Julia Jentsch «Tannöd» ist überall

Julia Jentsch (Foto)
Schauspielerin Julia Jentsch. Bild: ddp

Von news.de-Mitarbeiter Steffen Rüth
In dieser Woche kommt Tannöd in die Kinos, die Verfilmung des Erfolgsroman von Andrea Maria Schenkel. In der Hauptrolle: Julia Jentsch. Wir haben sie am Tag des Mauerfalls in Berlin getroffen und mit ihr über den Film, Außenseiterrollen und Erfolg gesprochen.

Haben Sie den Mauerfall schon gefeiert?

Jentsch: Nee, noch gar nicht. Das ist zwar absurd, hier mitten drin zu sitzen, aber das geht heute wohl komplett an mir vorbei. Ich verbringe den ganzen Tag mit Tannöd.

Sie sind in Tannöd die einzige Darstellerin, die hochdeutsch spricht. Ihre Rolle, die Kathrin, kommt von außen in das Dorf rein und wirbelt die Dorfgesellschaft auf.

Jentsch: Genau. Meine Figur ist zwar in dem Dorf geboren und hat dort die ersten Jahre gelebt. Aber dann ist sie von ihrer Mutter in ein Heim abgegeben worden. Da schien uns das einleuchtend, dass sie anders sprechen sollte. Schließlich hat sie zwar eng mit der Dorfgemeinschaft zu tun, aber sie kommt eben doch von außen und ist erstmal eine Neue, eine Fremde, ein Mensch, der eindringt.

«Tannöd»
Sittengemälde mit Mord

Kennen Sie eine vergleichbare Situation aus dem wirklichen Leben? Sind sie schon mal irgendwo hingekommen und mussten sich dort deinen Platz zunächst erkämpfen?

Jentsch (überlegt): Ich bin nie sozusagen umgeschult worden. Auch im Theater bin ich nie in ein festes Ensemble reingekommen. Ich kenne jetzt so eine Situation also nicht, dass ich mich als einzige total fremd irgendwo fühle. Aber natürlich ist jeder neue Film und jedes neue Theater-Engagement zunächst mal eine neue Situation in einer neuen Umgebung. Was es aber auch aufregend macht.

Interessanterweise ist es die zweite Rolle hintereinander, in der sie als Außenseiterin in eine Gesellschaft eindringen. Bei Effi Briest war das ja ganz ähnlich. Ist das Zufall?

«Tannöd»
Einer muss es ja gewesen sein
Video: Constantin

Jentsch: Ja, das ist Zufall. Aber stimmt, jetzt, wo sie es es sagen. Diese Parallele habe ich vorher gar nicht so gezogen.

Was war für Sie das Reizvolle an der Tannöd-Verfilmung?

Jentsch: Bei dieser Rolle hat mich interessiert, ob und wie es möglich sein würde, eine Figur zu erzählen, die so außerhalb des Ganzen steht, aber trotzdem eng damit zu tun hat. Diese Balance zu finden, das fand ich sehr reizvoll. Aber wäre dieses Außenseitersein tatsächlich so ein großes Interesse von mir, dann hätte ich auch gern eine Frau gespielt, die noch viel handelnder und noch aktiver ist. Jetzt gerade nach dieser Phase mit Effi und Kathrin und auch der Rolle, die ich gerade in dem Kinderfilm Hier kommt Lola! gespielt habe, würde es mich wirklich reizen, mal wieder eine Figur mit einem klareren Ziel zu spielen..

Vor den zwei Außenseiterinnen-Rollen haben Sie in Die fetten Jahre sind vorbei und Sophie Scholl Auflehnerinnen gespielt. Damals dachten alle, Julia Jentsch ist eine Rebellin. Wie gehen sie damit um, wenn ihnen von der Öffentlichkeit immer wieder wechselnde Etiketten aufgeklebt werden?

Jentsch: Gerade in der Phase mit Die fetten Jahre sind vorbei und Sophie Scholl fand ich das schon problematisch. Alle dachten, sie hätten ein Bild von mir. Dann musste ich immer wieder aufklären und widerlegen. Klar, das ist eine Seite von mir, und es war auch toll, diese Rollen zu spielen. Aber es ist natürlich logisch, dass ich als Schauspielerin das in der Form nicht leben musst, und auch nicht so sein musst, um das darzustellen. Diesen Umstand immer wieder zu benennen, fand ich anstrengend. Ich wusste auch nicht, ob die Medien mich jetzt deshalb Sachen fragen wie «Julia, bist du eine Rebellin?», weil sie dachten, da würden sie spannende Antworten bekommen. Oder weil sie wirklich glaubten, dass ich so ein Mensch sei. Das zu beurteilen war schwierig.

