Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Rund 250.000 Menschen streiken in mehr als 90 Städten für bessere Bildung. News.de sprach mit der sächsischen Bildungsgewerkschaftlerin Cornelia Falken darüber, warum Bildung nicht hinter der Wirtschaftskrise zurückstehen dürfe.
Frau Falken, warum beteiligt sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Sie als Kreisvorsitzende in Leipzig vertreten, an dem Bildungsstreik?
Falken: Weil wir als Gewerkschaft fordern, dass endlich mehr Geld in Bildung investiert wird und sich an den Strukturen des Bildungssystems schnellstens etwas ändert. Es kann nicht sein, dass man in Deutschland sehr viel Geld für die Abwrackprämie ausgibt, für die Bildung aber keine müde Mark übrig hat.
Warum ist der Streik mitten in einer Wirtschaftskrise notwendig?
Falken: Die Lage im Bildungsbereich spitzt sich zu. Und die Erzieher haben Arbeitsbedingungen und eine Bezahlung, die nicht mehr vertretbar ist. Wir müssen und sollten uns wehren. Und weder die Eltern noch Schüler und Gewerkschaft wollen, dass Kinder nach der vierten Klasse in Gute und Schlechte sortiert werden.
Die Schulen wollen das längere gemeinsame Lernen einführen, können es aber derzeit nicht. Natürlich gibt es auch große Probleme an den Hochschulen, weil der Hochschulpakt klar besagt, dass nicht Qualität, sondern Masse das Geld bringt. Die Studierenden haben davon aber überhaupt nichts.
Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz hält die Kritik an der Bologna-Reform für übertrieben. Wie sehen Sie das?
Falken: Politiker versuchen im Wahljahr alles so zu verkaufen, dass besonders schön ist, was sie machen. Die Realität sieht aber ganz anders aus. Ich würde ihr empfehlen, sich in Bildungseinrichtungen sehen zu lassen und anzuschauen, was wirklich passiert.
Wie stehen Sie zu der Forderung der streikenden Schüler, ein eingliedriges Schulsystem einzuführen?
Falken: Das mehrgliedrige Schulsystem sollte ganz schnell abgeschafft werden. Allerdings ist das ein Prozess, der mindestens fünf Jahre dauern wird.
Was kann man kurzfristig tun, damit sich die Bildung in Deutschland verändert?
Falken: Im strukturellen Bereich ließe sich einiges machen, was nicht vorrangig Geld kostet. Da ist für mich zum Beispiel die Abänderung der gymnasialen Oberstufenreform in Sachsen. Dann sollte endlich das längere gemeinsame Lernen eingeführt werden. Das ist allerdings ein Prozess, der von unten nach oben wachsen muss. Zudem sollte die Bachelor- und Masterausbildung überarbeitet werden, denn das Modulangebot ist so nicht tragbar und auch nicht effektiv.
Warum, glauben Sie, sind die politischen Reaktionen auf den Bildungsstreik bislang so verhalten?
Falken: Für die Erzieher haben die Politiker in Köln bereits Stellung bezogen und gefordert, dass sich etwas zum Positiven wenden muss. Im Bereich der Studenten und Schüler hatten sie bis jetzt nicht die Notwendigkeit zu handeln. Doch der nötige Druck ist mit den Bildungsstreiks nun da.
Was stört die Schüler und Studenten derzeit am meisten?
Falken: Dass sie das Gefühl haben, dass sie in den gesamten Prozess der Bildung und Erziehung nicht einbezogen sind. Dass sie nicht das Gefühl haben, selber mitgestalten und ihre Ideen mit einbringen zu können. Das ist ein Potenzial, das uns verloren geht.
Cornelia Falken ist Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Leipzig und bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im sächsischen Landtag.
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