Kinoplakatmaler Er bohrt den Stars in der Nase

Von news.de-Redakteur Sven Wiebeck, Berlin
Ob auf Angelina Jolies volle Lippen oder in Jeff Bridges' zauseligen Bart: Götz Valien «krabbelt» gern in die riesigen Gesichter der Schauspieler. Er ist der letzte Kinoplakatmaler in Berlin - und einer der letzten in Deutschland. News.de hat ihn in seinem Atelier besucht.

Götz Valien geht einen kleinen Schritt zurück, wirft einen kurzen prüfenden Blick auf die große Leinwand vor sich. In der rechten Hand hält er den Pinsel, die Vorlage für sein Gemälde in der linken. Götz Valien ist Künstler. Und Kinoplakatmaler. Der letzte in Berlin. Und einer der letzten in Deutschland.

Hingen einst allein in der Hauptstadt an unzähligen Lichtspielhäusern riesige, handgemalte Plakatwände und warben für die laufenden Filme, kann Valien die Zahl der Kinos heute an einer Hand abzählen. Alle anderen setzen mittlerweile auf gedruckte Plakate. Hinzu kam das große, Ende der 1990er Jahre einsetzende Kinosterben. All das führte dazu, dass die Zunft der Kinoplakatkünstler dieser Tage eine aussterbende ist.

In Berlin malt Valien noch für das Cinema Paris, Delphi, Astor, International und das Filmtheater am Friedrichshain. Sowie für die Zeise Kinos in Hamburg. Für letztere ist auch die Leinwand bestimmt, über die er gerade den Pinsel gleiten lässt. Schemenhaft ist Joschka Fischer zu erkennen. Gleich zweimal. Mit Kohle vorgezeichnet. «Joschka und Herr Fischer» steht über den beiden Portraits geschrieben. In Violett und Blau.

So lautet der Titel des dokumentarischen Kinofilms von Regisseur Pepe Danquart über den Ex-Sponti und früheren Außenminister mit der markant-knarzigen Stimme. Lässig steht er da, der junge Joschka. Im T-Shirt, mit verschränkten Armen. Nach und nach nehmen der Bart, die Zigarette und die langen Haare klare Konturen an. Der ältere, deutliche fülligere Staatsmann im edlen Zwirn und mit stylischer Brille auf der Nase bleibt derweil noch grau umrissen.

Ein heruntergekommener Schuppen im tristen Hinterhof

Filmplakatmaler
Großes Kino

«Das heute hat ein bisschen was von Malen nach Zahlen», sagt Valien. Sein dunkler Overall ist über und über mit Farbe beschmiert. Die Schirmmütze trägt er verkehrt herum. Seine dunklen Haare fallen nicht ganz bis auf die Schultern. «Dieses scherenschnittartige Motiv ist wirklich einfach, fast schon zu einfach.» Mehr als ein paar Stunden braucht er dafür nicht. Im Schnitt arbeitet er zwei Tage an einem der großformatigen Plakate. Meist bekommt er montags Bescheid, welches am Donnerstag im Kino hängen soll. «Manchmal auch kurzfristiger.» Aber für seine Schnelligkeit, Effektivität und Zuverlässigkeit sei er schließlich bekannt. Auch wenn er früher noch schneller war: «Da habe ich auch schonmal zwei Plakate an einem Tag parallel gemalt.

Valien kurbelt die Staffelei ein Stück nach oben. Die Mechanik ist in den Boden der rund 200 Quadratmeter großen Künstlerwerkstatt eingelassen. Doch der 50-Jährige steht nicht etwa in einem lichtdurchfluteten Atelier, sondern in einem heruntergekommenen Schuppen in einem tristen Berliner Hinterhof. Drinnen und draußen bröckeln Putz und Farbe von den Wänden.

25 Jahre ist es her, dass Valien in die Stadt kam - und blieb. Geboren in Kitzbühl, wuchs er in Salzburg auf. Bevor er 1980 einen Studienplatz an der renommierten Wiener Hochschule für angewandte Kunst bekam. Die österreichische Färbung seiner Worte ist nicht zu überhören.

Genau genommen ist es Zufall, dass er in diesem Schuppen steht und die neun Quadratmeter große Leinwand bemalt. Ein pragmatischer Kompromiss. «Irgendwomit muss ich ja Geld verdienen», sagt Valien. Mal sei seine eigentliche, fotorealistisch geprägte Kunst die bessere Einnahmequelle und mal die Gestaltung der Kinoplakate. Wobei es sich bei letzterer ebenfalls um Kunst handelt. Nur eben nach ganz klaren Vorgaben abbildende. Da bleibt kein Raum für eigene kreative Ideen und phantastische Vorstellungen. Die Plakate sollen den digital gedruckten Vorlagen gleichen, sie sind Kopien - und dennoch Unikate.

