Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert - 27.08.2009, 11.38 Uhr

«Beim Leben meiner Schwester»: Vom Sterben und Sterben lassen

Kate hat Leukämie und lebt nur durch die Organspenden ihrer Schwester Anna, die genau dafür geboren wurde. Beim Leben meiner Schwester ist eine Romanverfilmung, die ethische Fragen umschifft, dafür aber hochsensibel eine Familiengeschichte erzählt.

Ein der glücklichen Momente: Mutter Sara (Cameron Diaz) mit ihrer krebskanken Tochter Kate (Sofia Vassilieva). Bild: Warner Bros. Pictures

«Das müssen wir machen!» Die erste Reaktion von Sara Fitzgerald (Cameron Diaz) kommt blitzartig: Die Mutter der krebskranken Kate (Sofia Vassilieva) willigt sofort ein, als ein Arzt der Familie vorschlägt, ein weiteres Kind zu bekommen. Bei dem soll schon im Reagenzglas sichergestellt werden, dass es ein geeigneter Knochenmark- und Organspender für Kate sein wird. Vater Brian (Jason Patric) hat Zweifel, trotzdem wird Anna (Abigail Breslin) geboren und hält ab diesem Zeitpunkt ihre Schwester am Leben.

Elf Jahre vergehen, in denen die Familie nur nach dem Takt von Kates Krankheit lebt. Mutter Sara hat ihren Anwaltsjob aufgegeben, um für ihre Tochter da zu sein. Anna muss, sobald es der Zustand ihrer Schwester erfordert, als medizinisches Ersatzteillager herhalten. Als sie eine Niere spenden soll, sagt sie plötzlich nein, holt sich den Staranwalt Cambpell Alexander (Alec Baldwin) zu Hilfe und klagt gegen ihre Eltern auf medizinische Unabhängigkeit.

FOTOS: Kinofilm «Beim Leben meiner Schwester» Wenn der Tod Familienmitglied ist
zurück Weiter Kate und Anna (Foto) Foto: Warner Bros. Pictures Kamera

Beim Leben meiner Schwester verfilmt den gleichnamigen Roman der amerikanischen Schriftstellerin Jodi Picoult in dem Stil, in dem sie ihn geschrieben hat: In Episoden und Rückblicken, die jeweils aus Sicht eines der Familienmitglieder erzählt werden. «Wir tragen die Verantwortung seit dem Zeitpunkt, als wir uns für eine künstliche Zeugung entschieden haben. Wir haben uns gegen die Natur gestellt. Wir haben Anna gezwungen, ihrer Schwester zu helfen», ist einer dieser Texte, die, in diesem Fall von Vater Brian, über die Szenerie gesprochen werden. Aus dem Off lässt Regisseur und Drehbuchautor Nick Cassavetes (Wie ein einziger Tag) seine Figuren das Dilemma um Annas Existenz anreißen, löst es aber nicht. Vielmehr projiziert er die hochfliegenden moralischen Fragen auf den Alltag einer Familie, bei der der Tod omnipräsent ist. Da spielt es keine Rolle, ob Anna vielleicht gar nicht existieren dürfte. Wichtiger ist, ob die Familie die Zereissprobe aushält, mit der sie durch Annas Entscheidung konfrontiert ist.

Obwohl sie seit Jahren mit dieser Präsenz des Todes lebt, akzeptiert Sara die Möglichkeit, dass es trotz allen Kampfes und Einsatzes mit Kate zu Ende gehen könnte, einfach nicht. «Ich lasse sie nicht sterben», sagt sie und ist überzeugt, dass es an ihr, an der Mutter liegt, ihre Tochter zu schützen. In Kates Fall heißt das: am Leben zu erhalten.

«Im Falle von Sara könnte ich unmöglich ein Urteil fällen», sagt Cameron Diaz über ihre Rolle. «Wer nicht selbst ein todkrankes Kind hat, hat keine Ahnung, was er alles in Bewegung setzen würde.» Genau so ist der Film: Er wertet nicht, fällt kein Urteil. Das ist aber auch nicht nötig, denn Beim Leben meiner Schwester ist keine Geschichte über Moral und Ethik, sondern eine tieftraurige Familiengeschichte, die Cassavetes hochsensibel erzählt.

Die Mittel, die er dabei verwendet, sind dramaturgisch ungewöhnlich, aber der Geschichte zuträglich. So ist direkt hinter einer dramatischen Szene, in der Kate Nasenbluten bekommt und ins Krankenhaus muss, eine Einstellung auf Brians Arbeitsplatz in der Feuerwache geschnitten. Diese scharfen Stimmungswechsel machen deutlich, wie sehr Kates Krankheit Alltag bei den Fitzgeralds ist.

Annas Klage gegen ihre Eltern ist nur eine Rahmenhandlung, ein Katalysator für die eigentliche Geschichte, in der es um Kates Sterben geht. «Früher oder später muss man loslassen», mahnt Saras Schwester die kämpfende Mutter zum Innehalten und Hinschauen, ob ihr Kampf überhaupt erwünscht ist.

Cassavetes hat bis zum Ende sehr viel Respekt vor seinen Charakteren und treibt die Handlung nur sehr behutsam voran. So gelingt es ihm, abgesehen von der schwer wie Blei über dem Film liegenden, bemüht dramatischen Musik, die meisten Klischees auszulassen. Sein Film berührt auf eine Art, die hängen bleibt, weil sie nicht nach der schnellen Träne giert.

Titel: Beim Leben meiner Schwester
Regie: Nick Cassavetes
Hauptdarsteller: Cameron Diaz, Abigail Breslin, Alec Baldwin, Sofia Vassilieva
Spielzeit: 109 Minuten
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 27. August 2009

voc/news.de

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