeweiligen Land zur Verfügung stehen. Couchsurfing ist ein Urlaubstrend, mit dem jeder kostengünstig durch die Welt kommt.
Im Irak, in Somalia und sogar auf den Weihnachtsinseln: Fast überall findet der unerschrockene Rucksacktourist einen Schlafplatz auf dem Sofa, in der Hängematte, oder sogar im Gästezimmer mit eigenem Bad.
«Couchsurfing» heißt das Prinzip, bei dem sich Reisewillige online vernetzen und kostenlose Schlafgelegenheiten anbieten. Über eine Million registrierte Benutzer gebe es inzwischen, erklärt der Engländer Ollie Tupmann, der seit zwei Jahren in Berlin wohnt und sein Sofa anbietet. Dort schlägt das Couchsurfen Wellen: Über 7000 Mitglieder sitzen in der Hauptstadt. Weltweit hat sich die Zahl der Couchsurfer im vergangenen Jahr fast verdoppelt.
Die Reisewilligen vernetzen sich auf einem Internetportal, erklärt der Berliner Sofasurfer Christian Hasentempel. Unter www.couchsurfing.org verwaltet jeder ein Profil, in man Auskunft über Interessen, Sprachen und die Couch geben kann. Online bieten oder suchen Reisende einen Schlafplatz für ein paar Nächte.
«Manchmal entwickeln sich echte Freundschaften und die Leute bleiben länger», sagt Martin Feller, der schon ehemaligen Gästen in Chicago einen Besuch abgestattet hat.
Die Couchsurfer sind sich einig: Das Schlafen auf einem fremden Sofa eröffnet dem Reisenden die sonst verschlossenen Seiten einer Stadt, jenseits von Hotel und Sehenswürdigkeiten: «Ich wurde mal zu einem Chili-con-Carne-Wettkochen zwischen einer Gruppe Mexikanern und Hells-Angels-Bikern in Los Angeles mitgenommen», sagt Feller.
«Ich habe unglaubliche Leute übers Couchsurfen kennengelernt», schreibt Steve Savage aus Australien auf der Couchsurfing-Homepage. «Man ist nicht nur Beobachter in den Ländern, die man besucht, sondern nimmt am wirklichen Leben teil.»
Etwa zehn Nachfragen nach einer Schlafgelegenheit bekomme Martin Feller täglich, erzählt er. Dass Berliner Couch-Anbieter so viele Anfragen bekommen, liege an dem guten Ruf, den die Hauptstadt weltweit genieße. «Berlin ist eine der billigsten westlichen Metropolen zum Leben und Ausgehen», findet auch Hasentempel.
Wird das Couchsurfen also irgendwann Hostels und Hotels ersetzen? Viele Teilnehmer seien europäische oder amerikanische Studenten, und das Durchschnittsalter liege bei Anfang bis Mitte 20, sagt Tupmann. «Das ist ein demografischer Trend. Wer weiß, ob die Leute in Zukunft beim Couchsurfen bleiben, wenn sie älter werden», fügt der Engländer hinzu.
Als Gastgeber sind durchaus auch Ältere angemeldet. Der 60-jährige Kurt Nottbohm sagt: «Ich finde die Idee toll. Ich möchte gerne Kontakt zu jungen Leuten halten.»
Ein bisschen jünger als er, aber dennoch über dem Durchschnitt ist die 46-Jährige Bille aus Heidesheim. Sie bietet den Komfort einer Couch an, die auch zum Doppelbett umfunktioniert werden kann. Wie lange Gäste bei ihr und ihrem Mann bleiben dürfen, «kommt auf die Kompatibilität der Charaktere an», schreibt sie.
Allerdings ist das Ganze auch nicht ganz ohne Probleme. Es habe schon ein paar Fälle von Diebstahl gegeben - «aber viel weniger als man bei einer so großen Community erwarten würde», erklärt Martin Feller. Gerade als Frau sei schon Vorsicht geboten, findet die Kanadierin Josephine Lazarus, die gerade bei Feller wohnt: «Ich schaue mir die Profile im Vorfeld immer genau an.» Außerdem sollen Referenzen, die Gäste auf einem Profil hinterlassen, Sicherheit gewähren. «Das ist wie ein Brandzeichen. Negative Referenzen können nicht gelöscht werden», sagt Hasentempel. Allerdings könnten Benutzer sich wohl auch mit einem anderen Profil erneut anmelden, gibt er zu.
Die Webseite bietet auf Englisch Tipps für Couchsurfer und Gastgeber. Unter anderem wie sich Frauen verhalten sollten, die allein reisen, wie sich ein guter Gast verhalten solle und wie Vegetarier oder Veganer ohne zu verhungern durch den Urlaub in fleischaffinen Ländern kommen. Auch für homosexuelle Reisende gibt es Hinweise, in welchen Gegenden Vorsicht geboten ist. Für sie gibt es zum Erfahrungsaustausch die Gruppe Queer Couchsurfers.
Egal, wer in diesen Ferien wo auch immer eine kostenlose Schlafgelegenheit nutzen und einen persönlichen Kontakt zum Reiseland erfahren will, sollte allerdings nicht zu lange mit der Suche warten: Viele Couchsurfer fahren im Sommer selbst in den Urlaub. Dafür gebe es aber auch in fast jedem Land - der Zähler auf der Webseite gibt 232 an - mindestens eine registrierte Couch oder Hängematte. «Nordkorea ist das einzige Land, in dem es keine Couchsurfer gibt», sagt Feller. «Zumindest noch nicht.»
Weiterführende Links:
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