Hammer an Großhirn
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Von news.de-Redakteurin Anwen Roberts
Artikel vom 24.06.2009Was Heimwerker und Medienphilosophen längst wussten, ist jetzt empirisch belegt: Werkzeuge werden bei Gebrauch schnell als Teil des eigenen Körpers betrachtet - und so ins Selbstbild integriert, dass sich der Arm nach dem Hämmern länger anfühlt.
«Der Stuhl ist lediglich die Ausweitung des menschlichen Hinterns», behauptete der Medientheoretiker Marshall McLuhan schon vor Jahrzehnten. Zugegeben, er wählte einen sehr weiten Begriff von «Medien», doch betonte er mehrfach, wie sehr körperliche Unzulänglichkeiten Erfindung und Gebrauch von Medien vorangetrieben hätten.
Für McLuhan ist der Computer demnach nur ein ausgelagertes Gehirn, ein Mikrophon ein Ersatzmund, sogar der Schuh ein Fußmedium und so weiter... Doch an sich ist der Gedanke dahinter logisch: Unsere technischen Hilfsmittel und Werkzeuge sollen dort hinkommen, wo wir selbst gar nicht mehr heranreichen können - dazu erfinden wir sie schließlich.
Um unsere Körper herum wabert ein automatisch erzeugtes Selbstbild - das sogenannte Körperschema. Von Körperschemastörung spricht man etwa bei Magersüchtigen, da sich bei ihnen die tatsächlichen Körpermaße nicht mehr mit den «gefühlten» Maßen in Einklang bringen lässt. Mit Magersucht eng verwandt sind auch andere Störungen wie BIID, die erst in jüngster Zeit überhaupt näher erforscht werden.
Denn das Körperschema ist kein statisches Bild - kein Zettelkatalog, in dem nur noch Größe und Gewicht fehlen. Vielmehr ist es ständigen Anpassungen und Korrekturen unterworfen. Aus allen Sinnesinformationen filtert das Gehirn solche heraus, die der Positionierung des Körpers in Raum und Zeit dienen. So weiß man jederzeit, wo sich sein linker Arm befindet, wie gut versorgt und wie lang er ist und was er gerade tut.
Interessant wird es dann, wenn der Arm verlängert wird - durch Hammer, Zange oder Griffel. Der Gebrauch von Werkzeugen wurde lange als Inbegriff dessen angesehen, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Unglücklich nur, weil sich im Laufe der Zeit herausstellte, dass keineswegs nur Menschen Werkzeuge gebrauchen. Ganz im Gegenteil wurden im Tierreich noch die originellsten Dosenöffner, Zangen und Greifarme gesichtet.
Somit ist auch klar, dass Werkzeuggebrauch eine Fähigkeit ist, der menschliches wie tierisches Gehirn irgendwie Rechnung tragen müssen. Dass das Gehirn dazu neigt, Werkzeuge wie eigene Körperteile anzusehen, wird seit fast einem Jahrhundert zwar vermutet. Doch erstmals gibt es einen experimentellen Beleg für die Veränderlichkeit des Körperschemas.
Ein Werkzeug in der Hand wird nämlich förmlich mit ins Körperschema eingebaut, so das Ergebnis einer Studie von Lucilla Cardinali und Kollegen vom französischen Medizinforschungszentrum Inserm in Bron, die in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Current Biology erschienen ist.
Ihr Nachweis war denkbar geradlinig: Sie ließen Probanden erst mit einem mechanischen Greifarm nach einer kleinen Box tasten, dann dieselbe Aufgabe ohne Hilfsmittel erledigen. Resultat: Der Werkzeugarm war im Geiste «verlängert» worden, wie Wahrnehmungstests dann ergaben.
Doch auch in den Bewegungsabläufen konnten die Versuchsleiter ein verändertes Körperbild festmachen, denn die mechanischen Eigenschaften des verlängerten Arms hatte das Gehirn der Probanden gleich mit abgespeichert. Deshalb stellten sie nach der Schemaveränderung auch andere Bewegungsmuster bei den Probanden fest.
Binnen Minuten hat sich also das Körperbild den so verlängerten Gliedmaßen angepasst. Das Verblüffende daran ist aber, dass dieses ausgedehnte Selbstbild auch dann noch anhält, wenn wir das Gerät längst wieder aus der Hand gelegt haben.
Eigentlich gut, dass unser Gehirn die gefühlte Armlänge sofort anpasst und nicht sofort wieder auf Originallänge zurückspringt. Sonst würden wir uns bei jedem Zähneputzen selbige ausschlagen, wird Studienleiterin Cardinali im Blog der Fachzeitschrift The Scientist zitiert. «Die Zahnbürste ist dann ein fester Bestandteil des Körperschemas, das zu unserem Arm gehört», so Cardinali.
Weiterführende Links:
Jane Goodall: Im Griff der Klammeraffen
Aus dem Netz:
«Spiegel Online» über tierische Intelligenz: Krähen, die sich ihr Werkzeug selbst bauen
kat/news.de