Fr., 25.05.12

Private Geschichten der Einheit 03.08.2009 «Die kriegen uns nicht lebend»

In diesem Auto versteckte sich Catrin Hennecke auf dem Weg über die Grenze. (Foto)
In diesem Auto versteckte sich Catrin Hennecke auf dem Weg über die Grenze. Bild: privat

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach

Um zusammen und frei zu sein, riskierten die beiden ihre Freiheit. Dieter versteckte Catrin in einem umgebauten Mercedes und fuhr mit ihr in den Westen. Die Geschichte ihrer Flucht ist Teil eines Projekts des ungarischen Kulturinstituts Collegium Hungaricum.

Sie lernen sich beim Tanzen im «Schorschl» in Leipzig kennen. Dieter Hennecke ist bei Bekannten in der Messestadt zu Besuch, Catrin Lori wohnt hier und will abends mit einer Freundin Spaß haben. Am 7. Oktober 1983, dem Tag der Republik, verschlägt es beide in das legendäre Tanzcafé nach Connewitz. Als sie sich sehen, entsteht eine verbotene Liebe auf den ersten Blick.

Dieter lebt in der Nähe von Peine, im Westen, ist verheiratet. Catrin, damals 26 Jahre alt, arbeitet als Bauleiterin, ihr Vater ist Offizier bei der Staatssicherheit, ihre Mutter Sekretärin in einem Stasi-nahen Unternehmen. «Meinen Vater habe ich immer sehr kritisch gesehen, deshalb bin ich mit 17 Jahren ausgezogen», sagt Catrin heute. Sie will mit der «Stasi-Geschichte» nichts zu tun haben. «Wenn ich ein besseres Verhältnis zu meinen Eltern gehabt hätte, wäre ich vielleicht gar nicht abgehauen.»

Catrin und Dieter verbringen nur wenige Stunden zusammen, sind aber sicher: «Wir sind verliebt bis über beide Ohren und wollen uns sehen.» Als er wieder Zuhause ist, ruft Dieter jeden Tag von unterwegs an. Sie tüfteln einen Plan aus, um so oft wie möglich zusammen zu sein. Einmal im Monat muss reichen. «Wir sind bei einem ehemaligen Studienkollegen in Berlin unterkommen», erinnert sich Catrin.

Immer wenn Dieter in West-Berlin zu tun hat, kommt er auch in den Osten der Stadt. An solchen Tagen fährt Catrin morgens mit dem Zug von Leipzig in die Hauptstadt und abends wieder zurück. Der Freund, dessen Wohnung sie benutzen, weiß nicht, mit wem sich Catrin tagsüber trifft. «Mein Kommilitone ging morgens arbeiten und bevor er nach Haus kam, sind wir wieder abgehauen.» Catrin redet mit niemandem über ihre Liebe.

Sie ist erfolgreiche Bauleiterin, soll in die Partei eintreten. «Wenn es Dieter nicht gegeben hätte, hätte ich diese Karriere gemacht.» Über eine Zukunft wollen Catrin und Dieter nicht nachdenken, zu unwahrscheinlich mutet die Idee an. «Wir waren uns einig: Das was wir hier machen, das geht gar nicht. Überhaupt war er auch noch verheiratet.»

Doch nach einem Jahr Versteckspiel ist sich Dieter sicher: «Ich will dich und ich hol' dich jetzt raus.» Die Fronten seiner Ehe sind geklärt. Aber Catrin kann nicht einfach so einen Ausreiseantrag stellen. Sie weiß: «Ich wäre sofort ins Visier der Stasi geraten.»

Kurzerhand lässt Dieter sein Auto umbauen. «Ich sollte da rein, wo sonst der Tank ist und den Ersatztank hatte er da, wo normalerweise das Ersatzrad liegt», erinnert sich Catrin. Ein Schulfreund Dieters, der als Automechaniker bei Mercedes arbeitet, baut den Wagen um. «Die sind da offener gewesen. Dieter hat ihnen erzählt, dass er jemanden rüberschmuggeln will und die sagten, dann wünschen wir dir das größte Glück der Welt», erzählt Catrin.

Der Plan wird in die Tat umgesetzt: Catrin fliegt nach Budapest und trifft dort ihren Dieter. Kurz nach Neujahr 1985 wollen sie in dem umgebauten Auto nach Österreich fahren. «Aber wir waren so mit den Nerven fertig, dass wir schon am 28. Dezember 1984 losgefahren sind.»

Nach dem Probeliegen in dem kleinen Bereich im Auto denkt Catrin: «Das schaffst du nie.» Sie beruhigt sich mit Valium und quetscht sich in den Zwischenraum, den Dieter mit einem Armeeschlafsack ausgelegt hat. «Es war furchtbar eng und aus dem Tankstutzen ist Diesel ausgelaufen. Das war eine Katastrophe, es hat gestunken, einfach nur schlimm», sagt Catrin.

