Von Eva Krafczyk
George Orach war Kindersoldat. Der Bürgerkrieg in Uganda hat ihm zehn Jahre seines Lebens geraubt. Er hat Verletzungen davon getragen, fast hätte sein Fuß amputiert werden müssen. Doch der 27-Jährige gibt nicht auf und hat eine Familie gegründet.
Jeden Morgen beginnt der Tag für George Orach mit einem Verbandswechsel. Die Wunde am Knöchel nässt, und er humpelt schwerfällig. Doch der 27-jährige Ugander will nicht klagen. «Die Ärzte wollten den Fuß amputieren, aber das habe ich nicht zugelassen», sagt er. Lieber akzeptiert er die Schmerzen, die ihm sein Fuß Tag für Tag bereitet.
Der ehemalige Kindersoldat aus dem ugandischen Bürgerkrieg will nicht aufgeben - trotz der Schussverletzung, die ihm nun schon Jahre zu schaffen macht, und trotz der Splitterverletzungen und Schrapnellnarben, die Rücken, Kopf und Brust zeichnen.
George hätte allen Grund, verbittert und zornig zu sein. Der Bürgerkrieg in Norduganda und die «Widerstandsarmee des Herrn» (LRA) des Rebellenführers Joseph Kony haben ihm Jahre seines Lebens geraubt. Zehn Jahre lang war er in der Gewalt der LRA, einer von rund 30.000 Kindern und Jugendlichen, die die Rebellen in den 20 Jahren des Bürgerkriegs verschleppten und zwangen, für sie zu kämpfen. Seit fünf Jahren versucht er wieder im Zivilleben Fuß zu fassen. Mit seiner Frau Jane und vier Kindern lebt er in einer kleinen Hütte auf dem Grundstück seines Bruders in einem Dorf bei Gulu im Norden Ugandas.
Die Kriegsverletzung erwies sich als sein Weg in die Freiheit: Die Rebellen ließen ihn mit einer Gruppe von Kindern zurück, weil sie nicht Schritt halten konnten. «Als die LRA-Kämpfer mich verschleppt haben, wusste ich, was auf mich zukommt», erzählt George nüchtern. Zu viele Mädchen und Jungen waren zu diesem Zeitpunkt schon entführt worden, und er wusste, dass sie gezwungen wurden, für die LRA zu kämpfen.
Doch er hatte Glück, wie er sagt, denn mit seinen fast 13 Jahren war er schon einer der Großen, und die Rebellen fürchteten, er könne fliehen, wenn er an die Front käme. Die meiste Zeit verbrachte er daher in einem der LRA-Lager im Südsudan, baute Mais und Gemüse zur Versorgung der Rebellen an. Eine Ausbildung als Soldat erhielt er zwar, durfte das Lager aber nur verlassen oder wurde in den Einsatz geschickt, wenn er von einem der Kommandeure gut bewacht werden konnte.
Mädchen als Sexsklavinnen verschleppt
In dem sudanesischen Lager lernte er auch seine heutige Ehefrau Mary kennen. Sie war als Zwölfjährige von der LRA verschleppt worden und wie viele Mädchen einem Rebellen als Frau zugewiesen worden. Ihre zwei älteren Kinder stammen aus dieser Zwangsverbindung, der dreijährige Ivan und die vier Monate alte Dora sind Georges Kinder. Anders als viele ugandische Männer sieht er auch die beiden Großen als seine Töchter an. «Ich weiß doch, dass Mary keine Wahl hatte», sagt er knapp. Zudem hatte er im Lager ein gutes Verhältnis zu dem Vater der älteren Kinder - der starb im Kampf.
2003 ließ die LRA die junge Frau und ihre Kinder frei - Ergebnis des zunehmenden Drucks auf die LRA, wenigstens die als Sexsklavinnen verschleppten Mädchen gehen zu lassen.
Erst in der Freiheit, vor gut vier Jahren, begann die Liebesbeziehung der beiden ehemaligen Kindersoldaten. «Ich habe im Radio Georges Namen gehört, und ich wollte ihn in der Freiheit willkommen heißen», schildert Mary das Wiedersehen in einem Aufnahmelager für ehemalige Kindersoldaten in Gulu Anfang 2005. George war erst kurz zuvor eingetroffen.
