Von Gregory Katz
Ein britisches Projekt friert Milliarden Samen zahlloser Pflanzenarten ein. Die «Millenium Seed Bank» will die Artenvielfalt für kommende Generationen erhalten - doch schon in der Gegenwart geht den Projektleitern das Geld aus.
Der unterirdische Bunker im ruhigen englischen Wakehurst hält radioaktiven Niederschlägen und einem Düsenflugzeug stand. Das hochmoderne Gebäude dient jedoch nicht als Unterschlupf des Verbrechers im nächsten James-Bond-Film, sondern beherbergt die mit 1,5 Milliarden Samen von 25.000 verschiedenen Pflanzenarten weltweit facettenreichste Saatenbank.
Angesichts der Finanzkrise befürchten die Betreiber jedoch eine Kürzung ihrer Mittel, sodass sie Ende nächsten Jahres ihre Arbeit beenden müssten. Das «Millennium Seed Bank Project» südlich von London ist ein stiller Ort. Junge Wissenschaftler in weißen Kitteln verbringen Stunden damit, Samen mit Hilfe von Mikroskopen, Skalpellen, Pinzetten und winzigen Bürstchen per Hand zu reinigen.
Der größte ist der doppelte Kokosnusssamen, der fast die Größe von zwei Kokosnüssen besitzt. Am kleinsten ist das Saatgut der Venus looking glass (triodanis perfoliata), von dem mehr als eine Billion Samen in einen kleinen Behälter passen.
Aufbewahrt wird das Saatgut bei minus 20 Grad Celsius. «Hier liegt das Herz der weltweiten Artenvielfalt», sagt Paul Smith, Leiter der Saatenbank. «Das ist wichtig für die Menschheit, aber wenn sich unsere Finanzierung nicht verbessert, müssen wir mit dem Zusammentragen des Saatguts aufhören.»
Bis 2020 will das «Millennium Seed Bank Project» Saatgut von einem Viertel aller Pflanzenarten auf der Erde einlagern. Geht man wie die Wissenschaftler der Saatbank von weltweit insgesamt 300.000 Pflanzenarten aus, so ist dieses Ziel bereits zu einem Drittel erreicht.
«Der geschätzte Wert dieses Projektes geht ins Unermessliche», sagt David Astley von der Abteilung für Genforschung der Universität Warwick in England. «In Anbetracht dessen, was in der Welt vor sich geht, erscheint es unvermeidlich, dass genetisches Material verloren geht. Viele Wissenschaftler befürchten, dass es mit näher rückender Erderwärmung bald zu spät sein könnte, dieses Material zu konservieren.»
Ähnlich sieht es der Leiter der Saatenbank. «Vor zwanzig Jahren wussten wir noch nicht, dass das Madagaskar-Immergrün Leukämie bei Kindern derartig reduzieren könnte», sagt Smith. «Wer weiß, was wir so in der Bank haben? Unsere Sorge ist es, genau solche Schätze in der Wildnis zu verlieren, bevor wir die Chance haben, ihren Nutzen zu erkennen. Ihre Samen zu lagern ist daher der erste logische Schritt.»
Die britische Saatbank ist jedoch nicht die einzige. Weltweit gibt es mehr als 1.000 solche Einrichtungen, wie beispielsweise die kürzlich in den arktischen Gewässern Norwegens eröffnete Saatbank «Doomsday». Dort lagern mehr als eine Milliarde Samen von Kulturpflanzen.
Die Saatenbank in Wakehurst ist eigenen Angaben zufolge allerdings weltweit die einzige Einrichtung ihrer Art, die vor allem Samen von Wildpflanzen und nicht nur von Kulturpflanzen beherbergt.
Die «Seed Bank» lagert die Samen aber nicht nur, es gibt sie auch weiter. So werden Samen aus England in Australien genutzt, um herauszufinden, welche Pflanzen auf salzigem Boden gedeihen. Die Bank hilft außerdem dabei, hohes Präriegras in den USA und tropische Wälder auf Madagaskar wieder anzusiedeln.
Doch das ehrgeizige Projekt ist teuer. Pro Pflanzenart fallen rund 2.300 Euro an, um die Samen einzuschiffen, akribisch zu reinigen, mit Ultraschall nach Insektenbefall zu überprüfen und einzufrieren. Inzwischen verfügt die Bank über mehr als 120 Partner in rund 50 Ländern, in denen Samen gesammelt und aufbewahrt werden. Teilweise wird das Saatgut sowohl in dessen Heimatland wie auch in der britischen Bank aufbewahrt.
Begonnen hat das Projekt unter den Royal Botanical Gardens in Kew im Jahr 2000 mit 72 Millionen Pfund (77 Millionen Euro), hinzu kamen etwa 110 Millionen Pfund aus Einnahmen der britischen Lotterie sowie von der Regierung und privaten Sponsoren.
In den vergangenen Monaten sah sich die Saatenbank allerdings schrumpfenden Budgets gegenüber. «Wir konnten nicht soviel Geld zusammenbekommen, wie wir gehofft hatten», sagt Smith. Ihm zufolge muss die Samenbank in den nächsten zehn Jahren jährlich rund zehn Millionen Pfund zusammenbekommen, um weiterarbeiten zu können.
Einige der Pflanzenarten, deren Samen in Wakehurst lagern, sind in der Wildnis bereits verschwunden, weil ihr Lebensraum zerstört wurde. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie in den kommenden Jahrhunderten wieder angesiedelt werden können. Bestimmte Samen könnten unter idealen Bedingungen Tausend Jahre lagern.
So gelang es Forschern der Bank, mehr als 200 Jahre alte Samen zum Sprießen zu bringen. Das Ergebnis lässt sich im Gewächshaus der Saatbank bewundern. Für die Wissenschaftler ein Zeichen der Hoffnung, dass auch andere Samen hunderte Jahre schlafen könnten, um dann zu neuem Leben zu erblühen.
Aus dem Netz:
National Geographic zeigt Bilder der norwegischen Saatbank «Doomsday»
aro/kat/news.de/ap