«Der kleine Hobbit» Revolution in Mittelerde

Von news.de-Redakteur Cord Krüger
In Neuseeland laufen die Dreharbeiten zum Fantasy-Epos Der kleine Hobbit. Langsam sickern immer mehr Informationen über Peter Jacksons Zweiteiler durch. News.de fasst die wichtigsten Fakten zusammen und erklärt, wieso der Film ein Kinomeilenstein werden könnte.

Als das vielleicht sehnlichst erwartete Filmprojekt der Gegenwart im Sommer vergangenen Jahres grünes Licht bekam, gingen Stoßseufzer der Erleichterung um die Welt. Wer hätte gedacht, dass die Produktion der Vorgeschichte zu Der Herr der Ringe derart holprig und dramatisch verlaufen würde? Immerhin hatte das Epos knapp drei Milliarden Dollar eingespielt und wurde mit 17 Oscars ausgezeichnet. Was sollte es da noch für Bedenken geben?

Über die künstlerischen Aspekte einer Verfilmung des Kleinen Hobbits bestand seit 2007 Einigkeit. Herr-der-Ringe-Regisseur Peter Jackson wollte als Produzent fungieren, der mexikanische Fantasy-Experte Guillermo del Toro (Hellboy, Pans Labyrinth) sollte die Regie übernehmen und gemeinsam mit Jackson, dessen Frau Fran Walsh und Philippa Boyens das Drehbuch schreiben. Die Geschichte von Bilbo Beutlins abenteuerlicher Reise zum Einsamen Berg sollte um parallele Handlungsstränge um den Weißen Rat und Gandalfs Erlebnisse im Düsterwald ergänzt werden und als Zweiteiler 2011 und 2012 in die Kinos kommen.

Unglücklicherweise lagen die Vertriebsrechte zu J.R.R. Tolkiens legendärem Kinderbuch bei United Artists, die gehörten dem Pleitekonzern Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Da das traditionsreiche Studio seine Kronjuwelen - die Rechte an James Bond und eben am Kleinen Hobbit - nicht abtreten mochte, entstand eine zermürbende Pattsituation.

Ende Mai 2010 hatte del Toro die Faxen dicke. Der Drehstart war zum wiederholten Male verschoben worden und ein Ende der Querelen nicht absehbar. Der Regisseur verkündete seinen Rückzug, Peter Jackson übernahm dessen Aufgabe. Ein halbes Jahr, einen Gewerkschaftsaufstand und eine Magengeschwür-Operation bei Peter Jackson später war es endlich soweit: Die erste Klappe zum Kleinen Hobbit fiel in Neuseeland am 21. März 2011.

Mittlerweile liegen zwei Videos von den Dreharbeiten vor, ein Produktionsbericht vom britischen Filmmagazin Empire und einige Fotos. Natürlich hält der Regisseur Details zur Handlungsstruktur oder zum Design des Drachen Smaug sorgfältig unter Verschluss. Die bislang bekannten Einzelheiten sind jedoch spektakulär.

Produktion und Besetzung

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Die Dreharbeiten werden ein volles Jahr beanspruchen. Das Budget beläuft sich auf schwindelerregende 500 Millionen Dollar. Die beiden im Dezember 2012 und 2013 im Kino anlaufenden Teile werden An Unexpected Journey und There And Back Again heißen. Neben alten Bekannten wie Elijah Wood, Ian McKellan, Orlando Bloom oder Andy Serkis verpflichtete Jackson Martin Freeman für die Rolle des Bilbo, Richard Armitage als Thorin Eichenschild, Luke Evans als Bard den Bogenschützen, Lee Pace als Elbenkönig Tranduil sowie Stephen Fry als Bürgermeister von Esgaroth.

Vor allem die Besetzung Bilbos schien eine Zeit lang aussichtslos. Denn als die Produktion endlich freigegeben wurde, hatte Freeman bereits bei der BBC für eine zweite Staffel als Dr. Watson in Sherlock unterschrieben. Um ihn dennoch zu gewinnen, unterbreitete Peter Jackson Freemans Agenten einen kuriosen Vorschlag: Was, wenn der Schauspieler während der Dreharbeiten zum Hobbit zwei mal für zehn Wochen für Sherlock freigestellt würde? Die Antwort war «Ja». Der Drehplan wurde entsprechend angepasst und Jackson bekam seinen Wunsch-Bilbo. Und nicht nur ihn: Wie zum Dank sagte Sherlock-Holmes-Darsteller Benedict Chumberbatch zu, Smaug dem Goldenen seine Stimme zu leihen.

Auch hinter der Kamera musste Jackson keine Abstriche machen. Wie beim Herrn der Ringe werden auch beim Hobbit die Oscarpreisträger Andrew Lesnie (Kamera), Howard Shore (Filmmusik), Dan Hannah (Produktionsdesign) und Richard Taylor (Kostüme) mit von der Partie sein. Andy «Gollum» Serkis erhielt sogar eine ganz besondere Beförderung: Jackson machte ihn neben seinem Part als vom «Einen Ring» korrumpierten Hobbit zum Regisseur des zweiten Drehteams.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wieso Der kleine Hobbit so revolutionär wie Avatar sein könnte

So ähnlich sich Der Herr der Ringe und Der kleine Hobbit beim Personal sind, so weit liegen sie in den technischen Disziplinen auseinander. Zelluloid und 2D sind passé. Peter Jackson wird mit 30 brandneuen Red-Epic-3D-Digital-Kameras zum Stückpreis von 58.000 Dollar arbeiten. Und eine kleine Revolution bahnt sich bei der Bildfrequenz an.