In der nordugandischen Stadt werden ehemalige Kindersoldaten von Ärzten und Psychologen betreut, hier wird auch der erste Kontakt mit den Angehörigen gesucht. Doch viele Familien waren aus ihren Dörfern geflohen, lebten in Flüchtlingslagern. George hatte erneut Glück - seine Familie kam nach Gulu, um ihn willkommen zu heißen. Sein Bruder Phillip, inzwischen ein recht erfolgreicher Bauunternehmer, bot ihm die Hütte auf seinem Grundstück an, machte ihm aber auch klar: Helfen musst du dir selbst. Für George und Mary eigentlich eine Selbstverständlichkeit. George ist einfach froh, dass er für seine Familie der heimgekehrte verlorene Sohn ist und noch immer als einer der Ihren akzeptiert wird.
Hass und Ablehnung im Heimatdorf
Denn für viele ehemalige Kindersoldaten ist die Rückkehr mit Bitterkeit verbunden. Die Menschen in den Dörfern erinnern sich an all die Gräueltaten, die von den LRA-Kämpfern begangen wurden. Erinnern sich, dass die geraubten Kinder zum Morden, Vergewaltigen und Foltern gezwungen wurden, und fragen sich, wie viel von den Killern des Bürgerkriegs in den heimgekehrten Jugendlichen steckt.
Als George in das Heimatdorf seiner Familie kam, schlugen ihm Hass und Ablehnung entgegen. Er versuchte trotzdem einen Neuanfang, zog Gemüse auf dem Land seiner Familie. Sein Vater überließ ihm schließlich ein Stück Sumpfland für den Anbau von Zuckerrohr. Eine Stunde braucht George, um das Feld zu erreichen, langsam auf einem alten klapprigen Fahrrad, seine Krücken balancierend.
Die Dorfbewohner sahen, wie er sich abrackerte. Doch kurz vor der Ernte wurde seine ganze Arbeit zunichtegemacht - als George eines morgens auf seine Felder kam, war alles zertrampelt und niedergebrannt. Die Menschen im Dorf versuchten gar nicht erst, Unschuld zu beteuern. «Du sollst sehen, wie es uns erging in all den Kriegsjahren», bekam George zu hören. Er ging nicht zur Polizei, er klagte nicht, suchte keinen Konflikt. Er bestellte seine Äcker von neuem und wieder wurde seine Ernte zerstört.
Danach redete Dora Alal, Sozialarbeiterin aus dem Aufnahmezentrum in Gulu, mit den Dorfbewohnern, versuchte zu vermitteln. «Es gibt viel Misstrauen gegen die ehemaligen Kindersoldaten», sagt sie. «Das ist verständlich, nach dem, was sie im Bürgerkrieg erlebt haben. Aber es gibt Opfer auf beiden Seiten.» Nach vielen Gesprächen war die Vermittlerin erfolgreich. Jetzt kann George unbehelligt arbeiten. Zwar spürt er weiter Misstrauen, doch die Dorfbewohner lassen ihn in Ruhe. Im vergangenen Herbst hat er zum ersten Mal Zuckerrohr geerntet.
Es war harte Arbeit. Georges Hände sind voller Schwielen. Im sumpfigen Gebiet findet er mit seinen Krücken nur schlecht Halt, um mit der Machete kraftvoll auszuholen und das Zuckerrohr zu schneiden. Doch diesmal hat sich die Plackerei gelohnt, er konnte die Ernte zu einem guten Preis verkaufen. Das Geld ist der Grundstock für die neue Existenz, für das Haus, das er für seine Familie bauen will, außerhalb des Grundstücks seines Bruders.
Oft denken George und Mary an die anderen geraubten Kinder. Viele ihrer Leidensgenossen im Lager sind inzwischen tot, einige konnten wie sie fliehen oder wurden von den LRA-Rebellen frei gelassen. Wieder andere sind noch immer bei den Rebellen, die sich inzwischen im Nordostkongo im Dschungel verschanzt haben und dort weiter morden in einem Kampf, den niemand mehr versteht.
Weiterführende Links:
Kindersoldaten: «Die Rückkehr ins Leben ist das Härteste»
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