«360 Grad» mit Jude Law Ringelpiez mit Anfassen

Sehr frei nach Arthur Schnitzlers Reigen verwebt der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles (City of God) in 360 Liebesgeschichten über den ganzen Erdball.

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Die Welt ist klein im Episodendrama 360, obwohl der Handlungsradius von Bratislava bis Denver reicht. Regisseur Fernando Meirelles verkettet in seinem neuen Film die Schicksale einer Handvoll rastloser, von ihren Gefühlen getriebener Menschen diesseits und jenseits des Atlantiks. Der globale Reigen beginnt mit einer jungen Slowakin in Wien, die bei einem exklusiven Callgirl-Ring anheuert. Doch das Treffen mit ihrem ersten Freier, dem britischen Manager Michael, geht schief.

Für Michael hat das verpatzte Date unangenehme Folgen, denn sein Geschäftspartner hat nun einen Hebel gefunden, um ihn zu erpressen. Von Michael springt die Erzählung zu seiner Frau in London, die ihrem Lover, einem brasilianischen Fotografen, den Laufpass gibt. Doch schon hat sich dessen Freundin Laura aus Kummer über seine Untreue per Video verabschiedet und sitzt im Flieger zurück nach Rio. Mit ihrem Sitznachbar, einem netten älteren Herrn, strandet sie wegen schlechten Wetters in Denver. Von dort geht der Filmtrip weiter über Phoenix nach Paris und zurück nach Wien, wo sich zwei Menschen bei der Umkreisung der Ringstraße näher kommen.

«360» mit Jude Law: Liebesgeschichten rund um den Erdball
Video: arrangement-co

Dieser Ringelpiez mit Anfassen ist, wie schon so oft in der Filmgeschichte, vom Reigen des Österreichers Arthur Schnitzler inspiriert, obwohl 360 weit weniger Sex im Programm hat als das Bühnenstück von 1920. Mereilles bewies aber bereits in seinem ersten internationalen Erfolg, dem kaleidoskopartigen Favela-Drama City Of God, ein gutes Händchen beim Komponieren zahlloser Geschichts-Häppchen zu einem exquisiten Menü. Exquisit sind diesmal das aus europäischen und amerikanischen Stars bestehende Ensemble sowie Drehbuchautor Peter Morgan, der das Skript für Die Queen verfasste.

 

Unscharfes Gefühlspanorama mit Gänsehautmomenten

 

Umso überraschender ist deshalb, wie grobschlächtig der Starschreiber in diesem Gefühlspanorama passend zu machen versucht, was nicht passt. Der größte Drehbuchkurzschluss ist die Begegnung von Laura auf dem Zwischenstopp in Denver mit einem «echt süßen Typen». Tatsächlich trägt jener «süße» Tyler, von Ben Foster mit der Käsigkeit und dem flackernden Blick eines lange Eingesperrten gespielt, den Stempel «Psycho» so deutlich auf der Stirn, das in der Realität jedes weibliche Wesen einen weiten Bogen um ihn gemacht hätte. Hier aber wird der Sexualstraftäter auf Freigang von Laura in ihr Hotelzimmer mitgenommen.

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Auch sonst besitzt der im Titel behauptete Rundblick auf Liebe, Triebe und Sehnsüchte einige Unschärfen. Da wird ein Erpresser unvermittelt zum Kumpel und eine bisher entsagungsvolle Schwester lässt die andere Hals über Kopf im Stich. Manche Figur ist klischeehaft wie in einer Telenovela, und die Botschaft universeller Verbundenheit wirkt aufgesetzt.

Dennoch gelingen Meirelles immer wieder zwischenmenschliche Gänsehautmomente, in denen die Luft elektrisch aufgeladen scheint. Dieses Prickeln, von Mimen wie Anthony Hopkins, Jude Law, Moritz Bleibtreu und Jamel Debbouze (der nette Gemüsehändler aus Die fabelhafte Welt der Amélie) auf die Leinwand transportiert, versöhnt mit den Makeln.

Titel: 360
Verleih: Prokino
Regie: Fernando Meirelles
Darsteller: Anthony Hopkins, Rachel Weisz, Jude Law, Ben Foster, Moritz Bleibtreu u.a.

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rut/news.de/dapd

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