Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Im Volksmund heißen Zeugnisse nicht umsonst Giftblätter. Oft genug lösen sie kleine Familienkrisen aus. News.de sprach mit Schulpsychologin Sandra Rausch über schlechte Zeugnisse und wie Eltern und Kinder damit umgehen sollten.
Frau Rausch, was ist eigentlich ein schlechtes Zeugnis?
Rausch: Das muss im Einzelfall betrachtet werden. Was schlecht ist, legen die Eltern fest. Meist sind das Noten, die unterhalb von ausreichend liegen. Schlecht sollte man aber eher daran festgemacht, ob es Leistungseinbrüche gab, etwa obwohl die Lernbedingungen gut sind. Schlechte Noten können aber auch von Mobbing in der Klasse oder Problemen in der Familie herrühren.
Wie sollten Eltern auf Zeugnisse reagieren, die sie für schlecht halten?
Rausch: Man sollte die Perspektive ändern. Statt dem Schlechtem sollte man das Gute sehen und von diesem Punkt aus gemeinsam mit dem Kind überlegen, wie man die Defizite ausräumt. Viele Eltern legen die Messlatte bei sich selbst an. Die können manche Kinder nicht erreichen. Deshalb sollte man sich fragen, ob man in einigen Fächern auch mit einer 3 leben kann. Ein Kind mit Lese-Rechtschreib-Schwäche wird im Diktat kaum eine 1 schaffen. Das zu fordern, wäre unrealistisch.
Manche Kinder haben Angst, mit einem schlechten Zeugnis vor die Eltern zu treten. Wie können sie die bewältigen?
Rausch: Das ist schwierig, zumal gerade jüngere Kinder von den Eltern emotional stark abhängig sind. Ältere können sich an einen Lehrer wenden, dem sie vertrauen. Oder sich bei der Zeugnisberatung Unterstützung holen. Doch das Gespräch mit den Eltern ist noch immer die beste Lösung.
Das ist nicht einfach, vor allem wenn Eltern sehr streng sind.
Rausch: Selbst wenn sie sich über ein schlechtes Zeugnis ärgern, sollten Eltern sich zurücknehmen. Strenge Reaktionen verschärfen die Angst nur. Zu strafen wirkt immer demotivierend.
Sie halten also nichts davon, die Ferienreise abzusagen, um auf das kindliche Gewissen zu wirken?
Rausch: Das ist der falsche Weg. Den Sommerurlaub wegen schlechter Noten ausfallen zu lassen, ist keine Lösung. Kinder brauchen nach Leistungsphasen entsprechende Pausen. Abschalten zu können, darf nicht von Noten abhängig sein. Im schlimmsten Fall reagieren die Kinder mit Resignation.
Warum reagieren Eltern dennoch auf diese Weise?
Rausch: Enttäuschung spielt dabei eine Rolle. Eltern denken, sie hätten nicht genug getan. Man kann sich durchaus mal aufregen. Aber das darf nicht zum Dauerzustand werden. Statt immer mehr zu fordern, sollten man sich die Ursachen anschauen.
Welche Ursachen treten denn besonders häufig auf?
Rausch: Manche Schüler sind einfach unmotiviert, wobei aber differenziert werden muss. Es gibt beispielsweise Kinder, denen ist es früher leicht gefallen, Unterrichtsstoff zu lernen. Sie haben deshalb nie gelernt, strukturiert vorzugehen. Nimmt die Stoffmenge zu, kommen manche einfach nicht mehr mit. Andere Kinder sind schlicht auf der falschen Schule und dort überfordert. Oder es gibt Probleme im Umfeld der Schule, der Familie.
Kann man gegen die Unstrukturiertheit etwas tun?
Rausch: Bei jungen Schülern gehören weder Fernseher noch Computer an den Lernplatz. Solche Ablenkungen machen es schwer, den inneren Schweinehund zu überwinden. Ein eigener Schreibtisch kann das Arbeiten fördern. Darauf sollte nichts steht, was mit dem Lernen nichts zu tun hat. Viel Licht und vernünftige Sitzverhältnisse sind ebenso wichtig.
Haben sie einen Tipp, wie man den Lerneifer der Kinder besser herauskitzelt?
Rausch: Da ist es entscheidend, Ziele zu setzen. Aber die müssen auch erreichbar sein. Wer zu viel will, der erreicht eher das Gegenteil. Aber auch so einfache Methoden wie ein verbales Lob können motivieren. Zugleich muss man Kindern Freiräume lassen.
Das ist doch aber auch eine Frage der Altersgruppen, richtig?
Rausch: Kleinere Kinder brauchen tatsächlich mehr Unterstützung durch die Eltern. Allerdings beobachten wir eine Tendenz, dass Kinder zu viel unterstützt werden und daher nicht richtig lernen, selbstständig zu lernen. Die Größeren brauchen ihre Unabhängigkeit. Da kann man mal fragen, wie denn die letzte Klausur gelaufen sei oder sich als Lernhelfer anbieten. Doch das müssen die Kinder freiwillig annehmen. Wer alle fünf Minuten fragt, warum diese Aufgabe noch nicht erledigt sei, oder der Test mies lief, drängt Kinder in eine Zwangslage.
Eine solche wäre es auch, Kinder für schlechte Noten den ganzen Sommer in die Nachilfe zu schicken. Was halten Sie davon?
Rausch: In der gesamten Ferienzeit zu lernen, ist unwirksam. Die letzten zwei Wochen eignen sich dafür schon eher, allerdings nicht den ganzen Tag. Zwei bis drei Stunden am Vormittag sind in Ordnung, der Nachmittag sollte frei gestaltbar sein. Nachhilfe außer Haus ist eine gute Lösung. Manchmal fällt der Zugang über eine fremde Person leichter. Zugleich muss man schauen, was sich lohnt. Nachhilfeinstitute sind manchmal sehr teuer. Eine Alternative sind ältere Schüler. Die sind näher am Stoff und zudem ungefähr die gleiche Altersgruppe. So lassen sich Defizite mitunter ungezwunger angehen.
Wie sinnvoll ist es, Noten mit materiellen Werten zu belohnen?
Rausch: Kurzfristig mag es helfen. Auf lange Sicht verhindert Geld für gute Noten, dass Kinder aus eigener Motivation heraus etwas lernen oder sich in ein Thema vertiefen, das sie interessiert. Dieses ständige Belohnen führt zu einer Kultur des «Ich lerne nur, wenn ich dafür bezahlt werde». Wenn schon Belohnung, dann lieber mit einem Ausflug oder einem Spieleabend.
Sandra Rausch (37) arbeitet als Schulpsychologin in Mannheim und ist Landesvertreterin der Sektion Schulpsychologie in Baden-Württemberg.
Weiterführende Links:
Medientreffpunkt Mitteldeutschland: Keine Angst vor dem digitalen Lernen
Lernmethode: Stehen bringt Schwung in den Unterricht
Mobbing: Die Angst lehrt im Klassenzimmer
Lernstudie: Zwei Fremdsprachen fallen Kindern nicht schwer
So lernt das Gehirn: Motivation und Misserfolg dürfen nicht fehlen
Kleine Genies: «Die Bildung muss das Kind abholen»