Von den news.de-Redakteurinnen I. Wiedemeier und I. Weißbach
Urlaub am Plattensee - das bedeutete für DDR-Bürger dasselbe wie für Westdeutsche der Sommer in Italien. Sonne, Wasser, eine fremde Sprache, das Gefühl von Freiheit, weg vom Chef, von den Kollegen. Raus aus der Enge des eigenen kleinen Staates.
Dass für 700 Ostdeutsche im Sommer 1989 die Freiheit am Plattensee plötzlich in einem durchgezwackten Grenzzaun greifbar wurde, gibt den Sommern in den 1960er, 70er und 80er Jahren im Nachhinein noch eine besondere Würze. Denn im Mikrouniversum der Campingplätze am Plattensee war Deutsche Einheit längst Realität. Zum Beispiel bei den Treffen von Christine Fischwasser und Brigitte Maudanz. Die beiden Frauen, eine aus dem Osten, die andere ein Westkind, lernten sich im Urlaub kennen. Kontakt knüpften sie vornehmlich über ihre Kinder, die zusammen spielten. Die Erwachsenen begegneten sich zunächst noch zurückhaltend, dennoch entwickelte sich nach dem Urlaub ein intensiver Briefkontakt. Pakete wurden getauscht, man traf sich abermals am Balaton und die Frauenfreundschaft hält bis heute.
Ungarn brachte die Menschen zusammen: Alte und neue Freundschaften, durch die Mauer getrennte Familien, organisierte Treffen der evangelischen Kirche. Ungarn unterstützte Liebesgeschichten und verhalf zur Flucht: Wie bei Catrin und Dieter Hennecke. Die Tochter eines Stasi-Offiziers lernte 1983 in Leipzig beim Tanzen Dieter kennen – aus Westdeutschland. Sie verliebten sich auf den ersten Blick. Dem Urlaub 1984 in Ungarn folgt die Flucht in den Westen. Dieter Hennecke hat ein Auto umbauen lassen, so dass sich seine Liebe im Tankbereich vor den Grenzkontrollen verstecken konnte. «Wir hatten Angst. Und im Auto hat alles nach Diesel gestunken, das war einfach nur schlimm», sagt Catrin Hennecke heute. «Aber wir waren verrückt nacheinander und wollten zusammen sein.»
Die beiden sind zwei von inzwischen 47 Menschen, die sich beim ungarischen Kulturinstitut Collegium Hungaricum Berlin (CHB) gemeldet haben. Denn János Can Togay, der Direktor des CHB, möchte 20 Jahre nach dem Ende der deutschen Zweistaatlichkeit diese deutsch-deutschen Geschichten nacherzählen, die sich «zwangsläufig und skurrilerweise außerhalb des eigenen Territoriums abspielten», wie er es formuliert.
Mit Bildern, Filmen und Souvenirs bereitet das Hungaricum die Geschichten für eine Ausstellung im Oktober in Berlin auf. Regisseur Péter Forgács schneidet die privaten Geschichten zusammen, bezieht Tagebücher, Briefe, grellbunte Postkarten, T-Shirts und Schallplatten mit ein. Wandfüllende Projektionen nehmen die Besucher mit nach Ungarn, private Schmalfilmaufnahmen vermengen sich in der Installation des Hungaricums mit den Zeitzeugeninterviews und den welthistorischen Ereignissen im Hintergrund.
Annähern kann sich der Besucher entweder von der Ost- oder von der Westseite, zwangsläufiges Ziel ist für beide der Ungarn-Urlaubs-Raum, wo die Lebenssituationen aufeinandertreffen und sich mischen. Und es gibt auch den Raum «1989».
Die Ausstellung kontrastiert die eigene Urlaubswelt mit der Wühlarbeit hinter der Kulisse. In einem Saal kann man Sonnenuntergänge anschauen, während aus Kopfhörern Originalverhöre der Stasi zu hören sind. Vom Balaton ins Stasi-Verhör, so ist es auch Wolfgang Loof ergangen. Er und seine Freunde Frank und Burghard lebten in Bernau bei Berlin, waren 18, hörten Beatmusik, trugen lange Haare und unangepasste Kleidung, als sie beschlossen: Wir sind die Bevormundung in der DDR leid. Sie wollten raus, und für ihre Flucht hatten sie nur ein kleines Zeitfenster: zwischen dem Ende der Ausbildung im Sommer 1970 und dem drohenden Wehrdienst im Herbst. Ein gefährliches Unterfangen, durch das sie in die Fänge der Stasi und ins Gefängnis gerieten.
Auch diese Geschichte ist Teil der Ausstellung, für die das Collegium Hungaricum Berlin auch weiterhin nach deutsch-deutschen Geschichten vom Balaton sucht.
Weiterführende Links:
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