Thomas Kretschmann «Ich brauche keine SchwanzverlĂ€ngerung»

Der kernige Deutsche im Gewand einer Rostlaube: Thomas Kretschmann leiht im Animationsfilm Cars 2 dem fiesen Professor Z seine Stimme. Im Interview mit news.de spricht er ĂŒber protzige Sportwagen und verrĂ€t, was Antonio Banderas wahnsinnig macht.

Im Film Cars 2 spricht Thomas Kretschmann den verschlagenen Professor Z. Bild: Walt Disney

Was fĂŒr ein Auto fahren Sie denn, Herr Kretschmann?

Thomas Kretschmann: Den VW Touareg Hybrid.

Ist Ihnen wichtig, mit was fĂŒr einem Modell Sie durch die Stadt fahren?

Kretschmann: Also, ich brauche keine SchwanzverlĂ€ngerung, um mal auf den Punkt zu kommen. Viele quĂ€len sich mit irgendwelchen Luxus-Sportwagen, die sie in der Stadt ohnehin nie ausfahren können. Solche Leute orientieren sich daran, welchen Eindruck ihr Auto auf andere macht, anstatt es fĂŒr sich selbst zu genießen. Mir ist wichtig, wie mein Auto von innen aussieht, denn ich sitze ja den ganzen Tag darin. Von außen sehe ich es eigentlich nur beim Ein- und Aussteigen. Es muss praktisch sein, ich habe drei Kinder und drei Hunde, ich brauche ein Auto, das schnell ist, das von innen bequem ist und toll aussieht und technisch alles hat.

FOTOS: «Cars 2» Poleposition fĂŒr eine Gurke

Sind Sie auch schon mal so eine richtige Gurke gefahren?

Kretschmann: Ich bin im Osten aufgewachsen, da bin ich gezwungenermaßen mit einer Gurke aufgewachsen, mit dem Trabant.

Bauen Sie zu Ihren Autos persönliche Beziehungen auf? Es gibt ja Menschen, die ihrem Wagen sogar Namen geben - können sie so etwas nachvollziehen?

Kretschmann: Hmm, ich hatte einen Wagen mit einem Navigationssystem, das so eine ganz tolle mĂŒtterliche Stimme hatte. Meine Kinder haben die Stimme immer Lucy genannt und wenn sie einen Umweg genommen hat, haben sie immer geschrien «Shut up, Lucy!» Das ist der einzige Name, der mir zu einem Auto einfĂ€llt.

Sie haben gerade erzÀhlt, dass sie in der DDR einen Trabi gefahren sind. Damals war es nicht selbstverstÀndlich, dass man ein Auto hatte, einen Sportwagen ja schon gar nicht. Glauben Sie, dass Sie durch diese Erfahrung ein anderes VerhÀltnis zu Autos haben als Menschen, die im Westen aufgewachsen sind?

VIDEO: Spionage auf vier RĂ€dern
Video: amg/news.de/Walt Disney

Kretschmann: Nee.

Nee? Hmm, da hatte ich mit einer lĂ€ngeren Antwort gerechnet. Versuchen wir es mal damit: Was haben Sie denn fĂŒr eine Beziehung zum Trabi? Es gibt ja viele ehemalige DDR-BĂŒrger, die zu diesem Auto beinahe zĂ€rtliche GefĂŒhle entwickelt haben.

Kretschmann: Ich fahre gerne Auto, aber ich habe generell keine emotionale Beziehung zu Dingen. Es gibt ein paar Sachen, die ich von Reisen mitgebracht habe, die mir wichtig sind. Ich habe in meinem Haus Zeugs aus der ganzen Welt: Lampen aus Italien, Teppiche aus Marokko - da wĂŒrde mir schon was fehlen, wenn die nicht mehr da wĂ€ren. Auf der anderen Seite mache ich mich aber frei davon, mein Herz an Dinge zu hĂ€ngen.

Der Professor Z, dem Sie fĂŒr den Animationsfilm Cars 2 Ihre Stimme leihen, ist ja optisch auch eher eine Gurke. Wie haben Sie es geschafft, sich mit dieser Figur zu identifizieren?

Kretschmann: Ich musste mich nicht identifizieren, denn ich habe Professor Z nicht als Auto, sondern wie eine Figur gespielt. Im Original wird der Film ja nicht synchronisiert, sondern im Studio richtig gespielt. Das wird mit der Kamera aufgenommen und beim Animieren wird dann RĂŒcksicht darauf genommen, was man so gemacht hat.

Ist es schwieriger, nur eine Stimme zu spielen, statt in Person vor der Kamera zu stehen oder ist das leichter?

Kretschmann: Wees ick nich, anders halt, ne? Ich lasse meine Figuren eigentlich die Dinge lieber spielen, als zu viel zu quatschen. Ich bin eher ein Textstreicher, insofern ist es fĂŒr mich schon anders, es ist eine andere Art der Kommunikation.

Gestik und Mimik fehlen als wichtige Ausdrucksmittel...

Kretschmann: Das machen die dann ja bei der Animation.

Da haben Sie ja dann aber keinen Einfluss mehr drauf...

Kretschmann: Das ist mir aber auch ganz recht, denn so ist man jeglicher Verantwortung dafĂŒr entzogen. Das ist dann von Vorteil, wenn man in den HĂ€nden von einer Firma wie Pixar ist. Ich habe fĂŒr jeden Take zwanzig Versionen gemacht und die haben sich dann herausgepickt, was ihnen am besten gefallen hat. Da bin ich dann natĂŒrlich fein raus.