Aber Sie selbst lassen sich von Rollen nicht verwirren, oder?

Jentsch: Ach, ich lasse mich durch vieles verwirren. Auch wenn ich nicht drehe, weiß ich nicht immer, wer ich bin (lacht). Glücklich sind die, die das schnell wissen. Aber ich bin immer ein Stück weit auf der Suche. Manchmal weiß ich ungefähr, wo ich bei mir selbst dran bin. Aber dann kommt eine neue Situation, und ich denke «Aha, okay». Also, man lernt sich ja selbst immer weiter kennen. Mit Rollen ist es so, die verwirren höchstens auf eine Weise, dass man den Wunsch hat, etwas bestimmtes darstellen zu können, ist auf der Suche. Dann verliert man das, hat das Gefühl, es ist alles falsch, oder man findet die Figuren nicht, und dann kommen die Zweifel. Da gibt es also durchaus Zustände der Verwirrung.

Sie sind nach dem Abitur direkt auf die renommierte Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule gegangen. War ihnen immer schon klar, dass sie Schauspielerin sind?

Jentsch: Nee, das war mir nicht klar. Das war mir auch noch nicht klar, als ich auf der Schauspielschule war. Wenn mich jemand fragte, was ich machte, dann habe ich zwar «Schauspielerin» gesagt. Aber das immer so nach dem Motto relativiert «Ich schau mir das an, ich probiere das aus». Ich habe nie gesagt «Ich möchte Schauspielerin werden». Das war irgendwie ein längerer Prozess. Warum auch immer.

Ist dieser Prozess jetzt abgeschlossen?

Jentsch: Es gibt immer wieder Momente, in denen ich überlege, ob ich das wohl mein ganzes Leben lang machen werde. Zur Zeit habe ich den starken Wunsch, Schauspielerin zu bleiben. Ich weiß nicht, aber hoffe, dass es möglich sein wird. Auf jeden Fall habe ich kein Problem mehr damit zu sagen, dass ich Schauspielerin bin (lacht).

Es ging stark mit Ihnen los. Die fetten Jahre sind vorbei, Schneeland, Sophie Scholl. Dann kam ein kleiner Hänger, und erst jetzt, vier Jahre später, sind sie mit Effie Briest und Tannöd wieder richtig da. Wie erklären Sie sich das?

Jentsch: Das stimmt, es kamen drei Filme ziemlich schnell. Was teilweise damit zu tun hatte, wie lange die Filme in der Post-Produktion sind. Nach Sophie Scholl habe ich noch sehr viel Zeit mit dem Film verbracht, bin lange mit dem Film herumgereist. Zu dem Zeitpunkt war ich aber auch fest im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Das heißt, ich habe dann auch wieder mehr Theater gemacht als Film. Spannend war es für mich dann auch, ausländische Angebote anzunehmen. Ich habe einen Film in Tschechien und einen in Polen gemacht, das fand ich toll. Auf die Weise habe ich auch andere Mentalitäten kennengelernt. Ich habe das nicht nur gemacht, weil es im Ausland war, sondern auch, weil es zu dem Zeitpunkt für mich das Interessanteste war.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Julia Jentsch von sich sagt, sie sei besessen

Man kennt Sie fast nur aus ernsten bis dramatischen Rollen. Wann drehen Sie endlich eine Komödie?

Jentsch: Meine Rolle im tschechischen Film Ich habe den englischen König bedient war doch recht heiter. Aber ich bin gerne bereit, mal wieder jemand Lustiges zu spielen.

Kannten Sie überhaupt den Roman Tannöd?

Jentsch: Nein, ich war gar nicht im Thema. Als die Anfrage kam, habe ich zunächst mal das Buch und dann das Drehbuch gelesen und dann erst erfahren, was es alles für Diskussionen gab mit den ganzen Rechtegeschichten. Der Stoff ist ja als Hinterkaifeck unlängst bereits verfilmt worden.

Die Atmosphäre in Tannöd ist sehr düster. Man weiß nicht, ist es eher ein Krimi oder ein Kammerspiel. Was hat Ihnen besonders an dem Film gefallen?

