James Wan Horror-Regisseur liebt Romantik

James Wan (Foto)
Horrorfilm-Regisseur James Wan. Bild: Wild Bunch

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann, Paris
In seinen Filmen spritzt Blut und Gedärm und Dämonen schleichen um einen kleinen Jungen. Im Interview mit news.de verrät Regisseur James Wan jetzt, dass in ihm auch ein Romantiker steckt - und ein Angsthase.

Herr Wan, jetzt sitzen wir hier in Paris. Ein Horrofilm-Regisseur an so einem romantischen Ort. Können Sie mit Romantik überhaupt etwas anfangen?

James Wan: Ja, klar und wie! Und ich verraten Ihnen etwas: Ich mache gern Action-, Horror- oder Science-Fiction-Filme, aber wenn ich mir privat einen Film ansehe, dann gern eine romantische Komödie.

Tatsächlich?

Wan: Ja, je sentimentaler, desto besser. Der letzte Film, der mir richtig gut gefallen hat, war Disneys Rapunzel. Ich liebe diesen Film!

Das ist ja mal eine Überraschung.

Wan: Wirklich? Naja, ich kann mir schon vorstellen, dass die Leute erwarten, dass ich ziemlich furchteinflößend bin, weil ich Horrorfilme mache, aber ich habe keine Piercings, ich habe keine Tattoos, ich bin ziemlich normal. Wenn ich nur Horrorfilme machen und mir dann auch ständig Horrorfilme ansehen würde... das wäre einfach zu viel.

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Gruseln Sie sich denn noch, wenn Sie Horrorfilme schauen, oder analysieren Sie dann, wie der Kollege das jetzt gemacht hat?

Wan: Nein, zum Glück kann ich es gut verdrängen, dass ich Filmemacher bin, wenn ich mir einen Film ansehe. Wenn der Film gruselig oder eklig ist, dann erreicht mich das auch.

Gruseln Sie sich auch bei Ihren eigenen Filmen?

Wan: Nein, nicht wenn ich sie mir ansehe, auch nicht, wenn ich sie drehe. Aber wenn ich das Konzept für einen Horrorfilm erarbeite, kann das schon passieren. Wenn mir mitten in der Nacht eine unheimliche Szene einfällt, dann kann ich mich schon selbst gruseln. Meine Fantasie geht dann gern mal mit mir durch und jedes Geräusch im Haus wird verdächtig.

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Video: amg/news.de/Wild Bunch

Glauben Sie an das Übersinnliche?

Wan: Ja, unbedingt. Der Grund ist wahrscheinlich meine Herkunft. Mein Vater ist Christ und ich bin auch als Christ erzogen worden, aber meine Mutter und meine Großeltern sind Buddhisten. Also hab ich auch diese großartigen spirituellen aber auch angsteinflößenden Geschichten von ihnen gehört. Deshalb bin ich gegenüber Dingen wie Astralprojektionen, außerkörperlichen Erfahrungen oder Inkarnation wohl sehr aufgeschlossen.

Haben Sie so etwas denn schon selbst einmal erlebt?

Wan: Hmm, (überlegt lange). Ich glaube schon, bin mir aber nicht ganz sicher. Ich bin wirklich ein ziemlicher Angsthase und ich möchte niemals einen Geist sehen, da würde ich mir bestimmt in die Hosen machen. Aber vor ein paar Jahren habe ich mal in einem Hotel in New York City übernachtet. Mitten in der Nacht bin ich aufgewacht, weil ich gehört habe, dass jemand in meinem Zimmer weint. Erst hab ich mich gefragt, ob ich träume. Ich habe die Augen geöffnet und mich in dem stockdunklen Raum umgesehen und ich denke, ich habe jemanden in meinem Zimmer gesehen.

Oh, wie unheimlich - was haben Sie dann gemacht?

Wan: Ich hab' also den Lichtschalter gesucht und mich gefragt: Was zum Teufel ist das? Und dann dachte ich: Was, wenn ich wegsehe, um den Schalter zu finden, und wenn ich wieder hinschaue, ist diese Person direkt vor meinem Gesicht? Ja, so ist das mit mir, ich hab dann in meinem Kopf schon einen Film gedreht. In Wirklichkeit habe ich diese Person, die mitten in meinem Zimmer stand, also angestarrt, hab währenddessen nach dem Schalter getastet, das Licht ging an und da war nichts.

Wie ist das bei Ihren Filmen, mit welche Strategien arbeiten Sie, um eine unheimliche Atmosphäre zu schaffen?

