Michael Hanekes «Liebe» Die volle Wucht des Sterbens

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Was es aber bedeutet, Jahrzehnte lang gemeinsam durchs Leben zu gehen und seinen Partner bis in den Tod zu begleiten, das gab es im Kino bislang kaum zu sehen. Genau das zeigt nun Regisseur Michael Haneke in Liebe, einem zutiefst berührenden und erschütternden Drama.

Bis dass der Tod uns scheidet. Das ist das Eheversprechen, das sich viele Menschen geben. Was es aber bedeutet, Jahrzehnte lang zusammen durchs Leben zu gehen und seinen Partner bis in den Tod zu begleiten, das gab es im Kino bislang fast gar nicht zu sehen.

Genau das zeigt nun aber Regisseur Michael Haneke in Liebe, einem zutiefst berührenden und erschütternden Drama um ein älteres Ehepaar, das sein ganzes, langes Leben miteinander verbracht hat. Dafür gewann der Österreicher beim Filmfestival Cannes bereits zu Recht die Goldene Palme.

Im Zentrum stehen Anna und Georg, herausragend verkörpert von den beiden französischen Schauspiellegenden Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant. Anna und Georg sind beide um die 80, beide ehemalige Musikprofessoren. Sie sind seit langem verheiratet und lieben sich noch immer. Doch dann erleidet Anna erst einen, dann noch einen Schlaganfall. Sie ist halbseitig gelähmt, wird ein Pflegefall. Georg weigert sich, seine Frau in ein Heim abzugeben. Stattdessen kümmert er sich, selbst körperlich schwach, liebe- und aufopferungsvoll um die hilflose Anna.

Bislang verstörte Haneke häufig mit Werken um menschliche Abgründe, oft kombiniert mit Brutalität. In Die Klavierspielerin zum Beispiel zeigte er eine vom Selbsthass getriebene Frau; in Funny Games wurde eine Kleinfamilie von Mördern heimgesucht. Das weiße Band, Oscar-nominiert und in Schwarz-Weiß gedreht, offenbarte gesellschaftliche Missstände am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Auch sein aktuelles Werk zeigt Abgründe und Verstörendes, doch das tritt hinter die Titelgebende, alles dominierenden Liebe zurück.

Michael Hanekes «Liebe»
Bis dass der Tod sie scheidet
Video: filmtrailercom

Der Regisseur inszeniert Liebe als Kammerspiel, das fast nur in der Wohnung von Anna und Georg spielt. Es ist die Altbau-Wohnung einer bildungsbürgerlichen Familie, wo sich die Bücher bis zur Decke stapeln und im Wohnzimmer ein Flügel steht. Der Regisseur zeigt ihren Alltag, wie sie frühstücken, abwaschen, Musik hören. Nur selten dringen andere Menschen in diese Welt ein. Hin und wieder besucht die im Ausland lebende Tochter (Isabelle Huppert) ihre Eltern, ein paar Mal kommt ein ehemaliger Musikschüler. Außerdem gibt es eine Krankenschwester, die Georg zwischenzeitlich engagiert. Doch sie alle bleiben nicht lange, denn Liebe fokussiert auf das Ehepaar.

Genau dadurch kreiert Haneke eine starke Intimität, die die Zuschauer schnell erfasst. Sie werden in das Leben hineingezogen und spüren die Wärme, Emotionalität und letztendlich die Wucht der Geschehnisse - obwohl oder gerade vielleicht deshalb, weil der Regisseur sehr nüchterne und unsentimentale Bilder wählt. Er beobachtet genau, beschönigt nicht den körperlichen Verfall, sondern zeigt schmerzhaft, wie die beiden mit sich und ihrer Situation ringen: Ständig auf Hilfe angewiesen zu sein, sich nicht mehr artikulieren zu können, wie ein Kind dazuliegen, das ist für die kultivierte Anna kaum zu ertragen. Georg leidet mit ihr und muss schließlich die schwerste Entscheidung seines Lebens treffen.

«Sobald man ein gewisses Alter erreicht, muss man mit dem Leiden der Menschen klarkommen, die man liebt: seine Großeltern, sein Partner. Das ist unvermeidbar», hatte Haneke in Cannes seine Beweggründe für den Film erklärt. Er habe etwas Ähnliches in seiner eigenen Familie erlebt, das ihn sehr berührt habe. «Es ist sehr schwierig, seine Lieben leiden zu sehen.» Dieses Gefühl hat er nun in Liebe übertragen und macht es so zu seinem traurigsten und zugleich zärtlichsten Werk.

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boi/news.de/dpa

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