Fr., 25.05.12

Prüfungsangst 13.07.2009 Lieber nicht planlos durch die Nacht

Ungewöhnliche Orte helfen dem Gehirn beim Lernen auf die Sprünge. (Foto)
Ungewöhnliche Orte helfen dem Gehirn beim Lernen auf die Sprünge. Bild: ap

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann

Sommer heißt nicht nur am Strand liegen. Statt mit Sonnenbrand kämpfen viele Studenten derzeit mit einem Prüfungsmarathon. Und machen dabei manches falsch. Dagegen hilft Organisation – und die Suche nach neuen Lernplätzen.

In zwei Tagen ist Prüfung. Die Seminarnotizen sind unberührt. Ein kaum zu schaffender Marathon. Hans-Werner Rückert kennt die Situation: «Viele fangen zu spät mit dem Lernen an», sagte der Leiter Studien- und Psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin. Das liege an schlechter Planung. Aber auch daran, dass sich durch das Aufschieben enorm viel Stoff angesammelt hat.

Die neuen Bachelorstudiengänge litten besonders. «Da werden viele Module geprüft. Das ist ein riesiger Materialberg, der einen fast erschlägt», so der Berliner. Andere gönnen sich keine Pause. Die Folge sind «Nervosität, Anspannung und Schlafstörung im Vorfeld und Blackouts in der Prüfungssiation», sagt Jürgen Messer, Leiter für Beratung und Soziale Dienste des Mannheimer Studentenwerks. Daher der Rat: Zielgerichtet arbeiten und während des Semesters lernen.

Verschiedene Medien nutzen, sei der beste Weg, sich Stoff zu merken. «Lernen heißt, Wissen aufnehmen. Andererseits muss man etwas tun, um das Wissen zu speichern», erklärt Rückert. Texte zu lesen oder im Internet nachzuschlagen, sei nur die halbe Miete. Beim Lernen etwas tun, sei förderlicher. Beispiel Biologie: Sich die Anatomie eines Frosches einzuprägen, ist einfacher, zeichnet man das Tier und dessen Organe auf.

«Den Lernort zu ändern, hilft auch», ist Rückert überzeugt. In Sachen Frosch statt am Schreibtisch am Tümpel zu sitzen, sei effektiver. Das Gehirn erinnere sich ungewohnte Lernplätze. «Für das Gedächtnis ist das ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Wissen wird mit Erinnerungen verknüpft. Und die kann man sich in Prüfungen ins Gedächtnis rufen», erklärt der Diplom-Psychologe.

Zudem kann die Fantasie ein neuer Lernort sein. «Denken sie mal abstrakt», rät der Fachmann. «Stellen sie sich einen dreitürigen Badezimmerschrank vor. Jeder Schrank hat drei Regelböden. Auf jedem stehen drei Zahnputzbecher. Und in jedem kann man einen Fakt ablegen. In der Prüfung öffnet man die geistigen Türen und schaut nach.»

Lerngruppen sind zweischneidig: «In der Regel unterhalten sich die Studenten mehr als sie lernen», warnt Rückert. Andererseits: Lerngruppen können Rückmeldung über das geben, was Studenten schon wüssten, und motivieren, meint sein Mannheimer Kollege. Aber auch allein pauken, sei nicht immer hilfreich. Einige Menschen vertragen keine Stille. Andere übten sich zu sehr in Askese, räumen Fernseher und Hifi-Anlage weg – und bleiben trotzdem erfolglos.

Was die beste Lösung sei? «Das muss jeder für sich herausfinden», betont Rückert. Helfen könne dabei ein Lerntagebuch. «Aber bitte nicht aus dem Internet. Das lenkt nur ab.» Dokumentiert wird darin, wie gelernt wurde. Wie erfolgreich das Ganze war. Und daraus lasse sich ablesen, wo man unbedingt Hilfe braucht.

Es gibt aber noch einen anderen Trick, bei der Stange zu bleiben: Belohnung. «Und das ist alles, was ich nach dem Pauken lieber tue als Lernen», erklärt der Psychologe. Doch Belohnung bedeute nicht Flucht. Wer nach dem Frühstück meint, seinen Hunger besänftigen zu müssen, schafft es nicht. «Das Gehirn muss lernen durchzuhalten.» Es brauche aber auch Erholung. Pausen seien also unerlässlich, stellt Jürgen Messer klar.

Schlaf sei wichtiger Bestandteil der Prüfungsvorbereitung. «In dieser Zeit wird Wissen gespeichert», verdeutlicht Rückert. Deshalb sei es kontraproduktiv, sich vor dem Schlafen neues Wissen eintrichtern zu wollen. Erlaubt sei nur Wiederholung. Der Tag vor der Prüfung sollte lernfrei bleiben. «Alles andere signalisiert dem Gehirn ‹Wir wissen noch nicht alles›. Und das sorgt für Panik.»

Wer hingegen Prüfungsangst erlebt habe, sollte eine psychologische Beratung aufsuchen. Oder einen Lernkurs besuchen. «Das hilft, aber nicht auf den letzten Drücker», so der Studienberater. Entspannungstechniken, und zwar prüfungstaugliche, sollten rechtzeitig erlernt werden. Progressive Muskelentspannung sei beispielsweise nützlicher als autogenes Training.

Zudem hilft das Lerntagebuch. «Hier können Stresssituationen und Ängste vermerkt werden, und Realität lässt sich mit Vorstellung vergleichen», betont Rückert. Die fixe Idee, dass Prüfer ihr Gegenüber nur quälen, stelle sich häufig als Gespräch unter Erwachsenen heraus.

Eines gelte für Prüfungsängstliche wie Spätlerner: Schon vor der Prüfung sollten sich Studenten mit dem Fall auseinandersetzen, Fragen nicht beantworten zu können. «Stellen sie Gegenfragen. Antworten sie mit ‹Dazu komme ich gleich, aber zunächst möchte ich noch einen Gedanken ausführen›». Das beweise zumindest, schwierige Situationen meistern zu können.

 

Weiterführende Links:

So lernt das Gehirn: Motivation und Misserfolge dürfen nicht fehlen
Studium: Klare Ziele gegen Aufschieberitis
Bachelor-Studium: Der Leistungsdruck macht Studenten krank

seh/news.de
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