Sie müssen fünf Schlagbäume hinter sich lassen, um nach Österreich zu kommen. «Dieter ist zwar tausend Tode gestorben, aber er hat dennoch ein eisernes Nervenkostüm.» Dieter würde das Radio lauter machen, wenn Gefahr drohe, das hatten sich die beiden vorher ausgemacht. «Dann ist Alarm. Wir haben uns aber auch geschworen, dass die uns nicht lebend kriegen.»

Das Radio bleibt leise, doch der dritte Grenzposten kontrolliert den Kofferraum, Catrin sieht das Taschenlampenlicht in ihrem Versteck. «Zum ersten Mal habe ich gebetet.» Vielleicht hat das geholfen, denn nach einer Dreiviertel Stunde kommen sie in Österreich an. Von dort aus geht es weiter nach Passau und schließlich in Dieters Heimatort nach Niedersachsen...

Zu ihren Eltern hält sie über Briefe Kontakt, Entschuldigungsbriefe. Sie sind schockiert von der Flucht der Tochter. Die hat auch Konsequenzen für die Eltern. «Meine Mutter wurde ein Jahr bis zur Rente beurlaubt und mein Vater wurde in eine Abteilung für Nichtigkeiten versetzt.» Telefonieren kann sie mit der Mutter nur, wenn die gerade beim Frisör ist. «Ich habe mir ihre Termine geben lassen und dann dort angerufen», sagt Catrin. Was sie nicht weiß, auch dieser Apparat wird von der Stasi abgehört.

Jahrelang schließt sie Jalousien und öffnet die Tür nicht, wenn sie allein Zuhause ist - aus Angst, die Stasi habe sie gefunden und wolle sie zurück in die DDR holen. Bis heute habe sie großen Respekt vor Uniformen aller Art.

Am 18. Mai 1990 heiraten Catrin und Dieter. Die politische Wende ist damals noch in vollem Gange. Die Flucht habe auch die Beziehung zu ihrem Mann extrem zusammengeschweißt, sagt Catrin. «Wir feiern in diesem Jahr unser 25. Jubiläum. Wir begehen diesen Tag wie unseren Geburtstag.»

Weiterführende Links:

Private Geschichten der Einheit: «Wir hatten Angst, wollten aber zusammen sein»
Private Geschichten der Einheit: «Wir haben den Weltfrieden gefährdet»

Dossier zum Thema:

Wieder vereint. 20 Jahre friedliche Revolution

seh/news.de
Leserkommentare (3) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kommentar 3
  • 03.08.2009 21:33
 

Ich bin schon 1957 aus der DDr abgehauen. Bei besuchen von Freunden wurde dann in der DDR zwei mal verhaftet. Dan trf ich mich des öfteren mit Studenten aus der DDR in Karlabad. Heute frag ich mich ob das alles umsonst war. Das Stasipack und eine ehem. Sekretärin für Agitation und Propaganda haben hier das sagen. Tja, Bilderberger, hinter den Kulissen der Macht.

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  • Kommentar 2
  • 03.08.2009 17:57
 

Wer meinen "Namen" liest und aus der ehemaligen DDR kommt, weiß, wer ich bin bzw. was ich war. Ein Flüchtling, dessen Flucht im Stasigefängnis endete. Das Recht auf Freiheit ist das höchste Gut. Damit eingeschlossen ist das Recht auf eine freie Meinung. Was ist eine Demokratie wert, in einem Staat, in dem die Verfolger von Gestern das Sagen haben? Die DDR-Zeit wird verniedlicht, die Nazi-Zeit maßlos aufgebauscht. Ich bin Opfer beider Systeme, dessen Befürworter ich verachte und hasse. Meine Feinde stehen ganz LINKS und RECHTS!

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  • Kommentar 1
  • 03.08.2009 15:01
 

Es ist gut wenn jemand solche tatsächlich erlebten Geschichten aufschreibt und nicht in Vergessenheit geraten. Ich selber bin am 20.September von der DDR über Tschecheinach nach Ungarn danach nach Östereich und nun schließlich in die BRD geflohen Ich verschenkte alles auch meinen geliebten Skoda. um 17.10 Uhr bin ich über die Donau bei Kormanov geschwommen."Der Donauschwimmer" Grenzposten patrolierten an der Donau deshalb tauchte ich die größte Strecke und dabei wurde ich ca 800m Flußabwärts abgetrieben. Eine ungarische Familie beobachtete mich mit dem Fernglas und half mir nach Österreich

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