Quentin Tarantino zu "The Hateful 8"
Interview über Sex, Hass und jede Menge Kunstblut

Er ist ein wandelndes Filmlexikon, strotzt vor Selbstbewusstsein und ist der Kultregisseur unserer Zeit: Quentin Tarantino. News.de traf den Cineasten zum Interview und sprach mit ihm über Sexszenen, Hass und Kunstblut.

Mit "The Hateful 8" brachte Tarantinos einen mittlerweile achten Langspielfilm heraus. Bild: dpa

Als der 52-jährige Regisseur gut gelaunt den Saal mit den anwesenden Journalisten betritt, fällt der Blick sofort auf sein T-Shirt: "RR/QT" prangt dort im AC/DC-Stil. Angesprochen darauf erzählt Quentin Tarantino, dass dies sein Roadshow-T-Shirt der Grindhouse-Filme war, die er zusammen mit Robert Rodriguez 2007 auf die Leinwand brachte. Spätestens jetzt wird jedem klar: Hier sitzt man einem wahren Filmjunkie gegenüber, der nicht nur Filme dreht, sondern für diese lebt.

Nicht nur, dass Tarantino Originalkopien alter Filme in seinem Haus aufbewahrt. Kein anderer Regisseur vermag mit einem solchen umfangreichen und detaillierten Wissen über Filme aufzuwarten wir er. In Berlin stellte er am Dienstag seinen neuen Film "The Hateful Eight" vor und sprach vor der Premiere mit news.de-Redakteurin Susett Queisert.

Können Sie uns mehr über die Idee erzählen, die Charaktere nur auf ihre ärmlichsten Grundzüge zu reduzieren?

Quentin Tarantino: Ich mochte die Idee, dass es keinen Helden per se gibt und all diese Menschen in einem Raum zusammen gefangen sind, ohne eine Möglichkeit zu entkommen. Auch mochte ich die Idee, eine Geschichte zu erzählen, in der man nichts und niemanden Glauben schenken darf. Es ist die Entscheidung des Zuschauers, ob und wem er glauben mag, aber der Autor erzählt dir nicht, wem du trauen kannst und wem nicht. Bis zum Ende erzählt dir die Geschichte Einzelheiten und überlässt es deinem Verstand, ob du dieses glaubst oder nicht. So kann es sein, dass zwei verschiedene Zuschauer ein komplett anderes Bild von diesem Film bekommen.

VIDEO: The Hateful 8 - Trailer (Deutsch) HD

Erzählen Sie daher – wie in vielen Ihrer anderen Filme – die Geschichte oft von verschiedenen Perspektiven?

Tarantino: Ich weiß gar nicht, ob ich das so direkt in "The Hateful Eight" auch mache. Im Originalskript hatte ich dies auf jeden Fall vor. Ich hätte die Szene, in der John Ruth (Kurt Russell) und Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) in die Hütte kommen, fortführen können. Man sieht den Dialog zwischen ihm und Oswaldo Mobray (Tim Roth), wissend, wie die Situation sich darstellt. Nachdem man den Film gesehen hat, sieht man es aus einer anderen Perspektive. Was ich allerdings nicht veranschauliche, obwohl ich es filmte, war... ach nein, das erzähle ich Ihnen doch nicht (lacht).

Der Film handelt ja, wie es der Titel schon sagt, von Hass. Ist dies eine Schlussfolgerung der aktuellen Gesellschaft? Wie gehen Sie selbst mit Hass um?

Tarantino: In diesem Film ist der Hass ein Nebenprodukt des Bürgerkriegs. Diese Charaktere sind alle Überlebende dieser Apokalypse und die Gesellschaft ist sozusagen zu Staub zerfallen aufgrund dieser Zerstörung. Nun sind alle Überlebenden in dieser Hütte gefangen und beschuldigen jeden, für diesen Niedergang verantwortlich zu sein. Aber in diesem Fall ist die Apokalypse der Bürgerkrieg – und genauso fühlten die meisten Amerikaner, wenn sie an den Bürgerkrieg nach vier, fünf Generationen dachten. Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, mit Auswirkungen dieses Krieges umzugehen, und das ist die Zeit. Durch Zeit und Generationen kann man damit fertig werden. Ich selbst schrieb das Skript in einer Zeit, in der ich sehr depressiv und wütend war. Und ich wurde damit fertig, indem ich es in ein Drehbuch packte.

