Von news.de-Redakteurin Anwen Roberts
Tamiflu soll fortan an die ärmsten Länder der Welt vergünstigt abgegeben werden. Doch das Grippemittel wird immer unwirksamer gegen Schweinegrippe. Zumindest nehmen Resistenzen schneller zu als gedacht. Ist das der Grund für die Discounter-Taktik des Herstellers?
Der Schweizer Pharmakonzern Roche will Entwicklungsländern den Zugang zum Grippemittel Tamiflu zu günstigen Bedingungen erleichtern. Am Mittwoch hatte der Schweizer Konzern die Schaffung eines Reservierungsprogramms bekanntgegeben, mit dem Tamiflu-Vorräte für bestimmte Entwicklungsländer hergestellt und gelagert werden sollen.
Nach der Herstellung würden die vorgemerkten Kontingente eingelagert und erst bei Bedarf in die entsprechenden Länder verschickt werden, zu einem besonders günstigen Kaufpreis. Die um gut die Hälfte reduzierten Kosten könnten zudem über mehrere Jahre verteilt werden, wie es in einer aktuellen Mitteilung von Roche heißt.
Die Vorräte sollen erst verschickt werden, wenn im betreffenden Entwicklungsland eine Grippeepidemie oder eine öffentliche Gesundheitsnotlage ausgerufen wird. Die Länder könnten die Option zum Kauf des Mittels aber jederzeit in Anspruch nehmen.
Zurzeit haben nur sechs der als einkommensschwach geltenden Länder einen Tamiflu-Vorrat, sagte David Reddy, Leiter der Taskforce für Globale Pandemie-Bereitschaft bei Roche. Das entspreche einer Deckung von lediglich 0,02 Prozent in den ärmsten Ländern weltweit.
Das Programm soll die Seuchenprävention in Ländern vorantreiben, die sich sonst keine Grippemittel leisten würden - oder aber: die das Medikament sonst nicht unbedingt benötigen würden.
Denn erstens ist mittlerweile bekannt, dass die «Wunderwaffe» Tamiflu gar keine ist. Zumindest wird die Waffe bereits stumpf, wie es die Süddeutsche Zeitung ausdrückt. Die Resistenzen mehren sich auch in unseren Breiten, allein durch die Einnahme als Heilmittel gegen die normale Wintergrippe. So sollen nach Angaben der Zeitschrift Arznei-Telegramm im vergangenen Winter in Deutschland schon fünf Prozent der Patienten gegen Tamiflu resistente Viren im Körper gehabt haben, Tendenz mit vermehrter Einnahme des Mittels: steigend.
Zweitens sind ausgerechnet die Länder, denen das großmütige Sparprogramm gilt, am wenigsten betroffen. Fast alle Staaten auf der UN-Liste der Entwicklungsländer (LDCs) liegen in Afrika oder Asien, einige davon kleine Inselnationen wie die Salomonen, Samoa und Vanuatu. In diesen drei Kleinstaaten ist jeweils eine Schweinegrippe-Erkrankung gemeldet.
Auf den Kapverden vor der afrikanischen Küste sind sogar drei Fälle aktenkundig. Ansonsten ist von den afrikanischen LDCs nur Äthiopien betroffen: Zwei Erkrankungen.
Die restlichen Schweinegrippe-Fälle in Entwicklungsländern sind auf den asiatischen Raum begrenzt: Bangladesh (8), Kambodscha (6), Laos, Nepal (je 3), Myanmar (1). Von den 50 ärmsten Ländern der Welt sind somit nur in zehn Staaten vereinzelt Fälle gemeldet - insgesamt 30 Fälle, davon keine Todesfälle.
Das wiederum entspricht rund 0,00038 Prozent der Gesamtzahl der Fälle weltweit, und 0,0015 Prozent der aktuellen Fälle - die Rate ist also noch ein ganzes Stück niedriger als die vermeintlich unzulängliche Abdeckung der Bevölkerung.
In diesem Zusammenhang scheint die Discounter-Medizin also mehr Marketing-Gag als medizinische Notwendigkeit oder gar Gutmenschentum zu sein - ein kreatives Gegensteuern, bevor die derzeit hohe Nachfrage des Mittels ins Gegenteil kippt und Tamiflu sich als Ladenhüter entpuppt.
Ein klassisches Strohmann-Argument, denn mit der Verschiebung der Aufmerksamkeit auf ein paar vergleichsweise «uninteressante» Länder wird vom grundsätzlicheren Problem abgelenkt: Wer will überhaupt noch Tamiflu haben?
Der Hersteller Roche muss sich laufend durch Fluktuationen von Angebot und Nachfrage neu orientieren, die Medikamentenentwicklung braucht auch immer einige Wochen Bearbeitungszeit. Nach dem ersten Pandemie-Hoch scheint der Absatz jetzt aber wieder zu stagnieren.
Länder wie Großbritannien, die palettenweise Tamiflu angefordert hatten, wissen mit ihren Endlosvorräten wenig anzufangen, doch liegt das Medikament einsatzbereit in riesigen Stapeln herum. Deckung bis zur Decke heißt die Devise. Auch finden sich allmählich immer häufiger Berichte über die Unwirksamkeit bis hin zu Schädlichkeit (hinsichtlich Resistenzen) - sogar in Schweizer Medien.
Weiterführende Links:
Fakten zur Schweinegrippe: Panikmache auf Rezept
Höchste Alarmstufe: WHO erklärt Schweinegrippe zur Pandemie
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kat/news.de/ap