«The Fighter» Vier Fäuste für ein Familiendrama

Ring frei für familiäre Scharmützel: Der Kinofilm The Fighter entwirft ein dichtes Gespinst ungesunder Abhängigkeiten und fährt dabei einen ferngesteuerten Boxer, einen cracksüchtigen Egomanen und eine manipulative Mutter auf. Exzellent.
 

«The Fighter» (Foto)
Brüder und Konkurrenten: Mark Wahlberg (links) und Christian Bale im Film The Fighter. Bild: Senator

Dicky stolziert mit aufgeblasener Brust über den Bürgersteig, seine Augen flirren. Er schüttelt Hände und küsst wildfremde Frauen. Dicky ist ein Lokalheld. Irgendwann in den 1970er Jahren hat der Boxer seinen Gegner k.o. geschlagen. Noch heute zehrt er davon, spielt die Szene immer wieder nach und lässt sich von seiner Mutter und seinen Freunden tagtäglich dafür feiern.

Doch von dem einst strahlenden Sieger ist nicht mehr viel übrig geblieben. Dicky (Christian Bale) ist ein Crack-Junkie, der sich von einem Rausch in den nächsten rettet. Dabei träumt er vom Comeback und trainiert seinen kleinen Bruder. Doch Dicky steht eigentlich gar nicht im Zentrum des Dramas The Fighter, auch wenn ihm das nicht so recht zu passen scheint.

«The Fighter»: Ring frei für ein Familiendrama

Mit dem kleineren Bruder Micky (Mark Wahlberg) zeigt Regisseur David O. Russell eine Hauptfigur, die sich immer wieder als solche behaupten muss. Der große Bruder Dicky, eigentlich als Nebenfigur angelegt, drängelt sich gern ins Bild und reißt die Situation an sich. Er trainiert Micky nicht nur, er hält ihn auch klein, um sich weiter im eigenen Ruhm sonnen zu können.

Medusen-Armada im Schlepptau

Auch die Mutter (grandios im Leopardenkostüm: Melissa Leo) ist an dieser Manipulation beteiligt. Blickt sie auf Dicky, den Lokalhelden, springt ihr der Stolz aus den Augen. Wenn sie in das Gesicht des jüngeren Sohnes schaut, sieht sie Unzulänglichkeit, denn Mickey muss im Ring eine Niederlage nach der anderen einstecken. Das liegt aber auch daran, dass Mutter und Bruder als Managerin und Trainer ihm immer wieder Kämpfe vermitteln, die er gar nicht gewinnen kann. Immer im Schlepptau: Die Medusen-Armada aus sieben grotesk auftoupierten Schwestern.

Trailer «The Fighter»: Brüder im Faustkampf
Video: amg/news.de/Senator

Und so erzählt The Fighter, der nur auf den ersten Blick ein Boxfilm ist, vom Befreiungsschlag eines kleinen Bruders. Der Sport dient hier als Projektionsfläche, um die psychologischen Prozesse, die Konkurrenzsituation zwischen den beiden Brüdern und die mütterliche Manipulation sichtbar zu machen.

Der Film basiert auf einer realen Geschichte, an dessen filmischer Umsetzung Mark Wahlberg schon seit 2005 beteiligt war. Es war eine schwere Geburt: Regisseur Martin Scorsese hatte es abgelehnt, den Stoff zu verfilmen, Darren Aronofsky war wieder abgesprungen und auch Brad Pitt hatte die Rolle des Dicky an Christian Bale abgegeben. Das Hin und Her merkt man dem Film aber überhaupt nicht an. Die Geschichte ist konsequent erzählt und die Charaktere treten scharf konturiert hervor.

Hängende Schultern und Strippenzieher

Dicky ist der Agile, er zappelt und treibt die Handlung voran, während sein Bruder sich von ihm lenken lässt. Micky schlurft wie ein nasser Sack durch die Straßen, die Scham über seine Niederlagen liegt schwer auf seinen Gliedern. Wenn Bruder und Mutter seine Kämpfe verhandeln, dann hockt er mit hängenden Schultern daneben und bekommt nur ein zögerliches «Ja, aber» über die Lippen, während Mutter und Bruder die Dollarzeichen in den Augen stehen. Er hält bei haarsträubenden Kämpfen den Kopf hin, während die Strippenzieher sich bequem hinter den Seilen ansehen, wie sich Micky verprügeln lässt.

Und so wandelt Mark Wahlberg über weite Stecken des Films wie ferngesteuert über die Leinwand – nicht weil er ein phlegmatischer Schauspieler ist, sondern weil das hier Sinn macht. Besonders beeindruckend ist, wie die Macher die beklemmende Atmosphäre aus emotionaler Erpressung, Verzweiflung und Stagnation kreieren.

Darüber schwebt auch immer der Blick der anderen: Die Häme der Boxkampf-Kommentatoren («Das ist sein schlechtester Kampf»), die Erwartungshaltung seiner Familie («Du willst dich doch nicht blamieren, oder?») und der Kleinstadttratsch («Der bringt's einfach nicht») – unter all dem duckt sich Micky weg, steckt immer wieder ein. Die emotionale Spannung, unter der er steht, ist so stark inszeniert, dass auch der Zuschauer Beklemmungen bekommt.

Oscars für Christian Bale und Melissa Leo

Aus diesem Teufelskreis kann der Boxer erst ausbrechen, als er die Barfrau Charlene (Amy Adams) kennenlernt. Sie bringt den Sprengstoff und die Initialzündung in das marode Familiengebäude.

Der Film glänzt vor allem mit der schauspielerischen Leistung, die mit zwei Oscars und Golden Globes für die Nebendarsteller Christian Bale und Melissa Leo auch offiziell beglaubigt wurde.

Der Regisseur gönnt der Darstellerin Leo einen grandiosen ersten Auftritt: Die Tür schwingt auf, sie stürmt mit geschäftigem Blick in die Trainingshalle und schon nimmt die Frau mit ihrer Präsenz den ganzen Raum in Beschlag. Allein in diesen ersten Sekunden ist klar: Mit der ist nicht zu spaßen.

Christian Bale ist für diese Rolle auch an körperliche Grenzen gegangen: Er hat sich klapperdürr gehungert und das Haar ausdünnen lassen, um als Crack-Junkie auch optisch zu überzeugen. Schön gemacht ist der dramaturgische Kniff, mit dem die beiden Brüder eingeführt werden: Ein Fernsehteam dreht eine Dokumentation über Dicky. Die beiden Brüder balgen vor der Kamera, liefern sich Schattengefechte und stellen Dickys berühmte K.o.-Szene nach. Der Lokalheld denkt, es sei ein Film über sein Comeback. In Wirklichkeit dreht der Sender einen Film über Crack-Abhängigkeit.

Titel: The Fighter
Regie: David O. Russell
Darsteller: Mark Wahlberg, Christian Bale, Melissa Leo, Amy Adams
Filmlänge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Senator
Filmstart: 7. April 2011

krc/ivb/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • kristof
  • Kommentar 1
  • 10.04.2011 08:32

wenn der film in frankfurt/ main od. offenbach läuft, gehe ich sicher rein +++-, wenn ich zeitlich dazu komme; nehme meinen neffen einfach mal mit darein; 'schönen tag, kristof.

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