Was halten Sie davon, dass Kinofilme fĂŒr den deutschen Markt synchronisiert werden? Sie sind ja in der glĂŒcklichen Lage, dass Sie sich selbst synchronisieren können...

Kretschmann: Bei Cars 2 haben ja nur Schauspieler die Figuren gesprochen, aber sonst habe ich das Problem, wenn ich mich selbst synchronisiere, dass ich als Schauspieler in einem Raum mit einem Haufen Synchronsprechern bin. Das sind einfach unterschiedliche Berufe. Ein Schauspieler spricht vielleicht nicht so deutlich und nicht so laut, hat aber mehr Seele, finde ich. Man hört das ja auch oft: Zwischen Original- und Synchronfassung liegen Welten. Manchmal sitzt dann da auch ein Synchron-Regisseur, der versucht, mir die Rolle zu erklĂ€ren (lacht) - dann denke ich mir «Ok, die hab ich doch selbst entwickelt». Als ich im vergangen Jahr mit Antonio Banderas gedreht habe, hat der mir erzĂ€hlt, dass er sich weigert, sich selbst auf Spanisch zu synchronisieren. Er meinte, das mache ihn wahnsinnig.

Sie arbeiten aber schon gern mit Sprache und ihrer Stimme, oder?

Kretschmann: Ja, muss ich ja.

Naja, aber vielleicht sagt so jemand wie Antonio Banderas: Das reicht mir nicht, nur mit Sprache zu arbeiten. Sie mĂŒssen sich ja nicht selbst synchronisieren.

Kretschmann: Ich lege Wert darauf, weil die Stimme Teil der Performance ist und das lasse ich mir dann auch nicht nehmen. Man kennt meine Stimme ja und dann wÀre es schon komisch, wenn ich in der deutschen Fassung plötzlich eine andere Stimme hÀtte, obwohl ich das selber machen könnte.

Schauen Sie sich die Filme auf Deutsch auch noch mal an?

Kretschmann: Nee, ich gucke mir das beim Synchronisieren natĂŒrlich an, aber grundsĂ€tzlich schaue ich mir ungern Filme an, in denen ich selbst mitgespielt habe.

Was halten Sie davon, dass jetzt so viele Filme in 3D gezeigt werden?

Kretschmann: Ich finde, 3D wird ĂŒberbewertet. Bei vielen Filmen, besonders bei Realfilmen, ist das völlig unnötig, denn die Illusion, mittendrin zu sein, stellt sich ja sowieso nicht ein. FĂŒr Animationsfilme finde ich es am geeignetsten und ganz toll. Mich nervt es aber, wenn Filme nur halbherzig in 3D umgearbeitet werden.

Welcher 3D-Film hat Sie denn in letzter Zeit besonders beeindruckt?

Kretschmann: Cars 2.

Ach, was! Und abgesehen davon?

Kretschmann: Megamind hat mir gefallen. Ich drehe ĂŒbrigens auch gerade in 3D: In einem Film von Dario Argento spiele ich den Dracula.

Spielt denn die 3D-Technik bei den Dreharbeiten eine große Rolle?

Kretschmann: Ja, das ist ziemlich anstrengend, weil die vor jeder Einstellung unheimlich lange fummeln, weil die Kameras immer miteinander abgeglichen werden mĂŒssen. FĂŒr 3D-Filme wird mit zwei Kameras gleichzeitig gedreht, wie mit zwei Augen. Und die mĂŒssen immer justiert werden - das dauert ewig.

VerĂ€ndert das auch Ihre Art zu schauspielern? MĂŒssen Sie da stĂ€ndig ins Bild hineingreifen?

Kretschmann: Ja, fĂŒr bestimmte Effekte schon. Manchmal, wenn ich jemanden in den Hals beiße - ich spiele ja Dracula - dann muss ich direkt in die Kamera spielen, auch wenn ich nicht in die Kamera schaue, damit der Eindruck entsteht, ich kĂ€me in den Zuschauerraum rein.

Also immer schön die ZÀhnchen in die Kamera halten?

Kretschmann: Ja, ganz genau. (lacht)

Herr Kretschmann, vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

Thomas Kretschmann ist einer der wenigen deutschen Schauspieler, die es nach Hollywood geschafft haben. Der 50-JĂ€hrige hatte sich als Schwimmer im Nationalkader der DDR einen Namen gemacht, bevor er im Alter von 19 Jahren nach Westdeutschland floh. Kretschmann wird in Hollywoodfilmen gern als kerniger Deutscher besetzt. Mit Rollen in Filmen wie Der Untergang, Peter Jacksons King Kong oder WalkĂŒre wurde er international bekannt. 2005 schlĂŒpfte er fĂŒr einen Fernsehfilm in die Rolle von Papst Johannes Paul II, wenig spĂ€ter machte er als Kannibale im Horrorfilm Rohtenburg auf sich aufmerksam, der an den «Kannibalen von Rotenburg» Armin Meiwes angelehnt ist. Im Animationsfilm Cars 2, der seit dem 28. Juli in den deutschen Kinos lĂ€uft, spricht Kretschmann die Rolle des verschlagenen Professor Z.

krc/news.de

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