Jentsch: Vom Buch her hat mich die Stimmung in diesem Dorf sehr interessiert. Und dann fand ich spannend, wonach Bettina Oberli, die Regisseurin, suchen wollte. Nämlich, dass sie vor allem an dem Kriminalistischen und an dem Unheimlichen interessiert war. Dass sie aber noch mehr Augenmerk auf die Dorfbewohner und ihr Verhalten gelegt hat und dass sie da, gemeinsam mit meiner Figur Kathrin, auf Spurensuche gegangen ist. Es ging dann um Fragen, wie die Beziehungen untereinander in einer solchen Dorfgemeinschaft sind. Wie wird ein Verbrechen begünstigt, wie wird es bearbeitet oder eben auch nicht. Man macht es sich dort ja auch leicht, indem man das Böse von sich wegschiebt und sagt «Das ist der Teufel gewesen» oder «Das war ein Fremder, mit uns hat das nichts zu tun». Die Leute schauen dort nicht auf sich selbst, sie tun so, als hätten sie mit der Tragödie nichts zu tun, als seien sie nicht verantwortlich.

Insofern ist Tannöd, das in den 1950er Jahren im tiefen Bayern spielt, ja eine sehr zeitlose Geschichte.

Jentsch: Genau. Das könnte überall und jederzeit geschehen. Diese Fragen sind nichts Neues, aber es handelt sich um Themen, denen man sich immer wieder stellen kann.

Fasziniert Sie das Böse?

Jentsch (grinst): Ich bin besessen.

Aha.

Jentsch: Es gibt schon Ereignisse oder Taten, bei denen man sich fragt «Um Gottes willen, wie konnte der das tun?» oder «Wie ist das möglich?». Ich schrecke immer wieder auf über solche Dinge und denke nach, wie es zu diesem oder jenem Ereignis kommt. Und dann ist man verwundert oder entsetzt, in welche Richtung menschliches Verhalten gehen kann. Die Fragen sind dann auch «Hätte man es ahnen können?». Oder «Hätte jemand merken können, dass es darauf hinausläuft?» Aber Faszination mit dem Bösen? Nein. Ich fühle mich nicht von dunklen Geschehnissen angezogen.

Sie haben in der Eifel und im Sauerland gedreht. Was haben Sie für Erinnerungen an die Gegend?

Jentsch: An die Menschen, mit denen wir dort zu tun hatten, habe ich sehr positive Erinnerungen. Aber die Örtlichkeit? Vom Wetter und von der Stimmung entsprach das schon sehr dem Buch. Wir haben ja auch im November gedreht. Und diese Höfe, in denen wir gedreht haben, die lagen echt im Nirgendwo. Da waren ein paar Wiesen und Wald, und dann gar nichts mehr.

Sind Sie wandern gegangen oder haben Sie sich die Eifel angeschaut?

Jentsch: Nein, dafür war keine Zeit. Das war jetzt kein Urlaub oder so. Obwohl die Landschaft natürlich wirklich außergewöhnlich schön war.

Wie wichtig war für Sie der starke Katholizismus in der Handlung?

Jentsch: Das ist ein wichtiges Thema in dem Buch, das hat Bettina Oberli auch übernommen in dem Film. Was ich auch gut finde, weil es sich durchzieht. Der ganze Film hat etwas von einem Flehen nach einem Ausweg oder einer Lösung. Wichtig ist diese Frömmigkeit auch dahingehend, dass der Einzelne dadurch Verantwortung abgibt, in diesem Fall an die Kirche. Ob die einen erlöst oder ob man sich selber erlösen kann. Für mich selbst spielt Religion nicht eine so große Rolle.

Wie schätzen Sie eigentlich ihren Status ein? Sind Sie mittlerweile eine Prominente?

Jentsch: Ich mache meine Arbeit, klar, das ist erstmal das Wichtigste. Das, was an dieser Arbeit glamourös ist, das kann manchmal sehr schön sein. Ist doch toll, wenn ein Film gut ankommt, und man feiert dann eine festliche Galapremiere. Und wenn dann auch noch, wie bei Effi Briest, die Kanzlerin kommt und neben mir sitzt, dann finde ich das großartig. Weil sie sich offenbar für den Film interessiert. Aber ich fühle mich nicht wichtiger oder prominenter, weil jetzt die Kanzlerin da war.

bla/reu/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Melanie
  • Kommentar 1
  • 20.11.2009 14:27

Eine beeindruckende junge Schauspielerin! "dass ich als Schauspielerin das in der Form nicht leben musst, und auch nicht so sein musst, um das darzustellen." >>> ??? Hier stimmt aber was mit der Grammatik nicht, liebe Redaktion. Erschwert das Lesen.

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