Berlin, Cannes, Venedig Wie gut kennen Sie die großen Filmfestivals?

Isabella Rossellini  (Foto)
Typisch für die Berlinale: Isabella Rossellini leitet die Jury. Bild: dpa

Von Gregor Tholl
Bald ist wieder Berlinale. Viele vergleichen die Filmfestspiele gern mit den Events in Cannes und Venedig. Eine Anleitung zum Small-Talk über die wichtigsten der sogenannten A-Festivals.

Im Februar geht es in Berlin um den Bären, im Mai in Cannes um die Palme und im September in Venedig um den Löwen. Und immer um die Filmkunst. Die Festival-Preise haben bei manchen Cineasten einen höheren Stellenwert als die Oscars, die meist beim Massenpublikum die Maßstäbe setzen.

Auch wenn viele Film-Experten inzwischen an den großen Festivals in Europa zweifeln und wichtige Entwicklungen eher in arabischen Ländern, in Südamerika oder in Asien sehen oder bei kleineren Filmfesten wie dem Sundance im US-Staat Utah oder dem Festival in Toronto: Noch gelten Berlin, Cannes und Venedig als die drei renommiertesten Festivals der Welt. Ein Vergleich mit Augenzwinkern:

Filmfestival-Termine 2011: BERLIN: 61. Internationale Filmfestspiele Berlin, vom 10. bis 20. Februar. CANNES: 64. Festival de Cannes, vom 11. bis 22. Mai. VENEDIG: 68. Mostra internazionale d'arte cinematografica di Venezia, vom 31. August bis 10. September.

Stars der Berlinale
Queen Madonna und King Colin
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Geschichte: BERLIN: Die Berlinale wurde 1951 in einer Stadt gegründet, die noch von Krieg und Blockade gezeichnet war. Das Festival verstand sich lange als kulturelles Aushängeschild des Westens und im Kalten Krieg als Treffpunkt für Künstler aus Ost und West. Heute versteht es sich als sehr politisch und orientiert sich oft außereuropäisch.

CANNES: Das Festival wurde 1946 gegründet, auch wenn es Ansätze bereits vor dem Weltkrieg gab. Wegen Geldmangels fiel es in den frühen Jahren ein paar Mal aus. Wegen der Mai-Unruhen erzwang 1968 eine Gruppe politischer Filmemacher, angeführt von den Nouvelle-Vague-Stars Jean-Luc Godard und François Truffaut, einen Abbruch.

VENEDIG: Das Filmfestival gilt mit seiner Gründung 1932 als das älteste der Welt. Zunächst stand Diktator Benito Mussolini Pate. Zeitweise fand es unregelmäßig statt. Seine große Zeit hatte es in den 50er und 60er Jahren - Italiens «Dolce Vita»-Zeit mit Filmgrößen wie Federico Fellini, Luchino Visconti oder Michelangelo Antonioni.

Klischee über den Gewinnerfilm: BERLIN: Meist kann kaum jemand den Titel oder den Namen des Regisseurs aussprechen. Mitten in Europa steht die Jury oft auf Exotisches. Viele Sieger finden nur mit Ach und Krach einen Verleih.

CANNES: Hier gab es bereits viele renommierte Mehrfachgewinner, zum Beispiel Bille August oder Francis Ford Coppola. Am besten hieße der Sieger hier Lars Quentin Haneke-Dardenne-Polanski-Van-Sant.

VENEDIG: Auch hier schadet der Name Coppola nicht - 2010 gewann seine Tochter Sofia. Oft die gleichen Namen wie in Cannes. Gilt ein bisschen als Oscar-Vorbote. Im Zweifel gewinnt Ang Lee - zumindest war das 2005 und 2007 so.

Klischee über den Jury-Vorsitz: BERLIN: Bevorzugt werden exzentrische Filmfrauen europäischer Herkunft (2011: Isabella Rossellini, 2009: Tilda Swinton ). CANNES: Franzosen mögen linksliberale Charakterköpfe, manchmal sogar aus den USA (2011: Robert De Niro, 2008: Sean Penn). VENEDIG: Gerne ein Enfant Terrible der internationalen Filmwelt (2010: Quentin Tarantino, 2011: wird erst im Frühling publik).

Charakter des Festivals: BERLIN: Berliner lieben ihre Berlinale - sie gilt als das weltgrößte Publikums-Festival. Natürlich wird trotzdem gemotzt - zum Beispiel über lange Schlangen an den Ticket-Schaltern. Kritiker finden den Wettbewerb oft «durchwachsen», zu entdecken gibt es am meisten in den Unter-Sektionen. 2011 wird zum 25. Mal der schwul-lesbische «Teddy» verliehen.

CANNES: Beim Einlass sehr streng, gilt als extrem exklusiv, glamourös und prestigeträchtig. Meistens sind hier mehr A-Promis als bei den anderen. Südfrankreich mit Meerblick im Mai ist nun mal attraktiver als Deutschlands Hauptstadt im nasskalten Februar. Im Anschluss hat der internationale Jet-Set die Option, zum Formel-1-Rennen im nahen Monaco (Ende Mai) zu fahren. Also: Cannes, muss aber nicht.

VENEDIG: Vergleichsweise gemütlich und romantisch geht es in Venedig zu. Das Festival ist fast ein Wellness-Programm für gestresste Filmemacher und Kritiker - ohne gigantischen «Filmmarkt» geht es hier weniger ums Geschäft als in Cannes und Berlin. Die Stadt im Wasser mit wenigen (Lido) bis gar keinen Autos (Innenstadt) ist eine perfekte Kulisse, fast unerträglich schön.

Thema, das inzwischen langweilt: BERLIN: Auch wenn es stimmt, dass der heutige Festival-Hauptort, der Potsdamer Platz, potthässlich ist und vor dem Jahr 2000 alles irgendwie urbaner war. Wer will schon wirklich wieder zurück in den Mief des altbundesrepublikanischen West-Berlin?

CANNES: Die verhältnismäßig kleine Stadt am Mittelmeer ist vom Auflauf der (Medien-)Massen überfordert - und die Starlets nerven und der Beton-Filmpalast sowieso. Wer so spricht, leidet auf hohem Niveau: Einfach mal die Klappe halten und die Côte d'Azur genießen.

VENEDIG: Der Lido ist lädiert und gar nicht mehr so mondän wie zu Zeiten von Thomas Mann. Damit ist die Stadt Venedig wenigstens einigermaßen irdisch. Doch Abhilfe ist versprochen, ein neuer Filmpalast im Bau.

car/news.de/dpa

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