600 neue Schweinegrippe-Fälle in zwei Tagen - die Zahl der Erkrankungen schnellt in Deutschland nach oben. Den Großteil der Infektionen brachten Urlaubsrückkehrer mit, vor allem aus Spanien. Experten fordern, Hygiene ernster zu nehmen.
Die Schweinegrippe verbreitet sich nun auch in Deutschland in immer rasanterem Tempo: Binnen einer Woche stieg die Zahl der Infizierten auf mehr als das Doppelte. Ein Großteil der Betroffenen habe sich bei Auslandsreisen angesteckt, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin, Prof. Jörg Hacker. Nur ein Fünftel der Fälle gehe auf eine Ansteckung in Deutschland zurück.
Laut RKI sind bis heute 2500 Fälle der neuen Grippe gemeldet. Am Montagnachmittag waren es noch 1555, am 15. Juli erst 834 Fälle. Die meisten von ihnen verlaufen laut RKI weiterhin mild. Mit der zunehmenden Zahl der Fälle sei jedoch letztlich auch zu befürchten, dass so wie bereits in anderen Ländern, die Krankheit ernster verläuft, sagte RKI-Vizepräsident Reinhard Burger dem Südwestdeutschen Rundfunk (SWR).
Dennoch melden die Behörden in den Bundesländern die meisten Neuerkrankungen von Spanien-Reisenden. Experten sehen dies vor allem im Verhalten jüngerer Urlauber beispielsweise auf Mallorca begründet - wie etwa der gemeinsamen Nutzung von Trinkgefäßen, intimen Urlaubsflirts sowie dicht gedrängtem Feiern und Sonnen. «Generell gilt: Viele Menschen auf engem Raum sind immer eine Möglichkeit, sich anzustecken», sagte Hacker. Professor Dieter Häussinger von der Düsseldorfer Universitätsklinik hatte bereits darauf hingewiesen, dass Sonnenbrand und Alkohol die Immunabwehr schwächen.
Den Reisenden sei dringend zu raten, ihr Verhalten anzupassen - öfter Hände zu waschen, Augen, Nase und Mund nicht zu berühren, allzu engen Kontakt mit anderen zu vermeiden und natürlich niemanden anzuniesen, erläuterte RKI-Präsident Hacker. Ein sehr wichtiger Punkt sei auch, sich rasch freiwillig zurückzuziehen und einen Arzt aufzusuchen, wenn man bei sich selbst Symptome bemerke, betonte er. Nur so sei es möglich, die Erkrankungswelle einzudämmen.
Vom Verhalten der Menschen hänge ab, wie sich die Situation in den nächsten Wochen entwickle. Griffen die Warnungen nicht, seien - gerade mit Blick auf die anstehende Rückreisewelle - weiter rasch steigende Zahlen möglich.
Große Hoffnungen setzt das RKI in den Schweinegrippeimpfstoff, der im Herbst vorliegen soll. In den USA sollen vermutlich im August klinische Tests von zwei potenziellen Impfstoffen gegen die Schweinegrippe anlaufen, an der bisher weltweit 700 Menschen gestorben sind. Zunächst soll studiert werden, ob eine Dosis oder zwei von je 15 Mikrogramm benötigt werden, um eine Immun-Reaktion bei gesunden Erwachsenen (18 bis 64) und älteren Menschen (65 und darüber) hervorzurufen. Die Mengen sollen in einem Abstand von 21 Tagen verabreicht werden. Getestet werden Impfstoffe der Hersteller Sanofi Pasteur und CSL Biotherapies.
Nach dem Entwurf der Rechtsverordnung zu der für den Herbst geplanten Massenimpfung sollen zuerst chronisch Kranke, Ärzte und Schwestern sowie die Polizei geimpft werden. Die Verordnung muss noch vom Kabinett gebilligt werden. Die zweimalige Impfung dieser rund 22,5 Millionen Versicherten soll 600 Millionen Euro kosten. Der für den Herbst erwartete Impfstoff soll laut des Entwurfs der Bundesregierung pro Einzelimpfung rund 14 Euro kosten. Der Preis für das Serum wird mit neun Euro, die für das Spritzen mit fünf Euro angesetzt, sofern der öffentliche Gesundheitsdienst die Impfung ausführt.
Für die Impfung aller Bürger, die nach und nach vorgenommen werden könnte, werden die Kosten auf etwa zwei Milliarden Euro geschätzt. Grundsätzlich hat jeder gesetzlich Versicherte das Recht auf die Impfung. In einem Fonds zur Finanzierung sollen sich die private Krankenversicherung und die Beihilfeträger je nach Versichertenzahl im jeweiligen Bundesland beteiligen. Bleibt am Ende - die Verordnung soll längstens bis 31. Juli 2010 gelten - Geld übrig, soll es zurückgezahlt werden.
«Wir waren sicher in Deutschland noch nie so gut vorbereitet wie jetzt», sagte Burger dem Deutschlandradio Kultur mit Blick auf die Medikamentenvorräte von Unternehmen. Privathaushalten riet er aber mit Hinweis auf die möglichen Nebenwirkungen ausdrücklich davon ab, das Grippemedikament Tamiflu einzulagern.
Wie die Arbeitswelt massiven Ausfällen durch Schweinegrippe-Erkrankungen begegnen könnte, durchdenkt die Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW). «Wir spielen alle Szenarien durch», sagte ihr Leiter Berthold Stoppelkamp der Passauer Neuen Presse: So könnten Unternehmen vieles mit Heimarbeit abfangen. Viele Firmen hätten bereits ausgearbeitete Pandemiepläne. Wo es Betriebsärzte gebe, würden häufig auch Grippemedikamente für die Belegschaften eingelagert.
Generell rät RKI-Präsident Hacker Arbeitnehmern, besser erst mal zu Hause zu bleiben, wenn sie sich mit Schweinegrippe angesteckt haben könnten. In so einem Fall solle man sich lieber nicht ins Wartezimmer eines Arztes setzen, sondern diesen vorab telefonisch informieren.
Die Pandemie wirkt sich auch auf die fünf Glaubenspflichten der Muslime aus: Wegen der Ausbreitung der Schweinegrippe raten arabische Gesundheitsminister Alten, Kindern und chronisch Kranken von einer Pilgerfahrt nach Mekka ab. Zu einer völligen Absage der Hadsch konnten sich die in Kairo versammelten Minister bei ihrer bis in die Nacht zum Donnerstag dauernden Sitzung nicht durchringen. Die Minister erklärten aber, sollte vor Beginn der Hadsch ein Impfstoff zur Verfügung stehen, müssten die Pilger eine entsprechende Impfbescheinigung vorlegen, um ein Visum zu erhalten.
Weiterführende Links:
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