Zirka 5000 Ehrenmorde werden jährlich begangen. In den 47 Mitgliedsländern des Europarats sollen diese Verbrechen durch strenge Bestrafung ausgemerzt werden, erklärt die Versammlung. Soziologe Dietrich Oberwittler plädiert für mehr Aufklärung.
«Diese Verbrechen haben nichts mit Ehre zu tun», sagte der britische Sozialist John Austin. Die schweren Verletzungen der Grundrechte von Frauen würden zumeist «von Männern begangen, um die Sexualität von Frauen zu kontrollieren». Nach einer britischen Untersuchung ist der Mord die extremste Form dieser Gewalt gegen Frauen, die mit Verstößen gegen die Familienehre begründet wird. Dazu zu rechnen seien auch Zwangsheiraten und Jungfräulichkeitstests, sagte die schwedische Sozialdemokratin Carina Ohlsson.
Der Kampf gegen diese Gewalt müsse bei der Erziehung anfangen. «In den Familien werden die Frauen bereits in jungen Jahren auf die Gewalt in sozialen Beziehungen vorbereitet, die sie zu akzeptieren haben», sagte der polnische Sozialist Marek Wikinski.
Nach Angaben der Parlamentarier nimmt die Zahl dieser Verbrechen in verschiedenen Kulturkreisen zu. Sie seien keinesfalls auf muslimische Gemeinschaften beschränkt. «Keine Religion dieser Welt schreibt Ehrenmorde vor», sagte Austin. Weltweit wird die Zahl der Ehrenmorde auf etwa 5000 geschätzt.
Nach Ansicht des Soziologen Dietrich Oberwittler ist ein Ehrenmord aber ein «sehr seltenes Ereignis». Auch wenn es eine verstärkte Aufmerksamkeit der Medien dazu gebe, liege die Zahl der Ehrenmorde bei etwa fünf im Jahr. Oberwittler forscht am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg und untersucht im Auftrag des Bundeskriminalamtes die bisherigen Ehrenmorde in Deutschland.
«Der klassische Ehrenmord, bei dem ein männlicher Verwandter eine junge Frau tötet, ist auch nicht typisch und kennzeichnend für ganz bestimmte Migrantengruppen», sagte Oberwittler. Der Begriff Ehrenmord werde auch zu schnell verwendet, selbst wenn eine Frau wegen Trennungsabsichten umgebracht wurde. «Aber auch deutsche Partner bringen Frauen um, und da geht es auch um Besitzansprüche.»
Während die Öffentlichkeit die Fälle getöteter Frauen stark wahrnehme, würden Gewalttaten an Männern, die eine Frau mit ausländischen Wurzeln heiraten wollen, kaum registriert, fügte der Experte hinzu. «Dabei sind das Motiv und die Konstellation gleich. Die Angehörigen akzeptieren den Lebenswandel und die Partnerwahl der jungen Frau nicht, weil sie nicht den Normen der Familie entsprechen.» Es sei extrem schwer auf solche Familien von außen einzuwirken, ergänzt Oberwittler. «Als Aufnahmegesellschaft stellen wir zwar die Prinzipien wie Gleichberechtigung in den Raum, aber das muss auch von der Migrantengruppe angenommen werden.»
Das Strafrecht in Deutschland orientiere sich deshalb am hiesigen Wertemaßstab. «Bei Ehrenmorden gab es an deutschen Gerichten früher die Tendenz, unterschiedliche kulturelle Vorstellungen als strafmildernd zu betrachten.» Mittlerweile sei klar, dass sich auch Migranten an deutsche Rechtsnormen halten müssen. Eine Anhebung des Strafmaßes hält Oberwittler nicht für sinnvoll. Es habe zwar eine gewisse abschreckende Wirkung. «Tötungsdelikte in der Familie sind aber nie rational bedacht.»
Der Forscher sprach sich vielmehr für soziale Angebote aus, die gezielt in die Migrantenfamilien getragen werden. «Alle Maßnahmen, die dem Schutz der Frauen aus ethnischen Minderheiten helfen - wie spezielle Frauenhäuser - sind sinnvoll.» Aber auch Männer, die die alten Werte ihrer Familien hinterfragen und sich gegen Zwangs- und arrangierte Ehen wehren wollte, brauchten mehr Unterstützung.
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