Film «Young Victoria» Thronbesteigung einer sympathischen Zicke

«Young Victoria» (Foto)
Eine starke Schulter zum Anlehnen: Victoria (Emily Blunt) und Albert (Rupert Friend). Bild: dpa

Rauschende Roben, Etikette und große Gefühle: Young Victoria ist ein opulenter Kostümfilm über die Jugend der britischen Regentin Victoria. Darin mausert sich die Königin vom Porzellanpüppchen zur Herrscherin.

Bei den britischen «Royals» ging es besonders in den letzten beiden Jahrzehnten bekanntlich zu wie bei Hempels unterm Sofa. Das war nicht immer so: Mit Young Victoria kommt am 22. April die Biografie der in jeder Hinsicht vorbildlichen Königin Victoria ins Kino. Die Herrscherin, die mit 18 Jahren den Thron bestieg und bis zu ihrem Tod 1901 Oberhaupt des britischen Empires war, gab dem viktorianischen Zeitalter, der glanzvollsten Epoche des Commonwealth, ihren Namen.

Der Kostümfilm, der von der einstigen Skandalnudel des Königshauses, Sarah Ferguson, mitproduziert wurde, konzentriert sich auf die Jahre um Victorias Krönung 1837 und ihre Heirat mit Prinz Albert 1840. Will man der Interpretation des kanadischen Regisseurs Jean-Marc Vallée Glauben schenken, so war ihre frühe Jugend recht unerfreulich. Der Teenager wird wie ein Porzellanpüppchen in Watte gehalten. Bis sie endlich die Krone auf ihrem Schwanenhals tragen darf, muss sich die Prinzessin nicht nur des herrischen Günstlings ihrer Mutter, Sir John Conroy, erwehren, der sie mit Gewalt dazu bringen will, ihm die Regentschaft zu übertragen.

«Young Victoria»
Ein Leben im Korsett
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Vom Porzellanpüppchen zur Macherin

Auch ihre kontinentale Verwandtschaft (darunter Thomas Kretschmann als König Leopold von Belgien) schmiedet seit langem Heiratspläne für das Mädchen, das auf der Ersatzbank für die Thronfolge ganz nach vorne gerückt ist. Noch bevor King William stirbt, knüpft sie zarte Bande mit Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, ihrem deutschen Cousin. Er ist darauf gedrillt, Victoria zu gefallen. Doch die beiden dynastischen Schachfiguren entdecken ihre Seelenverwandtschaft und verlieben sich außerhalb der Staatsräson ineinander. Er wird zum Freund, Berater und Lover, der damit einverstanden ist, die zweite Geige zu spielen.

Britische Königinnen sind fast ein Filmgenre für sich. Nach Elizabeth und The Queen kommt nun erneut Victoria zu Ehren. Unter anderen hat Romy Schneider 1954 die junge Queen verkörpert, damals noch im Sinne des Sissi-Zeitgeistes als liebreizend und verletzlich. Doch jede Generation bastelt sich ihr passendes Prinzessinnenwunschbild. So ist dieses gediegene Historiendrama, das den Kostüm-Oscar verliehen bekam, zwar kein teeniehaftes Plötzlich Prinzessin 3. Stattdessen erinnert die Filmbio an einen jener verschwenderisch ausgestatteten Jane-Austen-Filme mit zeitgenössisch emanzipierter Botschaft.

Trailer «Young Victoria»
Vom Schmusen und Regieren
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Der deutsche Prinzgemahl sorgt für Ordnung im Buckingham-Palast

So passt auch die Hochzeitsnacht nicht zum viktorianischen Diktum «Mach die Augen zu und denk an England». Dass das Paar, das in 21 Ehejahren neun Kinder hatte, eine damals seltene Liebesehe führte, ist zwar historisch verbürgt. Die echte Queen, die klein und matronenhaft war und auf Fotos stets etwas griesgrämig schaut, wird allerdings von der schönen, schlanken, großen Emily Blunt dargestellt. Ihre Jung-Monarchin ist ein Bündel unterdrückter Energien, sarkastisch, stur, und gelegentlich biestig: Sie legt sich nicht nur mit dem Parlament an, sondern zickt auch ihren Prinzgemahl ordentlich an, wenn er sie wie ein dummes Frauchen behandelt.

Blunt (Der Teufel trägt Prada) erweist sich als Schauspielerin von Format und macht in dieser Rolle viel Spaß. Doch Victoria nimmt man ihr sowenig ab wie dem attraktiven Rupert Friend Prinz Albert. Als deutscher Mr. Perfect bemäkelt er die ungeputzten Fensterscheiben im Palast, kontrolliert die Finanzen und hält Haus und Hof in Ordnung: Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein Mann. Vage bleiben hingegen die Intrigen rund um die junge Regentin. Und ein hinzugedichtetes Attentat soll der harmonischen Ehe mehr Dramatik verleihen. Weder tiefgründig noch erkenntnisreich, erweist sich die Filmbio letztlich als prächtige Liebesgeschichte.

Titel: Young Victoria
Regisseur: Jean-Marc Vallée
Hauptdarsteller: Emily Blunt, Mark Strong, Thomas Kretschmann
Spielzeit: 100 Minuten
Land: Großbritannien/USA 2009
FSK: ohne Angabe
Kinostart: 22.April 2010

amg/news.de/ap

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