Woody Allen Ein Bad in rosa Neurosen

Woody Allen (Foto)
Was bringt die Zukunft? Paare im Beziehungsstress. Bild: Concorde

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Woody Allen macht endlich wieder, was er am besten kann: In seinem neuen Film Ich sehe den Mann deiner Träume schickt er Ehepaare durch Beziehungskrisen - und ist dabei nicht zimperlich.

Helena trippelt auf hohen Hacken über den Bürgersteig. Das Hütchen sitzt wie ein schlapper Pfannkuchen auf ihrem Kopf, der kleine Schleier wippt nervös. Bis vor Kurzem war in ihrem Leben noch alles wohl sortiert - jetzt purzelt es durcheinander und Helena (Gemma Jones) sucht panisch nach Halt. 40 Jahre Ehe fanden ein abruptes Ende im Jugendwahn ihres Mannes Alfie (Anthony Hopkins). Der rebelliert gegen Runzeln und nachlassende Kräfte, verlässt seine Frau und macht sich auf die Jagd nach einem knackigeren Ersatz.

Mit Ich sehe den Mann deiner Träume findet Woody Allen endlich wieder zu seiner alten Form zurück und macht, was er beherrscht wie kein anderer: Er nimmt gnadenlos Beziehungen auseinander, führt absurde Diskussionen und Erwartungen vor und lässt alles in ein fulminantes Desaster münden.

Woody Allen
Ehe im Test

In das grausame wie amüsante Spiel flicht er nicht nur das reife Paar Helena und Alfie ein, sondern schickt auch gleich die zweite Generation durch die Beziehungshölle. Sally (Naomi Watts), die Tochter der beiden, steckt in einer dümpelnden Ehe mit Roy.

Eigentlich sollte Roy (Josh Brolin) seinen zweiten Roman endlich beenden, doch am Fenster gegenüber ist die Verlockung groß: Da zupft eine Schöne (Freida Pinto aus Slumdog Millionär) die Gitarre und schwebt in einem kirschroten Kleid durch den Raum. Weil das Gras des Nachbarn immer grüner als das eigene ist, kann Roy nicht aufhören, sich die Dame in den schillerndsten Farben auszumalen. Immer schamloser flirtet er mit der Frau, die eigentlich schon verlobt ist – für ihn ist sie eine willkommene Ablenkung von seiner wachsenden Sorge, ein «one-book-wonder» zu sein.

Woody Allen
Liebe im Neurosen-Test
Video: Concorde

Die Karrierfrau mit Herz und der egozentrische Künstler

Während Roy also sehnsuchtsvolle Blicke in das Nachbarfenster wirft, ringt seine Frau im Nebenraum mit dem Alltag. Sally wünscht sich ein Kind, doch der Gatte gibt sich zugeknöpft. Also schaut sie sich nach anderen Männern um und ihr Blick bleibt ausgerechnet bei ihrem Chef (Antonio Banderas) hängen. Auch der klagt über Eheprobleme und lädt sie sogar in die Oper ein – die Indizien scheinen eine klare Sprache zu sprechen.

Die Lunten sind gelegt und jetzt legt Regisseur Allen Feuer. Mit bitterbösem Blick seziert er Strukturen und Mechanismen, die das Zwischenmenschliche auf die Probe stellen. Die Figuren sind allesamt Menschen, die jeder aus seinem Umfeld kennt: der bindungsunfähige, egozentrische Künstler, die Karrierefrau mit Herz, die aufopferungsvolle aber verlassene Hausfrau, der Alte im Jugendwahn. Doch Allen führt diese Allerweltsmenschen wie Exoten vor, indem er mit erbarmungsloser Schärfe ihr absurdes Verhalten zeigt.

Sie alle rennen Luftschlössern hinterher. Alfie verliebt sich in die erstbeste Prostituierte und macht ihr gleich einen Heiratsantrag – er hat schließlich keine Zeit zu verlieren. Während die kesse Dame (Lucy Punch) ihm die Brillies und Pelzmäntel aus dem Kreuz leiert, sonnt er sich in der Illusion, seine Virilität wiedergewonnen zu haben. Doch schon bald, während Charmaine in einer wummerden Disko den Po kreisen lässt, wird er sich älter fühlen als zuvor.

Ein Bad in rosa Licht

Die verlassene Helena versucht es erst mit Selbstmord und flieht dann in die Arme der zwielichtigen Wahrsagerin Cristal. «Sie sind in rosa Licht gebadet», sagt sie der aufgelösten Frau und künftig beginnt Helena jede Unterhaltung mit «Christal sagt ...» Die Wahrsagerin setzt ihr auch den Floh ins Ohr, der als etwas umständlicher Titel des Films herhalten muss: «Ich sehe den Mann deiner Träume.» Fortan wird sich die zarte Hysterikerin an diese fixe Idee klammern. Wie es scheint, ist sie die große tragische Figur dieses Films. Doch vor allem die Männer kommen hier sehr schlecht weg. Sowohl Alfie als auch Roy sind egozentrische, hoch neurotische Persönlichkeiten, die mit großem Aufwand ihren Trieben hinterherhecheln.

10 Sprüche
Woody Allen in Zitaten

Mit traumwandlerischer Sicherheit laviert sich Allen durch die komplexen Beziehungsgeflechte seiner Figuren. Die Komik liegt darin, dass Roy, Sally, Alfie und Helena sich dabei nie auch nur ein Fünkchen weit in Frage stellen. Diesen Kniff würzt Allen mit seinem feinen Sinn für Situationskomik: Während Helena in Tränen aufgelöst ihr Taschentuch knautscht, säuselt die Wahrsagerin: «Sie sind in einer Phase großer Erfüllung.» Und die Nachbarin fällt tatsächlich auf die ganz abgedroschene Künstlernummer rein: Während Roy etwas von Muse und Paris faselt, schmilzt sie dahin.

Eine große Stärke dieses Films sind die durchweg exzellenten Schauspieler, die alle ihre Rolle mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit zu spielen scheinen. Erfrischend ist dabei Lucy Punch als unbedarfte Prostituierte Charmaine. Sie wird noch überstrahlt von einer herzzerreißenden Gemma Jones. Sie spielt die Figur der Helena mit mädchenhafter Fahrigkeit und einer Naivität, die dem Zuschauer ans Herz rückt. Im größten Tumult, wenn um sie herum die Existenzen mit Getöse scheitern, flötet sie mit berückender Begeisterung: «Ich habe schon einmal gelebt!» - und der Zuschauer wischt sich die Lachtränen aus dem Augenwinkel. Herrlich.

Titel: Ich sehe den Mann deiner Träume
Regie: Woody Allen
Darsteller: Antonio Banderas, Josh Brolin, Anthony Hopkins, Gemma Jones, Freida Pinto, Luxy Punch, Naomi Watts u.a.
Filmlänge: 98 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung
Verleih: Concorde
Kinostart: 2. Dezember 2010

car/ivb/news.de

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