«The Artist» Ein stummes Kinowunder

Erst wollte ihn keiner drehen. Nun räumt der Stummfilm The Artist alle großen internationalen Kinopreise ab und ist in zehn Kategorien für den Oscar nominiert. Die Hommage an die Stummfilmära entführt in eine Welt vor 3D und Special Effects, in der der Film noch eine ganz eigene Magie hatte.

Trailer «The Artist»
Eine Hommage an die Stummfilmära
Video: YouTube

Nur allein an Uggie kann es nicht liegen, auch wenn der niedliche Jack-Russel-Terrier fürs Männchenmachen und Totstellen die Jurys der bedeutendsten internationalen Filmpreise begeistert. Der Stummfilm The Artist räumt ab. Zuletzt drei Trophäen bei der Verleihung der Golden Globes am 16. Januar. Nun fehlt auf der Liste der eingeheimsten Auszeichnungen noch der Oscar. Insgesamt zehn Nominierungen sind es geworden - für einen Film, den zunächst niemand drehen wollte. Ein Erfolg, der sprachlos macht.

Dennoch überrascht es nicht wirklich, dass Regisseur Michel Hazanavicius mit seiner Idee für den Film lange nur Kopfschütteln verursachte. Die Zukunft des Kinos leuchtet eigentlich in 3D - mit Surround-Sound und digitalen Special Effects. Statt Hightech triumphiert nun ein Film ohne Dialoge und ganz in Schwarzweiß. The Artist mutet anachronistisch an und wird doch mit Auszeichnungen und Nominierungen überschüttet.

Neben drei Golden Globes wurde Hauptdarsteller Jean Dujardin bereits im Mai mit einer Goldenen Palme in Cannes als bester Schauspieler geehrt. Nicht zu vergessen ist auch der Palm Dog Award für Uggie. Seine Produktionskosten in Höhe von neun Millionen Euro hat The Artist allein in Frankreich schon wieder eingespielt und damit bewiesen, dass der Stummfilm kein verstaubtes und nur filmhistorisch interessantes Genre ist.

Ein Stummfilmstar auf Abwegen

Der Film selbst thematisiert das Ende dieser Ära. Der Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin), dessen Stern durch den Tonfilm zu verglühen droht, zerbricht am schnellen Ende seiner Karriere. Eben noch ist er der selbstverliebte Charmeur, der sich in seinem Erfolg sonnt und dem das Publikum, vor allem das weibliche, zu Füßen liegt. Eines Tages begegnet ihm Peppy Miller (Hazanavicius' Lebensgefährtin Bérénice Bejo), ein Starlet, das ihr Glück in Hollywood zu finden hofft.

Von ihrem Lächeln verzaubert, verhilft er ihr zu einer Nebenrolle, nichtsahnend, dass die junge Frau im Charlestonlook ihm als zukünftiger Star des Tonfilms die Schau stehlen wird. Während sie die Karriereleiter hinaufklettert, fällt Valentin in Depressionen und sucht seinen Kummer im Alkohol zu vergessen. Viel Musik und der kleine treue Hund Jack (Uggie) begleiten ihn in seinem inneren Drama.

Der Nostalgie-Effekt ist da

Oscars 2012
Diese Hollywoodstars sind nominiert

The Artist braucht keine Worte, um dieses Drama spürbar zu machen. Nur durch Mimik und Handlungen macht Hauptdarsteller Dujardin die tiefsten menschlichen Gefühle sichtbar. Dabei sagte er zunächst «Nein» zu dem Filmprojekt. «Ich habe Michel eine Abfuhr erteilt, das habe ich aber sofort bereut», gestand der Schauspieler in einem Interview. Mit dem französischen Filmemacher hatte Dujardin bereits zwei James-Bond-Parodien, OSS 117 - Der Spion, der sich liebte und Lost in Rio, gedreht.

Bei ihrer dritten Zusammenarbeit fiel ihm die Rolle schwer, bestätigte Hazanavicius. «Er war zunächst etwas verloren. Denn er ist ein Schauspieler, der durch den Charakter der Stimme in eine Rolle schlüpft.» Auch wenn Hazanavicius rein formal einige originelle Überraschungseffekte eingebaut hat, wie das Glas, das plötzlich klingt, als er es abstellt, so als wäre mit dem Tonfilm unsere Hörfähigkeit geboren, ist sein Film durch und durch klassisch. Der 44-Jährige wollte bewusst keinen avantgardistischen Stummfilm drehen. Er wollte einen charmanten Mainstreamfilm, wie er sagte. Mehr nicht.

Vielleicht klingt bei dem verdienten Erfolg des Films aber auch eine gewisse Nostalgie nach einer Zeit an, in der die Welt weniger laut und Dezibel geschädigt war. «Ein Film wie unserer zieht den Zuschauer viel mehr in die Verantwortung, er wird emotional mehr mit einbezogen. Manche Kinofilme sind durch die ganzen Spezialeffekte fast entmenschlicht. Deshalb gab es vielleicht den Wunsch nach so einem Film», sagte Dujardin im dpa-Gespräch. Hazanavicius hat das Experiment mit viel Witz und Emotionen gewagt - und schon gewonnen.

Titel: The Artist
Regie: Michel Hazanavicius
Darsteller: John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Jean Dujardin, Bérénice Bejo
Altersfreigabe: ohne Einschränkung
Länge: 100 Minuten
Verleih: Delphi Filmverleih
Kinostart: 26. Januar 2012

zij/rzf/news.de/dpa/dapd

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