Seit der Einführung des Tonfilms laufen Kinofilme mit 24 Bildern pro Sekunde durch den Projektor. Zelluloid ist teuer und mit 24 Bildern pro Sekunde bewegt man sich am unteren Rand des Bereichs, in dem Bewegungen noch als flüssig wahrgenommen werden. Eine höhere Bildfrequenz wäre wünschenswert, entsprechende Vorstöße - etwa von Technikpionier Douglas Trumbull (2001: Odyssee im Weltraum) Anfang der 1980er Jahre - scheiterten bislang jedoch an den Kosten.

Wie James Cameron mit Avatar den 3D-Film praktisch im Alleingang etablierte, fegt nun Peter Jackson seinerseits eine Kinotradition vom Tisch. Der kleine Hobbit wird mit 48 Bildern pro Sekunde gedreht. Dadurch wirken Bewegungen - ähnlich wie bei Videomaterial - deutlich flüssiger. Komplexe Actionszenen, gerade solche in 3D, werden somit für den Zuschauer visuell erheblich angenehmer anzuschauen sein.

Überhaupt verspricht Jackson, es mit den stereoskopischen Effekten nicht übertreiben zu wollen. Dem Empire-Magazin sagte er: «Die Leute wollen einfach mehr von Mittelerde sehen.» All die Technik diene lediglich dem Zweck, tiefer in die Wunderwelten einzutauchen, die aus dem Zusammenspiel von Ausstattern, Designern und den Zauberern von Weta Digital entstehen.

Die Geschichte

Vor allem der Tonfall des 1937 erschienenen Kleinen Hobbits bereitete Jackson und seinen Co-Autoren Kopfzerbrechen. Denn Tolkiens erster literarischer Ausflug nach Beutelsend ist ein Kinderbuch und damit weniger komplex und düster als der fast 20 Jahre später veröffentlichte Herr der Ringe. Die Handlung besteht aus sich fortwährend wiederholenden Sequenzen; die Dialoge sind mitunter albern; die Charaktere der 13 mit Bilbo reisenden Zwerge kaum ausgestaltet.

Tolkien versuchte manche Unstimmigkeit in seinen Anhängen zum Herrn der Ringe auszubügeln und die Autoren des Films orientierten sich beim Drehbuch an diesen Erklärungen. So ließ Tolkien den Zauberer Gandalf ursprünglich aus der Geschichte verschwinden, weil er Bilbo eine zu mächtige Hilfe war. Im Herrn der Ringe erfährt man schließlich, dass der Graue im Düsterwald dem Rätsel um den Totenbeschwörer von Dol Guldur nachging - bei dem es sich um niemand geringeren handelte als um den dunklen Herrscher Sauron höchstselbst.

Als Schlüssel zu den Figuren und zum Tonfall des Films erwies sich für Jackson der Humor: «Ich habe es mit einer ganzen Horde freimütiger Zwerge zu tun, die stets sagen, was sie denken», erzählte der Regisseur dem Empire-Magazin. «Sie gehen mit den Ikonen Mittelerdes wohltuend ignorant um. Aus Gandalf werden sie nicht schlau. Bilbo halten sie für eine Memme und Elrond für so eine Art überempfindlichen Schulleiter.» Erste Bilder der fertig hergerichteten Zwerge Oin und Gloin, Dori, Nori und Ori, Kili und Fili sowie Bombur, Bofur und Bifur zerstreuen zumindest alle Befürchtungen, dass man die kurzgewachsenen Haudegen auch im Film nicht wird unterscheiden können.

Was von del Toro übrig blieb

Mit Guillermo del Toro verlor Der kleine Hobbit zwar 2010 seinen Regisseur, aber nicht dessen Ideen. Nach anfänglichem Zögern sichtete Peter Jackson sämtliche unter del Toros Aufsicht entstandene Entwürfe. Der Mexikaner plante unter anderem gepanzerte Trolle, die sich zu Metallkugeln zusammenrollen sollten, er wollte Thorin einen Helm mit einem wachsenden Geweih geben und für malerische Effekte mit digital erzeugten Bildhintergründen arbeiten. Inwieweit Jackson diese, teilweise an Steampunk erinnernde Ideen berücksichtigte, verrät er nicht. Nur soviel: «Die finale Mischung wird definitiv Guillermo del Toros Gene enthalten. Das sollte auch so sein. Einige seiner Designs sind fantastisch.»

Im jüngsten Video von den Dreharbeiten ist nichts von digitalen Kulissen zu sehen. Stattdessen fliegt Jackson mit einer ganzen Hubschrauberstaffel durch Neusseeland, um Schauplätze auszukundschaften und stapft mit dem obligatorischen Kaffeebecher in der Hand durch die Wildnis. Während er beim Herrn der Ringe fast immer barfuß unterwegs war, trägt er dabei dicke Wanderschuhe. Andernorts lümmelt Andy Serkis in seinem Regiestuhl herum, während seine Mannschaft zum Abschluss des ersten Blocks der Dreharbeiten entsprechende T-Shirts übergezogen hat. «254 Days» steht darauf - durchgestrichen. Und darunter: «200 to go».

Einiges hat sich also geändert beim zweiten Mittelerde-Epos, vieles scheint weiterentwickelt und manches könnte die Filmwelt für immer verändern. Nur das Leuchten in den Augen aller Beteiligten am Set ist exakt das gleiche wie beim Herrn der Ringe elf Jahre zuvor. Der holprige Produktionsbeginn ist vergessen. Nun wird ein Film gedreht. Einer für die Ewigkeit.

wie/oro/news.de

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