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Mark Benecke im Interview zum Kinofilm "Split": "Persönlichkeitsstörungen sind eine brutale Bitch"

Kriminalbiologie Dr. Mark Benecke erklärt im Interview, was es mit gespaltenen Persönlichkeiten, wie die von Kevin im Kinofilm "Split", auf sich hat.

Kriminalbiologe Mark Benecke im Interview über Persönlichkeitsstörungen und Körperchemie. Bild: Christoph Hardt

Im Psycho-Thriller "Split" – seit dem 26. Januar in den deutschen Kinos – entführt ein Psychotiker mit 23 Persönlichkeiten in seinem Kopf drei Mädchen und hält sie in düsteren Kellerräumen fest. Wieso? Dieses Geheimnis wird im Laufe des packenden Films des The Sixth Sense- und The Visit-Regisseurs M. Night Shyamalan enthüllt.

Doch ist die Bedrohung eines solchen Psychotikers im echten Leben überhaupt denkbar? Wir haben den deutschen Kriminalbiologen Mark Benecke im exklusiven Interview hierzu befragt!

Herr Benecke, "Split" handelt von einem gefährlichen Psychotiker mit multipler Persönlichkeitsstörung. 23 Persönlichkeiten leben in seinem Kopf – ohne Vorwarnung wird er zur vornehmen Dame, dann plötzlich zum neunjährigen Kind. Ist so etwas tatsächlich denkbar?

Mark Benecke: Denkbar ist einiges, aber es ist nicht so spannend und "sexy" wie im Film. Stell Dir mal vor, Du hast so viele Identitäten...das ist nicht auszuhalten: Nix klappt, Du kannst wahrscheinlich nicht mal mehr in Ruhe kochen oder lesen...von Arbeit oder einer Partnerschaft ganz zu schweigen.

Ein Mensch, dessen Erkrankung mit vielen Identitäten und so krass ausgeprägten Verhaltensumschwüngen nicht erkannt und behandelt wird, dürfte sich schon früh selbst töten.

Das kennen wir beispielsweise von schwer depressiven, schizophrenen oder borderlinigen Menschen. Von außen, etwa in Krimis, sieht es manchmal so aus, als ob Menschen mit derartigen Erkrankungen eine Art irre Superkraft hätten. In Wirklichkeit sind sie todunglücklich und verstehen nicht, was mit ihnen und der Welt los ist.

Selbst einer meiner Klienten, der über 300 Kinder totgefoltert hat, hat mich eines Tages mal unverhofft angeguckt und gefragt, warum er eigentlich so ist, wie er ist. Spätestens da habe ich gerafft, dass das alles noch grauenhafter ist, als es aus forscherischer Ferne (oder in Krimis und Filmen) scheinen kann.

Kamen Sie mit solch einem Fall eventuell schon mal in Kontakt?

Mark Benecke: Hard to tell. Denn manche TäterInnen sagen ja, sie könnten sich nicht so richtig erinnern, oder sie sagen, sie können sich genau erinnern, aber "sie waren nicht sie selbst, so wie sie eigentlich sind" oder, dass die Erinnerung sich im Laufe der Jahre geändert hat. Es ist schwer, von außen zu beurteilen, was da jetzt Ausreden sind, was echtes inneres Erleben, was davon "die Störung, mit der man spricht" und was der echte Persönlichkeitskern.

Ich würd's daher so sagen: Je weniger Drogen einschließlich Alkohol im Spiel sind und waren, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man unter all den Erlebens-Schichten, die ja jeder in schwacher Form aus dem Alltag kennt, noch die eigentliche Persönlichkeit durchscheint. So gesehen — ja, jeder Mensch war schon mal mit sehr unterschiedlichem Erleben in Kontakt (starke Trauer, Traumata, Verliebtheit, Stress...). Bei stark traumatisierten Menschen kann diese Veränderung oder Abspaltung auch stark ausgeprägt sein, das kennen wir seit über hundert Jahren beispielsweise auch von KriegsrückkehrerInnen. Im Film "Split" ist es halt hart überzeichnet — es soll aber ja auch ein spannendes Märchen sein, kein kriminalistischer Lehrfilm ;)

James McAvoy spielt den psychisch kranken Kevin in "Split". Bild: Universal Pictures International

In "Split" verändert Psychotiker Kevin nicht nur seine Persönlichkeiten, sondern ändert beim Wechsel auch seine Körperchemie. Ist so etwas möglich?

Mark Benecke: Im Grunde schon. Wir wissen seit einigen Jahren, dass Placebos funktionieren und beispielsweise — wie es in der Apotheke heißt — "die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren". Das gleiche funktioniert durch Aufmerksamkeit: Auf die Wunde pusten mildert die Schmerzen tatsächlich. Umgekehrt geht's auch: Traurige Menschen sterben schneller, etwa an gebrochenem Herzen.

