Japan in Thüringen Uwe Steimle rollt Sushi in Suhl

«Sushi in Suhl» (Foto)
Julia Richter, Uwe Steimle und Ina Paule Klink rollen Sushi und drehen in Schmalkalden. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Schmalkalden
Er war eine Kuriosität in der DDR, eine Legende. Rolf Anschütz betrieb im thüringischen Suhl das einzige Japanrestaurant des Landes. Die Geschichte des Sushi-Wirtes wird verfilmt, mit Kabarettist Uwe Steimle in der Hauptrolle.

Thüringer seien Japanern sehr ähnlich, da ist sich Schauspieler Uwe Steimle sicher. Eine einfache Erklärung, warum es das einzige japanische Restaurant im Gebiet der DDR in Suhl gab. Rolf Anschütz war Gründer und Koch der HO-Speisegaststätte «Waffenschmied». Genau diesen Rolf Anschütz spielt Steimle im Kinofilm Sushi in Suhl, der in Schmalkalden im ehemaligen Gasthaus Wilhelmsburg mitten in der Innenstadt gedreht wird.

In Thüringer Gasthäusern gibt es immer einen Veranstaltungssaal, über knarzige Stufen treppauf zu erreichen. In Schmalkalden riecht es dort noch nach DDR, einer Mischung aus modrigem Holz, Zigarettenrauch, dem Desinfektionsmittel Wofasept - dazu eine Sushi-Essig-Note. So könnte es auch im echten «Waffenschmied» gewesen sein. Von der Decke und an den Wänden hängen rote Flaggen mit japanischen Schriftzeichen. Am Eingang hinter großen Scheinwerfern für die Filmaufnahmen versteckt, sind Wimpel angebracht vom Schützenverband der DDR und 25 Jahre Kinder- und Jugendsportschule «Friedrich Engels».

«Sushi in Suhl»
Das einzige Japanrestaurant der DDR

Die Schauspieler Uwe Steimle und Ina Paule Klink haben sich in Kimonoschale geschmissen, um hinter einem niedrigen Holztisch zu posieren, an dem man - ganz die japanische Art - zum Essen knien muss. Auf dem Tisch steht ein voller Aschenbecher zwischen braunem Keramikgeschirr, statt Soja- gibt es Worcestersauce.

Vom Improvisationstalent zur Japan-Legende

Ein Hinweis auf das Improvisationstalent des Wirts, durch das Rolf Anschütz zur Suhler Japan-Legende wurde. Schon während seiner Ausbildung zum Koch in Leipzig begeisterte er sich für die japanische Kochtradition. Nachdem er die Leitung des Restaurants «Waffenschmied» - in der Waffenstadt Suhl, auch ein traditioneller Name - übernahm, wollte er nicht nur japanisches Essen und Tischsitten umsetzen. Auch die Badegewohnheiten waren sein Beitrag zu Fernost im Osten. Vor dem Essen wurde gemeinschaftlich nackt gebadet, in der FKK-gewöhnten DDR kein Grund des Anstoßes. Widerstand gegen das Japanrestaurant gab es jedoch von der HO-Leitung und der Staatsmacht. «Erst viel später, als Rolf Tatsachen gestaltet hatte, die ersten Ausländer und auch Japaner im «Waffenschmied» waren, konnte der Staat ihn nicht mehr zurückpfeifen», erzählt sein Bruder Lothar Anschütz in einem Interview.

Mit Brigadefeiern und hohen Gästen aus dem Ausland, unter die sich so mancher IM der Staatssicherheit mischte, war das Restaurant bis zu zwei Jahre im Voraus ausgebucht. Für Normalbürger gab's kein Hineinkommen. «Ich habe Industrieschmied gelernt. Da war es nicht unbedingt erstrebenswert, nach Suhl zu fahren. Für mich war das eine andere Welt», erzählt Anschütz-Darsteller Steimle. «Aber zweieinhalb Millionen Gäste haben den ‹Waffenschmied› besucht. Das muss man sich mal vorstellen.» Zwischen 1965 bis 1983 sei die große Zeit des Japan-Restaurants gewesen. Selbst der japanische Kaiser wurde auf Anschütz aufmerksam und verlieh ihm den Orden für «kulturelle Verdienste».

Ort in der Provinz, in dem unglaubliche Sachen passieren

Der «Waffenschmied» wurde zum Mysterium, von dem auch Sushi-in-Suhl-Regisseur Carsten Fiebeler damals hörte. «Wir wussten, irgendwo in der Provinz muss es einen Ort geben, an dem unglaubliche Sachen passieren.» Das Skurrile an Rolf Anschütz habe ihn begeistert. «Gerade auch die DDR hat solche Leute hervorgebracht, die aus dem Mangel heraus aufgebrochen sind und eine komplett andere Welt geschaffen haben», sagt Fiebeler, der auch die Ost-West-Komödie Kleinruppin forever gedreht hat.