Wan: Bei Insidious ist es ja so: Es ist ein Film über ein verfluchtes Haus - das hat man schon hundertmal gesehen. Mir war wichtig, dass Menschen in diesen Film gehen und denken: «Ah, ok. Das ist also wieder ein Film über eine Gruselhaus.» Aber dann wird so langsam klar, dass es nicht in dem Haus spukt, es hat etwas mit dem Jungen im Koma zu tun. Ich habe mir vorher viele Geisterhaus-Filme angesehen und mir angeschaut, welche Klischees und Konventionen es da gibt. Ich dachte mir, ich liefere den Leuten, was sie erwarten und dann ziehe ich ihnen den Teppich unter den Füßen weg. Es ist doch so: Wenn sich Freunde über Geisterhaus-Filme unterhalten, sagen sie: Wenn das Haus so unheimlich ist und die Familie in Gefahr ist, wieso ziehen die dann nicht einfach aus? Genau das passiert dann auch in Insidious.

Mit Saw haben Sie viel Blut und Gedärm gezeigt, das ist diesmal ganz anders...

Wan: Ja, stimmt. Das Blut-und-Gedärm-Ding hab ich gemacht und ich will mich nicht wiederholen. Ich weiß, dass Saw immer als Splatterfilm gehandelt wird, aber für mich ist das eher ein düsterer Thriller. Schaut euch den ersten Saw-Film an, der ist eigentlich gar nicht so gewalttätig und blutrünstig im Vergleich zu vielen anderen Filmen, die seitdem gemacht wurden. Die Leute denken, Saw sei so brutal, weil sie das mit den Sequels verbinden, die sind tatsächlich sehr hart. Ich habe Insidious gemacht, um zu beweisen, dass ich die Zuschauer auch ohne Blut und Gedärm gruseln kann.

Warum gefällt es Ihnen, Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen?

Wan: (lacht) Weil es mir selbst auch Spaß macht, mich zu gruseln. Es ist so ein starkes Gefühl und doch sitzt man sicher im Kino. Man kommt raus und sagt sich: Es war nur ein Film. Ich finde, Horrorfilme und Komödien sind sich sehr ähnlich. Das sind zwei Genres, in denen man gleich an den Reaktionen des Publikums erkennt, ob der Film funktioniert. Wenn deine Komödie lustig ist, werden die Leute lachen, wenn dein Horrorfilm gruselig ist, werden sich die Menschen im Kinosessel ducken, sie werden schreien oder aufspringen. Diese direkte Reaktion zu erleben, ist sehr zufriedenstellend für einen Regisseur.

Eine Ihrer Hauptfiguren ist ein achtjähriger Junge. War es schwierig, ein Kind zu finden, das in einen Horrorfilm mitspielt?

Wan: Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich mich während der Dreharbeiten etwas schlecht gefühlt, weil Ty Simpkins (der Darsteller des Jungen, Anm. d. Red.), obwohl er sehr intelligent und talentiert ist, sehr verängstigt war. Wenn er die Szenen mit den Geistern und Dämonen spielen musste, da hat er ziemlich viel geweint.

Oh, nein - was haben seine Eltern denn dazu gesagt?

Wan: Naja, sie wussten ja, dass es nur ein Film ist. Ty hat schon so viele Filme gemacht. Ich dachte dann: Er weint, weil er diese Dämonen in der gruseligen Maske sieht. Ich habe ihn also mit in die Maske genommen und ihm gezeigt, wie die Dämonen und Geister geschminkt werden. So konnte er den Prozess beobachten, wie aus einem ganz normalen Schauspieler ein Dämon wurde und als er das verstanden hatte, war es leichter für ihn.

Insidious ist ein Low-Budget-Film, würden Sie auch gern mal einen Film mit einem großen Budget machen?

Wan: Ja, ich würde tatsächlich gern mal einen Science-Fictionfilm machen oder Action oder Fantasy und für diese Filme braucht man viel Geld, um sie vernünftig zu machen. Das einzige Problem ist: Ich habe im Horrorgenre gezeigt, was ich kann, aber ich habe in den anderen Sparten nichts vorzuweisen. Ich hoffe aber auf die Chance, einen Actionfilm zu machen.

Wie wäre es denn mit einer romantischen Komödie?

Wan: Ja, ich würde gern eine romantische Komödie machen. (lacht) Aber wenn es schon schwierig für mich ist, einen Action oder Science-Fiction-Film zu machen, können Sie sich ungefähr vorstellen, wie schwierig es mit einer romantischen Komödie wäre.

Das wäre für das Publikum jedenfalls eine große Überraschung...

Wan: Ja, auch für mich. Die einzige Chance, die ich dafür sehe, ist, dass ich einen Low-Budget-Indie-Film in dem Bereich mache. So wie der Regisseur Jerry Zucker, der ist mit Die nackte Kanone bekannt geworden und dann hat er plötzlich Ghost - Nachricht von Sam gemacht - so etwas wie Ghost würde ich auch gern machen.

Das würden wir gerne sehen! Vielen Dank für das Gespräch.

James Wan wurde als Regisseur des Splatterfilms
Saw bekannt. Auch an den Fortsetzungen war er als Executive Producer beteiligt. Der 34-Jährige wurde in Malaysia geboren und lebt heute in Australien. Sein aktueller Horrorfilm Insidious läuft seit dem 21. Juli in den deutschen Kinos.

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car/news.de

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