Die Botenstoffe im Gehirn verändern sich bei Persönlichkeitsumschwüngen natürlich eh, denn sie sind ja zusammen mit der Gehirnverschaltung die Persönlichkeit.

Andere "chemische" Wirkungen kennen auch die KollegInnen aus den Sportwissenschaften: GewichtheberInnen können durch Schreien ein bisschen mehr Kraft ausüben, Meditation vorab hilft dem/der Torwart/in, schneller zu reagieren und so weiter.

Bei Menschen mit multiplen Perönlichkeiten hast Du natürlich auch je nach den Handlungen der betreffenden "Person" Schwankungen im Blutdruck und dergleichen.

In "Split" entführt Psychotiker Kevin drei Damen und sperrt sie in einen Keller. Wie muss man mit so einem Menschen umgehen, wenn man mit ihm konfrontiert wird?

Mark Benecke: Nicht vorhersehbar. Wie grob ähnlich gelagerte Fälle der letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre gezeigt haben, kann Kooperation mit dem Täter das Überleben sichern, falls die Polizei eine Spur findet.

Es hängt aber vom Täter ab: Manche sind größenwahnsinnig, andere möchten quälen, wieder andere können nicht unterscheiden, was wirklich ist und was nur in ihrem Kopf stattfindet. Gefangene, die ein bisschen Lebenserfahrung haben, können sich dabei vermutlich auf ihr Bauchgefühl verlassen.

Hilfreich was es bisher immer, Nachrichten herauszuschmuggeln, sei es durch aus Schlitzen geworfene oder zerknüllte, "entsorgte" Zettel oder ähnliche, schon fast kindlich einfache Tricks.

Es gibt aber keine sichere Methode, um psychotischen Tätern entgegen zu treten. Das einzige, was PsychotikerInnen grundsätzlich hassen, ist jede Art von Widerspruch, Ablehnung oder Verneinung. Daher ist also immer Diplomatie angeraten — aber das ist halt leichter gesagt als getan, wenn man in einer lebensbedrohlichen Situation steckt.

"Split" ist erfolgreich auf den ersten Platz der deutschen Kinocharts geschossen und läuft seit dem 28. Januar.  Bild: Universal Pictures International

Worin können die Ursprünge für eine Persönlichkeitsstörung liegen?

Mark Benecke: Einmalige oder lange andauernde schlechte Erlebnisse, Vorerkrankungen in der Familie, die genetisch und durch Erziehung weiter gegeben werden, nervliche Schocks jeder Art, Missbrauch, Gehirnverletzungen.

Bei multiplen Persönlichkeiten würde ich immer von ultrabeschissenen Erlebnissen in der frühen Kindheit ausgehen, weil es sonst nicht zu einer derart krassen und "verrückten" Ausprägung und Verzerrung des gesamten Erlebens in die "Hüllen" verschiedener Persönlichkeiten kommt.

Gibt es überhaupt eine Chance auf Heilung? Wenn ja, wie würde man hierbei vorgehen?

Mark Benecke: In Ländern, die genügend Geld haben, und bei FreundInnen, die Nerven und Liebe wie Heilige haben, kann es manchmal gelingen. Es ist aber unendlich anstrengend und klappt nur, wenn Profis, die auf dem neuesten Stand der Forschung, sind (durch FreundInnen und Geld) räumlichen und geistigen Zugang zu den erkrankten Menschen finden.

Früh gestörte Menschen sind beispielweise nur ganz schwer zu beruhigen. Du musst sie also erstmal dauerhaft in eine Umgebung bringen, die nicht ängstigend ist. Danach, und das ist das Blöde, musst Du mit ihnen irgendwie die schlimmen Ereignisse bearbeiten, die aber teils regelrecht unaussprechlich sind. Wer kann sich schon sicher daran erinnern, was im Alter von drei Jahren passiert ist, besonders, wenn es fürchterlich war und das Gehrin eine Sicherheitsmauer eingebaut hat?

Das alles dauert Jahre oder Jahrzehnte und geht nie ohne Kratzer ab, wenn es überhaupt klappt.

Viele belastete Menschen nehmen leider auch beruhigende oder aufputschende Drogen, um den Mist zu vergessen oder Alltags-Aufgaben zu erledigen. Das ist für die Gehirnchemie das Allerschlimmste, weil Du dann sozusagen einen Trampelpfad zum Besseren mit einem Braunkohlebagger zum Schlechteren durchpflügst.

Wenn Du den ganzen Shit in eine, nämlich Deine, Person zusammen führen kannst, wenn es also bearbeitbar, erträglich und sozusagen hinter Dir ist, dann kannst Du vielleicht wieder "eins", also eine einzige Persönlichkeit, werden. Ganz gesund wie im Einhornland wirst Du aber nie — frühe und schwere Störungen der Nerven sind eine brutale Bitch.

Vielen Dank für das Interview!

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qus/news.de

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