Von Jörg Vogelsänger und news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Für den 27-jährigen Daniel Jimeno waren die Sanfermines in Pamplona ein tödliches Fest. Er wird nie wieder vor den Stieren herlaufen. Doch der Gedanke, den gefährlichen Brauch aufzugeben, hat in Spanien keine Chance. Es geht maximal um Sicherheitsvorkehrungen.
Ein Toter, 446 Verletzte, acht davon schwer: Angesichts dieser blutigen Bilanz hat die Stierhatz im nordspanischen Pamplona erstmals seit Jahren eine hörbare Debatte über das lebensgefährliche Spektakel ausgelöst.
Im Mittelpunkt steht dabei aber nicht etwa die Forderung, Spaniens international bekanntestes Volksfest oder die beliebte Tradition des Stiertreibens abzuschaffen, so wie es Tierschützer seit langer Zeit verlangen. Vielmehr geht es - vorerst - um die Sicherheit, denn im Laufe der Jahre sind die heute zu Ende gegangenen «Sanfermines» zu einer Massenveranstaltung und damit immer gefährlicher geworden.
Vor allem der Tod des 27-jährigen Spaniers Daniel Jimeno, der am Freitag von einem 515 Kilogramm schweren Bullen am Hals aufgespießt wurde, hat viele Menschen zum Nachdenken gebracht. «Ein solches Unglück müsste die Behörden dazu bringen, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern», forderte aus Madrid die Zeitung El Mundo. Dazu gebe es derzeit keinen Anlass, konterte Pamplonas zuständige Stadträtin Ana Elizalde. Auch die Regierung in Madrid sieht keinen Handlungsbedarf. «Niemand will sich diesem Problem widmen, weil die Stierfeste so populär sind», stellt El Mundo fest.
Es ist klar: Die Sanfermines sind eine Touristenattraktion, die mehrere hunderttausend Besucher nach Pamplona lockt und Millionen an die Fernsehschirme fesselt. Bares klimpert in Zeiten der Krise, geschätzte 74 Millionen Euro bewegen sich in Pamplona. «Machen wir uns doch nichts vor, es geht vor allem ums Geld», meinte die Schriftstellerin Lucía Etxebarría. Der wahre Schuldige, schrieb ihr Kollege Eduardo Mendicutti, sei ohnehin Ernest Hemingway. Hätte der US-Autor die Hatz mit seinem Roman Fiesta (1926) nicht weltberühmt gemacht, «dann wäre sie heutzutage so harmlos wie der Christopher Street Day».
So fällt immer wieder dieser Satz: «Passiere, was passiere, das Spektakel muss weitergehen.» El Mundo-Autor Eduardo Álvarez macht das wütend. «Für einige von uns ist es schlicht Barbarei, und niemals werden uns die Verfechter der (schlecht sogenannten) Nationalfeier vom Gegenteil überzeugen», betont er.
Er ist einer der wenigen, der echte Konsequenzen fordert. «Ein selten schlechtes Beispiel haben die Stadt Pamplona, die Läufer, die an den folgenden Tagen einfach weitergemacht haben, und die Feiernden der Welt gegeben», findet er. Mindestens den Samstagslauf, besser noch das ganze Fest habe man nach Jimenos Tod abblasen müssen. «Wir stehen vor einem von vielen Beweisen, dass wir eine unsolidarische, hedonistische und im schlechtesten Sinne egoistische Gesellschaft sind», übt er sich in der typischen Selbstkasteiung spanischer Intellektueller.
Die offiziellen Diskussionen jedoch gehen über den Sicherheitsaspekt nicht hinaus. Und da sei in den vergangenen Jahren viel getan worden, findet die Stadt Pamplona. In der 185.000-Einwohner-Stadt waren etwa 3000 Polizisten und 350 Sanitäter und Helfer des Roten Kreuzes im Einsatz. Die hölzernen Absperrungen entlang der Strecke wurden verstärkt, das glitschige Kopfsteinpflaster in den Gassen der Altstadt wird jeden Morgen mit einem Antirutschmittel besprüht, um Stürze zu vermeiden.
Das nützt nach Ansicht der Kritiker aber wenig, wenn trotz aller Kontrollen verkaterte Touristen auf die Strecke gelangen oder der Andrang in den engen Gassen so groß ist, dass die Teilnehmer übereinander stolpern. Für die Traditionalisten sind solche Vorwürfe ein Affront. «Die Stierhatz ist ein heiliger Rausch, sie bedeutet Ekstase und Glücksgefühl und darf nicht angetastet werden», meint der Schriftsteller Fernando Sánchez Dragó.
Unvergleichlich der Respekt, der in Pamplona Tier wie Mensch entgegengebracht werde, lobt der Journalist Javier Martín. «Es gibt kein Spektakel, vom Wellensittich im Käfig bis zur Pferdedressur, das so respektvoll mit dem Tier umgeht wie die Stierläufe in Pamplona. Hier ist der Stier heilig», schreibt Martín in der eigentlich als linksliberal bekannten Zeitung El País. Wild und respektlos sind seiner Ansicht nach die protestierenden Kritiker und Tierschützer.
Es liegt eine Poesie in den Kolumnen und Kommentaren zu den Sanfermines, die dem kritischen Leser langsam klar macht: nicht der Stier ist heilig - schließlich endet für jeden von ihnen der Tag mit einem qualvollen Tod -, sondern das Tamtam um ihn herum duldet keine Kritik.
Natürlich wird um den toten Daniel Jimeno getrauert, minutenlang geschwiegen, auch philosophiert über die Logik des Mutes. Doch ist dieser Tod vor allem eins: Schicksal, spanisches Schicksal. Und man geht zur Tagesordnung über: «Die Jandillas (Stiere des Züchters Jandilla, Anm. d. Red.) haben einen Tag eröffnet, an dem die Sonne und höhere Temperaturen als in den vergangenen Tagen dafür sorgen werden, dass die Fiesta, trotz allem, vor allem eine Fiesta sein wird», ist in El País zu lesen.
Selbst, als ein Reporter der Zeitung Freunde des verstorbenen Daniel trifft, sind Zweifel an dessen gefährlichem Hobby Fehlanzeige: «Dani war nicht der typische Besoffene, der wie ein Verrückter vor den Stieren hergelaufen ist. Er bereitete sich bewusst auf die Läufe vor. Sie waren seine Passion.» Er hatte den Stier im Blut, sagen sie von ihm. Das rechtfertigt offenbar alles.
Weiterführende Links:
Sanfermines in Pamplona: «Alles für einen Vormittagsspaß»
Stierhatz in Pamplona: Tödlich auf die Hörner genommen
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Jedes Jahr werden alleine in Spanien über 40.000 Stiere getötet. Die Stierkampf-Industrie erhält schätzungsweise etwa 530 Millionen Euro an Subventionen von der EU. Ohne diese Mittel könnte das blutige Spektakel gar nicht stattfinden. Noch bevor die Tiere die Arena betreten, werden sie mit Elektroschocks traktiert. Oft verabreicht man ihnen Abführmittel und in ihre Augen wird Vaseline gerieben, um ihre Sehkraft zu trüben. In der Arena angekommen werden sie mit Lanzen und Speeren verletzt und gequält.
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