Berlinale-Preise Der russische Bär

Berlinale (Foto)
Der Bär mag Honig: Semih Kaplanoglu holte den Goldenen Bären in die Türkei. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Honig vom türkischen Regisseur Semih Kaplanoglu ist zum Abschluss der 60. Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Zwei Preise gingen nach Russland, zwei nach Rumänien. Ansonsten: viel Langeweile.

Vielleicht hatte man von Regisseuren, Schauspielern und Kameramännern nichts anderes erwarten können: Sie stehen dort, wo sie stehen sollen. Sie sagen das, was im Drehbuch steht. Und sie reden die ganze Zeit über sich selbst. Die Preisverleihung zum Abschluss der 60. Berlinale lief genau so ab. Und war deshalb vor allem eins: langweilig.

Alle Preisträger und alle Laudatoren trugen schwarz – und das war sinnbildlich an einem Abend, der durch und durch brav und einstudiert wirkte. Trauriger Höhepunkt war die Ehrung für Shinobu Terajima. Die japanische Schauspielerin stand in Osaka auf der Bühne und hatte ihre Dankesrede per E-Mail nach Berlin geschickt. Der Regisseur nahm stellvertretend den Preis für ihre Leistung in Caterpillar entgegen – und las die Rede von seinem Handy ab – die Award-Entsprechung von Schlussmachen per Fax. Weniger Glamour geht nicht mehr.

60. Berlinale
Vorhang auf für die Prominenz

Die stimmlich angeschlagene Moderatorin Anke Engelke führte zweisprachig und elegant durch den Abend, hatte aber nur müde Witze über die Asiaten im Publikum zu bieten und wünschte sich offensichtlich deutlich mehr Freiraum. Und dem hölzernen Festival-Chef Dieter Kosslick merkte man an, dass er zehn Tage Dauerstress hinter sich hat. Er freute sich über den Rekordbesuch von 300.000 Zuschauern und kam zum Fazit: «Berlin war kalt und cool.» Ein Bonmot sieht anders aus.

Überhaupt war ganz viel vom Event und ganz wenig von den Filmen die Rede. Über Kunst wurde hier nur bei der Verleihung des Silbernen Bären für das beste Erstlingswerk und ganz am Schluss gesprochen, als Produzent Johannes Rexin versprach, auch weiter Filme mit Leidenschaft zu machen, wie den türkischen Beitrag Honig von Semih Kaplanoglu, der den Goldenen Bären einheimste.

Ansonsten: Man dankte sich gegenseitig, verlieh Preise für «Freundschaft zur Berlinale» (Yoji Yamada bekam die Berlinale Kamera) und auch der Silberne Bär für den wegen Vergewaltigungsvorwürfen unter Hausarrest stehenden Roman Polanski (Der Ghostwriter) als bester Regisseur muss wohl der Kategorie «Selbstreferenz» zugeordnet werden.

Wirklich Leben in die Bude kam nur einmal: Als Grigori Dobrygin gemeinsam mit seinem Kollegen Sergej Puskepalis als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde, wirkte er wie der glücklichste Mann der Erde. Der russische Film How I Ended This Summer bekam zudem den Silbernen Bären für die herausragende künstlerische Leistung und durfte sich so als heimlicher Gewinner des Abends fühlen. Für Dobrygin war es sein allererster Film. Er wünschte zum Dank seiner Oma gute Genesung – und war in einer müden Gala der einzige, der aus der Rolle fiel.

Die Preisträger im Überblick:

Goldener Bär: Honig (Türkei), Regie: Semih Kaplanoglu

Silberne Bären:

Beste Regie: Roman Polanski (USA) für Der Ghostwriter

Großer Preis der Jury: Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich (Rumänien)

Alfred-Bauer-Preis: Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich (Rumänien)

Beste Schauspielerin: Shinobu Terajima (Japan) in Caterpillar

Beste Schauspieler: Grigori Dobrygin und Sergej Puskepalis (Russland) in How I Ended This Summer

Herausragende künstlerische Leistung: Pavel Kostomarov (Russland) für How I Ended This Summer

Bestes Drehbuch: Wang Quan'an (China) für Tuan Yuan
 

mik/news.de

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