So ist das Malen der Plakate eine zumindest dauerhafte und relativ regelmäßige Geldquelle. Wobei es immer wieder Durststrecken gibt - Monate, in denen gar keine oder kaum Aufträge reinkommen. Im Gegensatz zu den Filmverleihern mag Götz Valien deshalb auch ganz besonders die Flops. Denn je häufiger neue Filme anlaufen, desto häufiger bekommt er neue Aufträge. Ab und an malt er auch nur für Premierenfeiern.

Ehrenamtliche Kreativität

Viel Geld verdient er damit aber nicht. «Es ist eine brotlose Kunst. Wenn man so will, mache ich es ehrenamtlich», sagt der verheiratete Vater zweier Kinder und lacht. Trotzdem braucht er diesen Job. Und: «Wenn ich es nicht mache, macht es bald gar keiner mehr.» Irgendwie fühlt sich Valien verpflichtet, diesen kulturellen Beitrag zu leisten - aus Liebe zur Sache. «Natürlich schwingt da auch Nostalgie mit. Gemalte Plakatwände sind etwas Besonderes, auf das sich die Menschen wieder besinnen, wenn es verschwindet, wenn es verloren geht.»

Die Preise haben sich seit Jahrzehnten nicht geändert. Er könne es sich nicht leisten, höhere zu fordern. Das mache keinen Sinn und würde die wenigen verbliebenen Auftraggeber nur abschrecken. Über konkrete Zahlen möchte er allerdings nicht reden.

Auf Seite 2 steht, wie lange Oscar-Gewinner ihr Gesicht behalten

20 Jahre ist es nun her, dass der Österreicher den Schuppen in Berlin-Reinickendorf erstmals betrat. Anfang der 1990er Jahre war die Auftragslage für ihn als Künstler schlecht. Da erzählte ihm ein Freund von der Plakatmalerei Werner. «Er hatte den Vater von Herrn Werner im Fernsehen gesehen. Der war damals bereits Mitte 70 und hat behauptet, er würde die Plakate so gut wie allein malen. Das kann doch nicht sein, dachte ich. Und dass das auch was für mich wäre. Also bin ich hierher gekommen. Und da bin ich noch immer», sagt Valien. Michael Werner, sein heutiger Chef, hat die Firma 1996 vom Vater übernommen.

Der junge Joschka hat inzwischen Gestalt angenommen. Valien wirft erneut einen prüfenden Blick auf die Leinwand, ob er auch wirklich so aussieht wie auf dem kleinen Plakat. Auf dem Tisch neben ihm stehen zahlreiche Farbdosen, liegen unzählige Pinsel. Das Wasser zum Reinigen müffelt in einem kleinen Eimer vor sich hin. «Hm, das sollten wir unbedingt mal austauschen. Stinkt ganz schön», merkt Rasit Karabas an. Der Schriftenmaler ist Valiens einiziger Mitarbeiter. Unter lautem Zischen reinigt er die Airbrushpistole.

Der Boden ist mit Farbklecksen übersäht. An einigen Stellen hebt er sich. «Das ist Farbe vom Grundieren, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt hat», erklärt Valien und tritt gegen eine Schwelle. Auch die Wände sind an manchen Stellen bunt bemalt.

Das Oscar-Orakel

Ein schwarzer Vorhang trennt den großen Raum. Dahinter liegen vier Oscar-Preisträger in der Gesellschaft zweier Nominierter: Colin Firth lagert dort in Überlebensgröße gemeinsam mit Geoffrey Rush und Helena Bonham Carter, auch Jeff Bridges, Hailee Steinfeld und Matt Damon. Für die diesjährige Berlinale hatte Valien die Plakate für die Filme The King’s Speech und True Grit überdimensioniert auf Leinwände gebracht. Aufgereiht stehen diese noch in der Werkstatt. In mehreren Teilen, jedes mindestens 2,10 mal 3,60 Meter groß.

Für die Berliner Filmtheater benutzt Valien immer wieder die gleichen Leinwände. Allzu sehr hängen darf er nicht an seinen Kunstwerken. Die Plakatflächen sind so groß und teuer, dass er sie so oft wie möglich übermalt, sobald die Filme nicht mehr laufen. Bis die Farbschichten so dick und die Einzelteile so schwer sind, dass er und Rasit Karabas sie nicht mehr tragen können.

«In den vergangenen Jahren habe ich immer die Oscar-Preisträger gemalt», sagt Valien. Auch Titanic und Das Leben der Anderen zählen zu seinen Werken. Beide haben ihn seinerzeit in eine verlängerte Arbeitspause geschickt.

