Johnny Depp in «Rum Diary» Alkoholgetränkter Dauerkater

Unschöne Rollen
Filmstars mal hässlich
Penelope (Foto) Zur Fotostrecke

Bruce Robinson hat das biografisch inspirierte Trinker-Tagebuch des Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson mit Star Johnny Depp verfilmt. Alkoholgetränkt, mit Voodoo garniert und einer atemberaubenden Landschaft ist der Film vor allem hübsch anzusehen.

Die schwüle Atmosphäre der Karibik, Hahnenkämpfe, Voodoo, psychedelische Drogentrips, antiseptisches Styling der Superreichen Ende der 50er Jahre, sehr viel Alkohol und ein Kultstar wie Johnny Depp - Rum Diary hat alles, was ein euphorisierender Film haben muss. Noch dazu stammt die Romanvorlage von dem exzentrischen Autor, Journalisten und Depp-Freund Hunter S. Thompson (1937-2005), der viele Drogen nahm und schon zu Lebzeiten als verrücktes Genie galt.

Doch Regisseur und Drehbuchautor Bruce Robinson kann sich nicht zwischen Sozialdrama, Trinkerfilm und skurriler Komödie entscheiden und bügelt das Trinker-Tagebuch Thompsons allzu glatt. Paul Kemp (Johnny Depp) ist ein ambitionierter Journalist, der in New York nicht so recht Fuß fassen und zudem dem Eisenhower-Amerika entfliehen will. Also heuert er - als einziger Bewerber - bei einer amerikanischen Zeitung in Puerto Rico an. Schon bei seiner Ankunft ist klar, dass sich dieser ein wenig selbstverliebte Dandy gerne dem Alkoholrausch hingibt.

Als Kemp feststellt, dass sein zugeknöpfter und korrumpierter Chefredakteur Lotterman (Richard Jenkins) nicht etwa sozialkritische Reportagen über den amerikanischen Raubbau an der Karibikinsel erwartet, sondern weich gezeichnete Geschichten für amerikanische Touristen und Investoren, vertreibt er sich die Zeit lieber mit dem ebenfalls desillusionierten Zeitungsfotografen Sala (Michael Rispoli) und dem bereits durch allerlei Drogen völlig durchgeknallten Moburg (Giovanni Ribisi).

Stilikone
Lässiger als Johnny Depp geht's nicht
Johnny Depp (Foto) Zur Fotostrecke

Dann verliebt sich Kemp in Chenault (Amber Heard), die Freundin des aalglatten Unternehmers Sanderson, der ihn wiederum für wohlwollende Geschichten über riesige Bauvorhaben auf einer weiteren Insel gewinnen will. Und so kommen zu der allmorgendlichen Katerstimmung noch allerhand anderer Unannehmlichkeiten auf Kemp zu.

Robinson beweist in Rum Diary durchaus seinen Sinn für skurrile Typen und schrägen Humor. Im riesigen Strandhaus von Sanderson und der schönen Chenault lässt er eine Diamanten-besetzte Schildkröte über den Boden laufen, und Kemp und Sala schauen durch Ferngläser über eine Straße hinweg beim Nachbarn Fernsehen. Die großartige Kulisse, Original-Kostüme und die Retro-Optik dank 16-Millimeter-Film machen Rum Diary durchaus zu einem perfekt ausgestatteten Film.

Leider aber ist Johnny Depp als versoffener Kemp seltsam glattgebügelt - an Figur und Gesicht. Vor allem aber lässt Robinson Thompsons biografisch angehauchte Vorlage in einem Genremix verwässern und macht ihn so massenkompatibel. Mit einer Ausnahme verzichtet er auf jegliche psychedelischen Trips, schmutzige Drogen- und Sexszenen. Wer mit Rum Diary gehofft hatte, einen ähnlichen Kultfilm wie Fear and Loathing in Las Vegas (1998) zu sehen zu bekommen, in dem Depp ebenfalls ein Alter Ego von Thompson spielte, wird eine herbe Enttäuschung erleben.

Rum Diary
Johnny Depp und das Trinker-Tagebuch
Video: filmtrailercom

Das karibische Abenteuer ist von allem etwas und nichts richtig. Das Problem wird bereits im Filmtitel offenbar: Die Handlung ist so unfokussiert wie der dauerverkaterte Antiheld. Thompson hatte wohl auch eine Anklage gegen ausbeuterische Amerikaner im Sinn, die Puerto Rico zur All-Inclusive-Urlaubskolonie machen und mit Hotelbunkern zupflastern wollten. Doch davon abgesehen, dass für hiesige Zuschauer der Status des karibischen Freistaats als Anhängsel der USA unerklärt bleibt: Dem Film gelingt es nicht, die Ruchlosigkeit von Sandersons Projekt zu verdeutlichen.

Mal fühlt man sich in einer Satire über die Klassenkonflikte zwischen «Gringo»-Glücksrittern und bitterarmen Latinos, mal in einer Suff- und Männerkomödie, in der sich verkrachte Existenzen in wilden Eskapaden austoben, und dann wieder im Intellektuellen-Selbstfindungsdrama, inklusive einer Romanze unter Palmen. Immerhin gelingt es Regisseur Bruce Robinson, eine Atmosphäre gereizten Müßiggangs zu erwecken.

Johnny Depp
Ein wandlungsfähiger Filmstar
Johnny Depp (Foto) Zur Fotostrecke

Unterstützt wird er von farbigen Nebenfiguren wie Richard Jenkins als zynischer Chefredakteur oder Giovanni Ribisi, der als Drogenwrack Moberger in dieser Startwoche neben der Komödie Ted zum zweiten Mal einen Freak mimt. Doch ausgerechnet der Star schwächelt. Johnny Depp, mit cooler Sonnenbrille ausgestattet, borgt sich einige Manierismen aus seiner Fluch der Karibik-Piratenrolle, bleibt aber weitgehend teilnahmslos.

Weder bei Kemps Herumsumpfen noch bei seinem Versuch, kritische Artikel zu lancieren, herrscht das Gefühl der Dringlichkeit - sondern eher das Gefühl, dass es gänzlich egal ist, was er tut und lässt. Letztlich ist Depps ambitioniertes Projekt eine tropische «Hangover»-Version, oft schön schräg, oft aber so abgestanden wie ein Mojito mit geschmolzenem Eis.

Sind Sie schon Fan von news.de auf Facebook? Hier finden Sie brandheiße News, tolle Gewinnspiele und den direkten Draht zur Redaktion.

rut/news.de/dapd/dpa

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig