Boulevard der Stars Feinstaub statt Glamour

Der Berliner «Walk of Fame» bekommt Zuwachs: 20 neue Namen sollen den «Boulevard der Stars» in diesem Jahr zieren. Eine fragwürdige Ehre, denn die Messingsterne sind alles andere als glamourös.

Boulevard der Stars (Foto)
Stars zu Füßen: Der Boulevard der Stars in Berlin. Bild: ap

Ein Zigarettenstummel liegt auf Marlene Dietrich. Eine Sommerbrise hat ihn auf den Stern der Filmikone geweht. Kaugummi klebt neben Bruno Ganz. Eigentlich soll der «Boulevard der Stars» am Potsdamer Platz etwas vom Glanz des «Walk of Fame» in die deutsche Hauptstadt bringen, doch Glamour will sich auf der verkehrsumbrausten Insel zwischen Sony Center und Shoppingmall nicht so recht einstellen.

Vor acht Monaten ist der Boulevard mit 40 Sternen eröffnet worden, seitdem macht die Meile einige Probleme: Die Messingsterne laufen an, über den Bodenbelag, der eigentlich aussehen soll wie ein roter Teppich, hat sich ein dunkler Schleier gelegt. «Wir kümmern uns darum», verspricht Georgia Tornow, die Geschäftsführerin des «Boulevards der Stars». «Für Berliner Verhältnisse ist der Boulevard gar nicht so schmutzig», findet jedenfalls Alfred Holighaus, Geschäftsführer der Deutschen Filmakademie. Mit dieser Meinung steht er allerdings ziemlich alleine da.

Spätestens im September muss das Messing wieder strahlen und der Boden rot leuchten, denn dann sollen 20 neue Sterne hinzu kommen. Heute hat die Jury die Namen der Stars, die einen Ehrenplatz auf der Verkehrsinsel bekommen sollen, bekannt gegeben. Darunter sind Bernd Eichinger, Klaus Kinski, Liselotte Pulver, Til Schweiger und auch Anke Engelke. Man habe darauf geachtet, Balancen herzustellen, indem Menschen sowohl vor und hinter der Kamera als auch aus unterschiedlichen Epochen geehrt werden, erläutert Jurysprecher Hans Helmut Prinzler die Wahl.

Stern für einen Nazi-Propagandeur

Ursprünglich sollten jedes Jahr nur zehn neue Sterne hinzu kommen, aber die Jury hat aus den 300 Vorschlägen, die 15 Institutionen der Filmbranche eingereicht hatten, nun doch 20 ausgewählt. «Weil es anfangs viel, viel mehr Menschen gibt, die man ehren möchte», erklärt Prinzler.

Fünf Mitglieder hat das Gremium, das über den Sternensegen entscheidet: Das sind neben Prinzler, Gero Gandert vom Förderkreis des Museums für Film und Fernsehens, der Geschäftsführer der Deutschen Filmakademie Alfred Holighaus, Uwe Kammann als Vertreter des Adolf Grimme Instituts und Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Senta Berger, deren Namen ab September ebenfalls ein Stern zieren wird, ist gerade erst aus der Jury ausgetreten, Holighaus ist für sie eingesprungen.

Für Gesprächsstoff dürfte die Ehrung des Schauspielers Emil Jannings sorgen, der während des Nationalsozialismus Propagandafilme inszeniert hatte. «Wir klammern das nicht aus», sagt der Jurysprecher. Das sei aber nur ein Kapitel in der Karriere des Schauspielers. Die Regisseurin Leni Riefenstahl zu ehren, wäre für ihn allerdings «mehr als ein Problem». Jannings (Der blaue Engel) war 1929 als einer der ersten mit einem Oscar ausgezeichnet worden und hat auch auf dem Hollywood «Walk of Fame» einen Stern.

Professionelle Reinigung war «ernüchternd»

Die anderen künftigen Sternenträgern wie Fatih Akin, Martina Gedeck oder Til Schweiger müssen sich darüber Gedanken machen, dass ihr Name in den Schmutz gezogen werden könnte, wenn der Boulevard der Stars sein Schmuddelimage nicht in den Griff bekommt.

Zwei Mal ist der Sternenmeile schon ein professionelles Reinigungsteam zuleibe gerückt, doch das Ergebnis ist ernüchternd: «Wir sind damit nicht zufrieden», gibt Tornow zu. Zwischen Ende Juli und Ende August sollen die neuen Sterne eingelassen werden. «Wir werden die Zeit nutzen, um sehr genau zu gucken, was mit dem Belag ist», erklärt die Geschäftsführerin. Das alles kostet natürlich auch eine Menge Geld.

Wohl auch deshalb kann man jetzt eine Patenschaft für einen Stern übernehmen. Für einen Zeitraum von drei Jahren ist man dann etwa für die Realisierung und die Pflege des Senta-Berger-Sterns verantwortlich.

Designer entscheiden über den Standort

Insgesamt sei Platz für etwa 160 Sterne, sagt Tornow. Die Entscheidung darüber, wer wo sein Plätzchen findet, sei banaler, als man denkt: Da hätten die Designer «ein ganz gewichtiges Wort». Wenn da allerdings Entscheidungen getroffen würden, die politisch oder inhaltlich zu brisant seien, würde sie selbst auch «reingrätschen», versichert Tornow. «Themenecken» werde es jedenfalls nicht geben und Prinzler merkt an: «Im Nachhinein hat sich gezeigt, dass sich aus der Konstellation im vergangenen Jahr erstaunliche Sinnzusammenhänge ergeben haben.»

Ob es Wim Wenders gefallen würde, neben Anke Engelke zu liegen, wird dabei wohl keine Rolle spielen. Man kann nur hoffen, dass der jüdische Produzent Erich Pommer sein Plätzchen nicht ausgerechnet neben Emil Jannings einnehmen muss – auch wenn die beiden bei Der blaue Engel noch zusammen gearbeitet haben. Aber da bleibt ja noch die Hoffnung auf eine elegante Grätsche von Georgia Tornow.

Die neuen Sterne werden diese Namen tragen: Fatih Akin, Senta Berger, Frank Beyer, Bernd Eichinger, Anke Engelke, Eberhard Fechner, Martina Gedeck, Jutta Hoffmann, Emil Jannings, Klaus Kinski, Siegfried Kracauer, Ernst Lubitsch, Ulrich Mühe, Erich Pommer, Liselotte Pulver, Werner Schroeter, Til Schweiger, Wolfgang Staudte, Jost Vacano, Hans Zimmer.

car/cvd/news.de

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