«Zettl» Zahnlose Satire über Sex, Macht und Medien

Helmut Dietl versucht mit seinem neuen Kinofilm Zettl an den Erfolg von Kir Royal anzuschließen. Michael «Bully» Herbig und Harald Schmidt geben ihr Bestes. Trotzdem gerät die Satire über die Oberschicht in Berlin zu einer ernüchternd trivialen Angelegenheit mit allzu prolligen Witzen.

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Viel Wasser ist seit Helmut Dietls letzter, enttäuschender Regiearbeit Vom Suchen und Finden der Liebe (2005) die Isar hinuntergeflossen. Dann die Nachricht: Dietl lässt den Klatschreporter Baby Schimmerlos aus Kir Royal wiederaufleben und schickt ihn von München in Deutschlands neue Medien- und Machtzentrale Berlin.

In der erfolgreichen Fernsehserie aus den 1980ern hatte der Schriftsteller Patrick Süskind einen entscheidenden Beitrag zum Drehbuch geleistet. Für die Kinokomödie Zettl - Unschlagbar charakterlos holte sich Dietl als Ko-Autoren Benjamin von Stuckrad-Barre ins Boot und produzierte mit ihm fünf Jahre lang zu Recherchezwecken fette Spesenrechungen in Berliner In-Lokalen.

Weil Franz Xaver Kroetz keine Lust auf ein Revival seiner Figur des Society-Journalisten Schimmerlos hatte, tritt Michael Herbig in seine Fußstapfen. Herbig ist Max Zettl. Dessen Aufstieg vom Chauffeur des Schweizers Unternehmers Urs Doucier (Ulrich Tukur) zum Chefredakteur des neuen Onlinemagazins New Berliner vollzieht sich in einer Handvoll Kinominuten, ohne dass sich Dietl und Stuckrad-Barre die Mühe machen, dies halbwegs glaubwürdig zu erzählen.

Schimmerlos' ehemaliger Promifotograf Herbie Fried (Dieter Hildebrandt), mittlerweile Rollstuhlfahrer, sorgt als journalistisches Trüffelschwein für skandalträchtige Geschichten. Da wären beispielsweise: ein Kanzler, der vorgibt, auf Capri Urlaub zu machen, stattdessen aber in einer Berliner Privatklinik verstirbt und aus Parteiräson erst einmal für Tage in den Kühlraum geschoben wird. Oder eine Regierende Bürgermeisterin, die in Wahrheit eine Transsexuelle und zudem die Geliebte des Schweizer Investors ist.

Geschichten über die Mächtigen und Reichen von Berlin

Am Beispiel dieser Veronique von Gutzow lässt sich deutlich machen, wie von Stuckrad-Barres und Dietls Humor funktioniert. Das reale Berlin hat derzeit einen schwulen Bürgermeister, das will getoppt werden. Also muss Dagmar Manzel, mit Herrenanzug und martialischem Seitenscheitel als kesser Vater zurechtgemacht, aufgesetzt prollig berlinern und für Witze über verlorene Kronjuwelen herhalten.

Zettl gibt leider nur vor, die Reichen und Mächtigen Berlins satirisch zu beleuchten, in Wahrheit kommt der Film über weite Strecken über schlüpfrigen Stammtischhumor kaum hinaus. Schärfe, Biss oder gar tiefere Erkenntnisse über das Treiben der Mächtigen sind leider nicht zu finden; ein Interesse an der politischen Wirklichkeit ebenso wenig.

Herbig als Zettl bleibt in dieser Ansammlung von Knallchargen eine Leerstelle: kein Charisma, keine Pointen. Nichts, was ihn für den Zuschauer wenigstens zum Sympathieträger machen könnte. Kleine Glanzlichter finden sich in den hochkarätig besetzten Nebenrollen. Harald Schmidt macht aus seinem schmierigen, schwäbelnden Ministerpräsidenten mit Hang zu osteuropäischen Prostituierten eine pointiert gespielte Soloshow.

Maren Kroymann als TV-Chefin und Senta Berger als Volksmusik-Moderatorin liefern sich einen verbalen Showdown, bei dem jeder Zwischenton aufs Genauste akzentuiert ist. Doch diese Perlen sind rar und können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Zettl nicht die erhoffte Komödienoffenbarung geworden ist, sondern viel mehr eine ernüchternd triviale und witzlose Angelegenheit.

Dünnhäutiger Regisseur schießt zurück

Auf die bislang eher unerfreulichen Zettl-Kritiken reagierte Regisseur Dietl bei der Filmpremiere in Berlin arg verschnupft: Einigen Medien, die Verrisse geschrieben hatten, gab Dietl am Mittwochabend keine Interviews und drehte ihnen den Rücken zu. Damit zeigte er sich ähnlich dünnhäutig wie Co-Autor Stuckrad-Barre, der am Vorabend in München das Publikum bepöbelt hatte.

Es ist die Politik- und Medienszene, mit der Zettl hart ins Gericht geht und die der Film als verlogenen und korrupten Zirkus beschreibt: Geld, Macht und Sex sind im Berliner Regierungsviertel das Einzige, was zählt. Es sei ein großer Irrtum zu denken, der Film handele von Groß- oder Klein-Berlin, diktierte Dietl den verbliebenen Medienvertretern und stellte klar: «Er handelt von der Mitte in der Mitte, vom Regierungsviertel. Und von Geld und Macht und der Schwachheit der Menschen.» Das sage er pausenlos. «Aber mir hört ja keiner zu.»

Die, um die es geht, blieben der Aufführung jedoch fern. Echte Politiker und andere Vertreter aus dem «Raumschiff» Regierungsviertel ließen sich auf dem Roten Teppich nicht blicken. Stattdessen kamen wie bei der Uraufführung am Vorabend in München neben Regisseur und Co-Autor die Zettl-Darsteller Michael Herbig, Karoline Herfurth und Dagmar Manzel. Zumindest sie sind von ihrem Werk begeistert.

Titel: Zettl - Unschlagbar charakterlos
Regie: Helmut Dietl
Darsteller: Michael «Bully» Herbig, Karoline Herfurth, Senta Berger, Dieter Hildebrandt, Gert Voss, Ulrich Tukur, Harald Schmidt
Länge: 109 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Verleih: Warner Bros.
Starttermin: 2. Februar 2012

boi/zij/news.de/dapd/dpa

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