Filmfestival in Cannes
Deutscher Jungfilmer vor dem Durchbruch

Picco, ein Spielfilm von Philip Koch, ist als einziger deutscher Beitrag in die Quinzaine des Réalisateurs des Filmfestival von Cannes eingeladen worden. News.de spricht mit dem Münchner Jungfilmer über Tränen des Publikums und die Darstellung von Gewalt im Film.

Philip Koch ist mit seinem Debütfilm Picco beim Filmfestival in Cannes vertreten. Bild: news.de

Herr Koch, beim Max-Ophüls-Festival von Saarbrücken haben Besucher schockiert den Saal verlassen – rechnen Sie in Cannes mit ähnlichen Reaktionen?

Philip Koch: In Cannes zu schockieren ist schon noch ein anderes Kaliber, erst recht nach dem Antichrist vom Vorjahr. Einige Zuschauer werden sicher den Saal verlassen – das ist für mich allerdings keine besondere Befriedigung. Ich habe den FilmIn dem Film Picco erzählt Philip Koch mit brutaler Genauigkeit von den Opfern, die als Täter weggesperrt und dann sich selbst überlassen sind. Aggressionen, Demütigungen und Grausamkeiten ausgesetzt, werden die jugendlichen Straftäter zu denen, die die Gesellschaft hinter Gittern sehen will: aggressive und gleichzeitig sehr einsame Menschen. ja nicht gemacht, um einen Skandal auszulösen. Eine Story wie diese sorgt allerdings für Provokation, Irritation und Erschütterung. Wenn Leute gehen ist das auch ein Zeichen, dass der Film funktioniert.

FOTOS: Filmfestspiele von Cannes Exhibitionismus auf dem Roten Teppich
zurück Weiter Sophie Marceau (Foto) Foto: occ, dpa/ iStockphoto (Montage) Kamera

Picco ist nicht unbedingt ein Feelgood-Film....

Koch: Nein, es ist eher ein Feelbad-Film, der einem an die Nieren geht. Bei der Vorstellung in Saarbrücken haben viele Zuschauer geweint, andere sind nach der Vorführung erst noch eine Stunde durch die Stadt gelaufen, um dann in Tränen auszubrechen.

Haben Sie mit solchen Reaktionen gerechnet?

Koch: Das Thema Gewalt wird hierzulande stark tabuisiert, erst recht, wenn es in Richtung Brutalität und Barbarei geht. Mir war klar, dass dies ein kontroverser Film werden wir. Einige werden Picco hassen, die Mehrheit wird ihn hoffentlich sehr mögen. Ich möchte jedenfalls keine gefälligen Filme machen, um dafür von allen gemocht zu werden – das wäre der sichere Weg in Kompromiss-Geschichten und Konsens-Filme.

Wie sind Sie auf diese Geschichte gestoßen?

Koch: Die Initialzündung war der Foltermord im Gefängnis von Siegburg, der 2006 für ein großes Medienecho gesorgt hat. Diese Idee blieb bei mir im Hinterkopf, bis ich sie zwei Jahre später für den Abschlussfilm an der Hochschule wieder aufnahm. Ich begann mit Recherchen über diesen konkreten Fall und generell über Jugendliche in Haft in Deutschland.

Wie bekamen Sie Zugang zu Häftlingen?

Koch: Eine wichtige Grundlage war das Buch Pop Shop von Klaus Jünschke, das seine Gesprächswerkstatt mit Insassen roh und ungefiltert protokolliert. So einen guten Einblick in diese Welt kann man als Außenstehender nie bekommen. Emotional enorm wichtig waren für mich die Besuche in den Gefängnissen, wobei die Justizbehörden in Bayern uns sehr unterstützt haben – wir haben allerdings nicht gesagt, dass unser Film an den Fall Siegburg erinnern wird.

Wo liegen die Grenzen bei der Darstellung von Gewalt?

Koch: Gewalt als Selbstzweck wäre falsch, sie ist für mich nur dann legitim, wenn sie ganz klar einem erzählerischen Zweck dient - darin liegt der entscheidende Unterschied zur voyeuristischer Ausbeutung. Der Wandel vom passivem Mitläufer zum Täter ist viel wichtiger als die Folter selbst, die natürlich so stark und emotional wirkt, dass man sofort davon vereinnahmt wird. .

Haben Sie keine Angst vor dem Uhrwerk Orange-Effekt: Die Gewaltdarstellungen in diesem Klassiker von Stanley Kubrick führten zu Nachahmung in der Wirklichkeit.

Koch: Truffaut hat einmal gesagt: «Es gibt keine Antikriegsfilme». Überall dort, wo Gewalt gezeigt wird, läuft man Gefahr, eine Kollateralschaden zu erzeugen, ganz unabhängig von den Absichten des Regisseur. Es kann sein, dass ein paar wenige diese Darstellung «cool» finden, was ja auch bei Spielbergs Der Soldat James Ryan passierte. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass es Nachahmungstaten geben wird.

Wie würden Sie Ihre Absichten von Picco beschreiben?

Koch: Der Film legt einen Finger in die Wunde. Welche Lösungsmöglichkeiten es gibt, kann ich nicht beurteilen. Als Regisseur kann ich nur sagen: Da läuft etwas falsch, hier muss etwas getan verändert werden – die Maßnahmen müssen andere ergreifen. Ein Film kann die Welt nicht verändern. Aber er hat vielleicht die Pflicht, aufzuzeigen, dass sie verändert werden muss.

Wie würden Sie sich selbst in so eine Situation verhalten?

Koch: Das ist schwer zu sagen, letztlich geht es immer um das Thema Zivilcourage. Daher rührt ja auch ein Teil der Ablehnung auf den Film: Viele erkennen, dass sie in dieser Situation wohl genauso gehandelt hätten – dass man selbst vom Opfer zum Täter werden könnte, will man nicht wahrhaben. Deshalb protestiert man gegen die Darstellung von Gewalt.

Philip Koch (Jahrgang 1982) studierte an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen – und landete mit seinem Abschlussfilm Picco gleich auf dem wichtigsten Festival der Welt, in Cannes. Zwar nicht beim Wettbewerb um die «Goldene Palme», aber immerhin in der renommierten Reihe Quinzaine des Réalisateurs. Die Feuerprobe hat Koch zuvor schon beim Max Ophüls-Preis bestanden, dort gewann er den Preis des Saarländischen Ministerpräsidenten, bekam gute Kritiken – und spaltete das Publikum, das bei seinem radikalen Drama im Jugendgefängnis teilweise den Saal verließ. Ob es in Cannes zu ähnlichen Reaktionen kommt, wird sich bei der Premiere am 20. Mai erweisen.

car/news.de

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