In wessen Nase er gern bohrt, erzählt Götz Valien auf Seite 3

Er wollte andere Künstler treffen, als Götz Valien damals nach Berlin kam. Filmschaffende, Musiker, Maler. Das hat er. Doch viel wichtiger ist: Eigentlich wollte er Filme machen - nicht Plakatmaler werden. Diverse Drehbücher liegen zuhause in seiner Schreibtischschublade. Das ein oder andere hat er auch abgeschickt - zuletzt an das ZDF. «Es hat ihnen zwar gefallen», sagt Valien, «war von der Thematik, von der ausgearbeiteten Idee her aber etwas zu speziell». Nicht zum ersten Mal.

Götz Valien liebt den Film. Und er hat Ahnung. Unentwegt spricht er mit uferloser Begeisterung über dieses faszinierende Medium. Einen Lieblingsfilm kann er aber nicht nennen. An sein erstes selbst gemaltes Plakat kann er sich dafür ganz genau erinnern: «Das war Hook, im April 1992.» Seitdem sind um die 3000 hinzugekommen, schätzt der Maler.

Er zieht eine schwere Schublade der Werkbank auf. Darin türmen sich die Plakatvorlagen. Auf der Arbeitsplatte und den Regalen stehen vereinzelte Tassen und Wasserflaschen zwischen zahllosen Farbtuben und -dosen, liegt allerhand Werkzeug, Klebeband, in einem Pappköcher stecken Staubwedel. An der Wand hängt ein Plakat des Stummfilmklassikers Metropolis. Auf dem Fußboden stehen Farbeimer - nebeneinander, übereinander. Der Stiel einer Farbrolle lehnt an dem alten Ölofen, der einzigen Wärmequelle. Im Winter wird es hier richtig kalt. Auch an diesem Spätfrühlingstag ist es frisch in der Halle.

«Korrigieren ist nicht»

Valien kramt ein paar Vorlagen aus der Lade. Beispiele für besonders schwierige Motive: Almanya, True Grit und Sex And The City. «Viele Menschen, viele Farben, viele Details - dann wird's schwierig», erläutert Valien. «Und sehr dunkle Motive. Manchmal denke ich mir beim bloßen Anblick einer Vorlage schon: Och, nein! Warum mache ich das überhaupt.» Weil es ihm trotz manch nerviger Momente auch Spaß macht. Und die Arbeit mitunter gar etwas Meditatives haben kann.

«Technisch ist diese ja nicht schwierig», betont der 50-Jährige und überlegt, wie er das Revers von Joschka Fischers Anzug am besten bearbeitet: vielleicht mit einem Besen oder einem Schwamm? Dann bleibt er doch beim groben Pinsel - und tupft die Farbe auf die Leinwand. «Wichtig, ist, dass du schnell, präzise und auf den Punkt arbeitest. Zwar auch schon mal spontan und intuitiv, angesichts der deutlichen Vorgaben kannst Du aber nicht großartig rumprobieren.» Vom primären Pinselstrich an muss die Richtung klar sein. Alles muss beim ersten Mal passen. Nachbessern oder ausschnittartig übermalen ist schwierig. «Nee, korrigieren ist nicht. Dann ist es besser, wenn du gleich noch mal neu anfängst», sagt Götz Valien und unterstreicht die Kombination aus Gefühl und Routine.

Colin Firth sieht alles

Er gießt sich Tee in den Deckel seiner Thermoskanne. Trinkt einen Schluck. Mit farbverschmierten Händen dreht er sich eine Zigarette. Sein Handy klingelt. Es geht um Ausstellungsstücke. Valien tritt vor das Werkstatttor, sucht die wärmende Sonne.

Derweil bereitet Rasit Karabas einen Schriftzug für das Delphi-Kino vor: Barfuß auf Nacktschnecken mit der deutschen Hollywoodschauspielerin Diane Kruger. Die Vorlage projiziert er mit einem alten, von ehemaligen Kollegen selbst gebauten Projektor vergrößert auf die gelb grundierten Leinwände. Colin Firth guckt ihm dabei unablässig aus großen Augen über die Schulter.

«Es macht mir unglaublichen Spaß, in die großen Gesichter zu krabbeln», sagt Valien, tut so, als würde er Geoffrey Rush den Zeigefinger in das Nasenloch stecken und grinst. «Dabei entstehen schon sehr intime Momente. Die Extreme werden deutlicher.» Auch wenn er nichts für Angelina Jolie übrig hat: «Es ist schon toll, wenn du auf der Leinwand die Konturen ihrer riesigen Lippen quasi herausmeißelst. So nahe kommen ihr nicht viele.»

 

wam/boi/news.de

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