«Die Kinder von Paris» Von der Schule ins KZ

«Die Kinder von Paris» (Foto)
Im Zentrum des Films steht ein blonder jüdischer Junge. Bild: ap

Von Sabine Glaubitz
Heißes Eisen im Kino: Mit Die Kinder von Paris greift die Regisseurin Roselyne Bosch ein dunkles Kapitel der französischen Geschichte auf - die größte Massenfestnahme von Juden in Frankreich.

Der elfjährige Joseph freut sich auf seinen letzten Schultag. Ferien sind angesagt und Lausbubenspiele auf den Straßen und in den Parks von Paris. Doch im Sommer 1942 ist alles anders als sonst: Schilder stehen plötzlich vor Spielplätzen und Kinos, auf denen steht: Für Juden verboten. Mit Kinder von Paris macht sich die Regisseurin Roselyne Bosch an ein Thema, das in Frankreich lange Zeit tabu war: Die Massenverhaftung von rund 13.000 Juden, darunter mehr als 4000 Kindern, die unter dem Namen «La Rafle du Vélodrome d'Hiver» als eines der dunkelsten Kapitel in Frankreichs Gegenwartsgeschichte eingegangen ist.

Der Film, der das dramatische Geschehen aus der Perspektive des blonden Joseph erzählt, wirkt stellenweise zu pathetisch und emotional. Doch diese Kritik wiegt nicht den hohen Verdienst auf, der diesem Film zukommt: Die Kinder von Paris ist der erste Film, der sich mit viel Einfühlungsvermögen in dieser Form mit einem der größten französischen Traumata auseinandersetzt.

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Als Steven Spielberg Schindlers Liste machte, sagte er, dass er diesen Film erst drehen konnte, nachdem er viele andere Werke gemacht hatte. Für Bosch hingegen ist Die Kinder von Paris erst ihr zweiter Film. Umso mutiger ist das Unterfangen, dieses Thema auf die Leinwand zu bringen.

Sparsamer Umgang mit Gewalt, starke Emotionen

Dass ihr das geglückt ist - auch wenn ihr Film nicht an Schindlers Liste oder Roberto Benignis Das Leben ist schön herankommt - zeigt der Erfolg des Films in Frankreich: Mehr als drei Millionen Kinobesucher haben das Drama gesehen, das Ende Februar als einer der Favoriten ins Rennen um die Césars geht, dem französischen Pendant zum amerikanischen Oscar.

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Video: pfj/news.de/Unitec

Vielleicht liegt der Erfolg des Films im sparsamen Umgang mit der Gewalt und der menschlichen Grausamkeit sowie in seiner stellenweise zu starken Emotionalisierung, die man dem Werk durchaus als Kritik ankreiden könnte. Doch ist es der Regisseurin dadurch gelungen, das Unbegreifliche auch einem jüngeren Publikum näher zu bringen.

Bosch konzentriert sich auf das Schicksal der rund 7000 Familien mit Kindern, die fünf Tage unter entsetzlichen Bedingungen im Vélodrome d'Hiver, einem Radrennstadion in Paris, zusammengepfercht wurden: Kinder hocken verängstigt zwischen ihren weinenden Eltern, es gibt weder Toiletten noch Waschgelegenheiten und kaum etwas zu essen und zu trinken. Lediglich ein jüdischer Arzt (gespielt von Jean Reno) und eine evangelische Krankenschwester versuchen, das Leiden zu lindern.

Viel Sorgfalt wurde in den Nachbau der Orte investiert. Von der großen Razzia gibt es kein einziges Foto. Die einzig historisch verbürgten Figuren sind die Krankenschwester Annette Monod (Mélanie Laurent) und Joseph Weismann (Hugo Leverdez), der damals aus einem der Internierungslager fliehen konnte und dem Dreh beiwohnte: Er habe sich wieder in die Vergangenheit zurückversetzt gefühlt, erklärte er. Einer Vergangenheit, mit der sich Frankreich weiter schwer tut und die in Deutschland noch weitgehend unbekannt ist.

Titel: Die Kinder von Paris
Regie: Roselyn Bosch
Darsteller: Jean Reno, Mélanie Laurent, Gad Elmaleh
Filmlänge: 120 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Constantin
Kinostart: 10. Februar 2011

sua/ivb/news.de/dpa

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