Mangel war das bestimmende Thema für Rolf Anschütz. Neben dem Worcester-Sojasaucen-Ersatz zeigt Uwe Steimle, der nun eine weiße Kochuniform trägt, in der Küche am Drehort, mit welchen Mitteln in Suhl Japan gespielt wurde. «Rolf Anschütz hat festgestellt, dass Milchreis genauso klebt wie Sushi-Reis, Spinat sieht aus wie Seetang und statt Thunfisch gab es Karpfen.» «Suhler Sushi» nennt der Schauspieler diese Kreation.

Erstes Sushi im Jahr 1996

Steimle selbst mag Sushi, seine ersten Rollen mit rohem Fisch habe er 1996, lange nach der Wende gegessen. Jetzt zeigt der Erfurter Rainer Rassbach dem Schauspieler, wie man das formvollendete Japanmahl selbst macht. Der Koch kannte den echten Rolf Anschütz, der im April 2008 im Alter von 75 Jahren starb. In der Filmküche hängt an der Wand ein Rezept für Thüringer Klöße, im Regal stehen Gläser mit eingelegten Bohnen und Paprika aus einer anderen Zeit.

Mit der von Steimle geprägten «Ostalgie» habe Sushi in Suhl allerdings nichts zu tun. «Der Film soll zeigen, wie ein Mensch in einem totalitären System ein bisschen Freiheit genossen hat», erklärt der Schauspieler. Anschütz sei ein kluger Mensch gewesen, der das politische System, das sonst alles Kapitalistisch-Fremde abgelehnt hat, in seinem Sinne nutzte. «Überall leben solche Menschen - egal ob in einer Diktatur oder einer Demokratie - die sich in ihrem Grundcharakter ähneln. Es ändern sich zwar die Systeme, aber nicht die Menschen», meint Steimle.

Und was hat nun der Thüringer mit dem Japaner gemein? «Beide machen Sachen eher mit sich selbst ab», sagt Uwe Steimle. «Japaner und Thüringer zetern nicht die ganze Zeit oder schreien ihren Unmut in die Welt.»

Sushi in Suhl wird voraussichtlich Anfang 2012 in den deutschen Kinos gezeigt.

car/reu/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Gero Seifert
  • Kommentar 3
  • 25.10.2011 12:07
Antwort auf Kommentar 1

Ich kann Frau Hellmann nur beipflichten. Was da an Ausschnitten im Internet zu sehen ist, muss man nicht nur als befremdlich, sondern als Vorschau auf eine Klamotte der übelsten Art empfinden. Da stimmt nichts, weder die Ausstattung des "Restaurants" noch das mehr als dämliche Getue der Akteure. Ich glaube, hier soll vorsätzlich das Andenken von Rolf Anschütz und sein Lebenswerk verunglimpft und lächerlich gemacht werden. Die Frage drängt sich auf, ob das evtl. bereits einer Straftat sehr nahe kommt. Wer sich über diesen Klamauk amüsieren kann, der war nie im "Waffenschmied" in Suhl. r

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  • Kiyomizuzushi
  • Kommentar 2
  • 25.07.2011 02:01

Uwe Steimle ist natürlich immer für eine Komödie gut. Und als diese sollte man das Ganze auch sehen und nicht alles so bierernst nehmen. Anschütz-san war natürlich ein etwas eigener Typ, der im Umgang nicht ganz einfach zu nehmen war. Rainer Rassbach müsste das ja ganz gut aus eigener Erfahrung wissen. Ich verbinde mit Rolf wunderbare Gespräche und Erinnerungen an einen japanverückten Exzentriker. Schade nur, daß es nach dem Mauerfall mit seinem Japanhotel in Oberhof so total in die Brüche ging. Der erneute Anlauf in Suhl mit einem ebenso verschrobenem Japaner war von Anfang an zum scheitern v

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  • Rotraud Hellmann
  • Kommentar 1
  • 17.02.2011 17:42

Bin etwas befremdet von den hier gezeigten Bildern, denn der Eingangsbereich zum Waffenschmied sah zu damaliger Zeit anders aus, sehr gut nämlich. Ich weiß das, denn ich habe dort über die Jahre als Geisha gearbeitet. Auch schlugen den Gästen nicht die erwähnten Gerüche entgegen, denn der Eingangsbereich zum Japanrestaurant war gleichzeitig der Eingang zur Gaststätte. Hoffentlich sind nicht noch mehr Erinnerungen verunglimpft worden. Lasse mich mal überraschen und bin auf das Endprodukt gespannt.

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