Filmmusik
Als die Symphonien tanzen lernten

«Ta-da damtam, ta-da damtam, ta-da damtam, tada-dada» Die Musik zu Fluch der Karibik kann jedes Kind mitschmettern. Doch die Nullerjahre hatten noch viel mehr denkwürdige Soundtracks zu bieten. Von einem bekommt man sogar Kopfweh.

Das Jahrzehnt der Weltuntergänge mochte es laut. Die 1990er Jahre gehörten symphonischen Bombast-Soundtracks. Katastrophenfilme waren en vogue und boten Gelegenheit, die sich rasant entwickelnden Möglichkeiten der Computertechnik auszuschöpfen. Independence Day oder Armageddon, Deep Impact oder Jurassic Park boten visuelle Spektakel sondergleichen. Ihre Filmmusik mühte sich, da Schritt zu halten. 

Mit dem neuen Jahrzehnt wurden die Effekte immer besser, Hollywood verlegte sich auf Comicverfilmungen und Fantasy. Da diese sich nicht ausschließlich mit Verwüstungen im Breitwandformat beschäftigten und mehr Ausdrucksmöglichkeiten boten, traten auch die symphonischen Soundtracks langsam den Rückzug an.

Bei Howard Shores Musik zur Monumentaltrilogie Der Herr der Ringe reichte die Spanne von dramatischen Opernklängen wie bei Richard Wagner bis hin zu intimeren Stücken wie dem Rohan-Motiv, bei dem die norwegische Hardangerfiedel zum Einsatz kam. Danny Elfmans Musik zu Spider-Man spiegelte die Verwirrung und Euphorie seines heranwachsenden Helden ebenso wie den Irrsinn und die Brutalität seines Widersachers.

Orchestrale Standardkost gab es noch am ehesten in den Fluch-der-Karibik-Filmen. Um das inzwischen weltberühmte - allerdings frappierend an das Volkslied Es führt über den Main erinnernde - Hauptthema komponierten Hans Zimmer und Klaus Badelt einen Soundtrack alter Schule. Ihre Musik war nicht unbedingt originell, leistete aber einen nicht zu unterschätzenden Beitrag dazu, das bis dahin brachliegende Piratenfilmgenre ins 21. Jahrhundert zu hieven.

Jason Bourne gibt das Tempo vor

Ein weiterer Trend der Nullerjahre lag in der Verbindung klassischer Arrangements mit Einflüssen aus rhythmusbetonten Popgefilden. John Powells nach vorn peitschender Soundtrack zu den Bourne-Filmen wurde zur Blaupause für das aktuelle Actionkino. Abseits der ausgetretenen Pfade suchten sich Hans Zimmer und James Newton Howard ihre Inspiration für die Musik zu Christopher Nolans Batman-Interpretationen. Das Hauptmotiv des geflügelten Rächers besteht lediglich aus einer dumpfen Fanfare. Es wird gewummert, wo früher Melodien blüten.

Komponistenkönig John Williams passte sich der neuen Zeit ebenfalls an. Seine Melodien zu Star Wars oder Indiana Jones kennt jeder. In den Nullerjahren experimentierte Williams mit entrückten, leicht disharmonischen Motiven (Artificial Intelligence) oder erstmals mit Jazz und Swing (Catch Me If You Can).

Bezeichnend ist, dass Williams für Harry Potter keine vergleichbar eingängige Melodie einfallen wollte wie für Jurassic Park oder Superman. Den höchsten Wiedererkennungswert besaßen noch am ehesten Thomas Newmans elegische Klavierstücke für Road To Perdition oder Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse.

Ebenfalls unverwechselbar war der Soundtrack, den der nordirische DJ David Holmes für Steven Soderbergs Ocean's-Trilogie zusammenbastelte: Seine aus Jazz, Funk und tanzbaren Rhythmen komponierte Filmmusik war so lässig wie die Hauptdarsteller George Clooney und Brad Pitt. Und die sind ziemlich lässig.

Der Soundtrack des Jahrzehnts

Eine ganz andere Art von Wiedererkennungswert bekam das Öl-Epos There Will Be Blood, als Regisseur Paul Thomas Anderson den Radiohead-Gitarristen Johnny Greenwood mit dessen musikalischer, oder besser: geräuschvoller, Untermalung betraute. Greenwood komponierte ein avantgardistisches Klanggebilde, dass sich zum Soundtrack von Fluch der Karibik in etwa verhielt wie ein expressionistisches Gemälde zu einem harmlosen Stillleben.

Es sägt, fiepst, pluckert und rasselt nach komplizierten Mustern - György Ligetis Musik zu 2001: Odyssee im Weltraum lässt grüßen. Auch wenn einem bei There Will Be Blood zunächst der Kopf wehtun mochte, stellte sich nach einer Weile doch der gleiche Effekt ein wie bei expressionistischen Gemälden: Man weiß nicht, was da gerade passiert, aber es ist großartig.

Wollte man zwischen solchen scheinbar aus der Zeit gefallenen Experimenten, volkstümlichen Seeräubershanties und energiegeladenem Gewummer den Soundtrack der Nullerjahre auswählen, käme vielleicht der erste Oscarpreisträger der Zehnerjahre infrage: Trent Raznor und Atticus Ross schufen für das Facebook-Drama The Social Network einen genialen Industrial-Soundtrack, der sich einen musikalisch ebenso schlüssigen Reim auf das Jahrzehnt machte wie David Finchers Bilder und Aaron Sorkins Drehbuch: anspruchsvoll aber eingängig, wuchtig aber feingliedrig, voller Elan - und Einsamkeit.

FOTOS: Filmkomponisten Hollywoods lustige Musikanten

wie/zij/news.de

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