Mo., 13.02.12

Trauer-Knigge Damit wir uns beim Trauern zu benehmen wissen

Von Julia Spurzem

Artikel vom 09.06.2009

Klaus Dirschauer hat Tausende Menschen trauern sehen. Viele von ihnen nicht in gebührener Art und Weise, wie der pensionierte Pfarrer findet. Deshalb hat er ein Buch über das Benehmen beim Trauern geschrieben - und es «Trauer-Knigge» genannt.

Wenn Klaus Dirschauer an offenen Gräbern Trauerreden hielt, erlebte er oft, dass Trauernde sich nicht zu benehmen wussten. Einmal war es das laute Klingeln eines Mobiltelefones, das die Zeremonie störte, oder zwei Damen unterhielten sich laut schnatternd in einer Ecke. Dirschauer sagte meist nichts - schließlich hätte das nur noch mehr Schaden angerichtet.

Doch nach seiner Pensionierung wollte der Bremer Pfarrer das Thema aufgreifen. Nun hat Dirschauer einen Trauer-Knigge geschrieben, um der Gesellschaft, die sich seiner Ansicht nach inzwischen in Trauerbräuchen nicht mehr so gut auskennt, einen Ratgeber und Verhaltensregeln an die Hand zu geben.

In Dirschauers Büchlein, das demnächst erscheinen soll, geht es um Fragen wie: Was ziehe ich zu einer Beerdigung an? Reicht irgendwas Dunkles oder muss es ein schwarzer Schleier sein? «Früher wurden solche Regeln innerhalb der Familie oder Gesellschaft weitergetragen. Heute aber wissen manche Leute einfach nicht mehr, wie sie sich im Trauerfall verhalten sollen», sagt der 72-Jährige. Viele fühlten sich dadurch verunsichert.

Dirschauer will die Leser seines Buches auch wieder zum Kondolieren ermutigen. Dabei sollte man nicht zum Telefonhörer greifen, wenn man vom Tod eines Bekannten erfährt, sondern lieber einen Brief schreiben, sagt er. «Die Briefe werden meist nochmal gelesen und geben den Trauernden dann Kraft.» Schließlich sei Trauer auch Arbeit und ein mühsamer Prozess, in dem solche kleinen Dinge hilfreich sein könnten.

Generell geht es Dirschauer darum, dass sich die Menschen wieder mehr mit Tod und Trauer auseinandersetzen. Wer lerne, wie er sich verhalten sollte, bereite sich auf die Situation auch gezielter vor. Natürlich, sagt Dirschauer, gebe es zahlreiche Ratgeberbücher. Davon habe er selber einige geschrieben. Doch sie fragten meist danach, wie der Mensch Tod und Trauer innerlich bewältigen könne. In seinem «Trauer-Knigge» aber gehe es um das «Betragen».

Dirschauer beschäftigt sich schon lange mit dem Trauern. Als Pastor nahm er manches Mal zwischen fünf und sieben Beerdigungen am Tag vor. Später untersuchte er rund 10.000 Traueranzeigen in einer Zeitung und stellte fest, dass sich in der Sprache der Trauernden vieles geändert hat. Meist werde darin nicht von «sterben» gesprochen, sagt Dirschauer. Es finden sich eher die Formulierungen, jemand sei «heimgegangen» oder «entschlafen». Laut dem Bremer ein Indiz dafür, dass der Ritus des Sterbens, der sich einst in vertrauter Umgebung zu Hause vollzog, heute zu einer fast schon klinischen Routine geworden ist.

Häufig sei niemand dabei, wenn der Tod eintrete, und so werde gerne die barmherzige Standardversion der Ärzte übernommen, jemand sei «entschlafen», erklärt Dirschauer. Durch diesen Abstand hätten viele auch verlernt, mit der Trauer angemessen umzugehen. «Ich habe schon viele Trauerfeiern gesehen, bei denen die Besucher in Jeans und Pulli aufgetaucht sind und bis kurz vor der Feier vor der Kirchentür Zigaretten rauchten», sagt Dirschauer. Doch der Pastor will durch solche Äußerungen keine Vorwürfe erheben. «Es geht mir nicht um Belehrung. Ich will den Menschen einfach nur etwas an die Hand geben.»

Und so hat Dirschauer sein Buch ganz bewusst «Trauer-Knigge» genannt. Denn auch Adolph Freiherr von Knigge, der die Menschen des 18. Jahrhunderts den Umgang mit Ihresgleichen lehrte, wollte den Menschen Orientierung geben.

Knigge war wie Dirschauer ein Bremer. Und in Fragen des Betragens ist Dirschauer gar nicht so weit von seinem Vorbild entfernt. Denn auch Knigge hat schon vor 300 Jahren festgestellt, dass es mit den Trauerriten nicht zum Besten stand: «Bei Sterbebetten, Geburtsfesten und andern solchen Gelegenheiten enthalte Dich aller steifen, feierlichen Akte, prunkvollen Deklamation und Theaterszenen», empfahl der Freiherr in seiner berühmten Schrift «Über den Umgang mit Menschen». Dirschauer will diese Empfehlungen nun aufgreifen und weitergeben.

Weiterführende Links:

Internationaler Frauentag: Ritter sind nicht mehr gefragt
Flugzeugabsturz: An einem leeren Sarg kann man nicht trauern
Nach dem Absturz: «Trauer erscheint als unendlich hoher Berg»

iwi/iwe/news.de/ddp

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