Zusammen mit den Darstellern Kurt Russell und Jennifer Jason Leigh besuchte Tarantino die deutsche Hauptstadt. Bild: dpa

Gewalt ist ein cineastisches Stilmittel, was beim Anschauen durchaus Spaß machen kann. Aber wie sieht es mit einer guten Sexszene aus, die vermissen wir bisher in Ihren Filmen?

Tarantino: Als Zuschauer finde ich Erotik in Filmen auch ansprechend. Aber ich glaube, es ist nicht mein Ding. Als Regisseur mag ich die Idee nicht, mit einer Schauspielerin zusammen zu sitzen und sie weichzukochen. Auch weiß ich nicht, ob ich möchte, dass jeder ahnen könnte, was mich antörnt oder was ich erotisch finde. Wären es die 70er und ich Joe Sarno (Regisseur und Pionier des Sexploitation-Filmgenres), würde meine Filme drehen und die Kinos würden sie spielen, und danach würde ich den nächsten drehen, das wäre was anderes. Aber an irgendeinem Punkt würde ich dann mit Ihnen reden, und wer will schon gern über Sexualität reden mit lauter fremden Leuten um sich herum (lacht)?

Sie benutzen in Ihren Filmen literweise Kunstblut. Wie ist es da mit richtigem Blut: Können Sie dies sehen? Haben Sie Ekel, eine Operation anzuschauen?

Tarantino: Im wahren Leben bin ich nicht so zimperlich. Ich erfreue mich nicht an einer Operation, das nicht. Aber mir wird auch nicht übel, wenn ich Blut sehe. Ich denke, ich befinde mich da irgendwo im Mittelfeld. Ich bin weder blutdurstig noch empfindlich.

Wie erhalten Sie sich Ihre Kreativität über all die Jahre? Schauen Sie viele Filme oder wie inspirieren Sie sich?

Tarantino: Ich bin mit dem Drehbuchautor und Regisseur Richard Kelly (drehte u.a. "Donny Darko") befreundet. Nach dem Dreh von "Inglourious Basterds" schmiss ich eine kleine Party und wir beide standen in der Küche. Da sagte er zu mir: "Du Quentin, ich kenne deine Instinkte und ich weiß, was du denkst. Ich weiß, du denkst, du hast diesen Film beendet, du bist stolz und jetzt ziehst du dich zurück in dein Schneckenhaus. Aber ich sage dir: Tu dies nicht! Du bist in einer sehr glücklichen Lage und jetzt ist nicht die Zeit für dich, eine Pause zu machen. Jetzt ist die Zeit, in der du herausfindest, was dein nächstes Ding sein soll, und du schreibst dieses mit genau derselben Tatkraft, mit der du "Inglourious Basterds" geschrieben hast." Er hatte Recht, jetzt ist meine Zeit. Aber ich finde meine neuen Ideen nicht, indem ich direkt nach ihnen suche. Ich mache auch andere Sachen und dann fällt es mir einfach zu. Oft ist es so, dass mich ein Drehbuch zum nächsten führt.

Regisseur Quentin Tarantino beim Dreh im winterlichen Telluride, Colorado. Bild: Universum Film

Vermissen Sie manchmal die Zeit in der Videothek, als niemand irgendetwas von Ihnen erwartet hat?

Tarantino: Ich mag es, wenn die Leute viel von mir erwarten. Ich mag es, eine solide Filmografie zu haben und jeder neue Film muss in diese bestehende Kette hinein passen. Es darf nicht ein schwaches Glied in dieser Kette sein. Ich erwarte, dass die Zuschauer viel von mir erwarten. Ich war ja nicht der Unerwartete, denn jeder in der Stadt wusste, ich bin der Videotheken-Junge, der seine Meinung hatte. Selbst wenn ich einen Podcast machen würde, wäre ich immer noch Quentin Tarantino, und die Leute respektieren, was ich sage. Wenn ich sage, der oder der Film ist fantastisch, würden es die Leute ernst nehmen und sagen: "Hey, wir müssen den Film sehen!" (lacht)

Vielen Dank für das Interview.

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