ZDF-Film «Ein Dorf schweigt» Die «Kartoffelkäfer» kommen

Ein Dorf schweigt (Foto)
Johanna (Katharina Böhm) kommt mit ihren Kindern nach der Vertreibung aus Schlesien in Nordhessen an. Quelle: ZDF Bild: news.de

Von Tobias Köberlein
18 Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten mussten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen. Hunderttausende starben auf dem Weg in den Westen. Dort wurden die Vertriebenen oft wenig freundlich empfangen, wie das ZDF-Drama «Ein Dorf schweigt» eindringlich zeigt.

Deutschland im Jahre Null, das sind zunächst einmal ein paar Zahlen. Von den 18 Millionen Deutschen in Schlesien, Ostpreußen, Pommern oder im Sudetenland verloren zwei Millionen ihr Leben. Etwa eine Million wurden von der Roten Armee in die Sowjetunion verschleppt. Zwölf bis 14 Millionen Flüchtlinge suchten in den vier alliierten Besatzungszonen eine neue Heimat.

Die meisten wurden zwangsweise bei Familien auf dem Land einquartiert, weil bis zu 90 Prozent des Wohnraums in den Städten zerstört war. Unmittelbar nach dem Krieg standen für 13,7 Millionen Haushalte gerade einmal 8,2 Millionen Wohnungen zur Verfügung. So viel zur Statistik.

Am Thema Vertreibung hat sich die ARD vor zwei Jahren in dem grandiosen Spielfilm Die Flucht abgearbeitet. Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler spielte eine Gräfin, die vor den anrückenden Russen aus Ostpreußen flieht. Erstaunlich genug, dass im Gegensatz dazu die Eingliederung von Millionen von Menschen in die Nachkriegsgesellschaft bisher noch keinen Fernsehstoff hergegeben hat.

Der ZDF-Film Ein Dorf schweigt ändert dies auf fulminante Weise. Katharina Böhm gibt den im Westen despektierlich «Kartoffelkäfer» genannten Menschen ein Gesicht. Sie ist Johanna Dawe, eine Schlesierin, die im Mai 1945 mit ihren Kindern Ulrike und Fritz nach wochenlangem Marsch in ein Dorf in Nordhessen verfrachtet wird. Johannas Mann ist in Stalingrad verschollen. Dafür hat sie den halbwüchsigen Heinz (Frederick Lau) als Ersatz-Papa im Schlepptau.

Der Empfang verheißt nichts Gutes. Die Dorfjugend bewirft die Flüchtlinge mit Steinen, und die Erwachsenen begegnen den Neuankömmlingen mit unverhohlener Ablehnung. Selbst der örtliche Pfarrer Carl Beppler (Uwe Kockisch) verweigert Johanna und ihrer Familie das Dach über dem Kopf. Die Sippe kommt bei der Friseurin Gisela Hofmann (Inka Friedrich) unter. Doch auch sie ist Johanna nicht gewogen, nimmt die von den Amerikanern verfügte Zwangseinquartierung als unvermeidbares Übel hin.

Lesen Sie auf Seite zwei, warum der Film kein großes Budget braucht, um zu überzeugen

Hinter hochgieblig-windschiefen Fachwerkfassaden hat die braune Vergangenheit nicht aufgehört weiter zu existieren. Im Büro des Bürgermeisters stehen, treudeutsch aufgereiht, die Aktenordner mit dem Reichsadler, hinter dem Soldatenbild verbirgt sich im Wechselrahmen ein Hitler-Porträt, und draußen führen die Amerikaner gerade einen führerbärtigen Nazi-Kader ab. Das Drehbuch von Henriette Piper findet einprägsame Bilder für eine Zwischenzeit, in der das Alte noch nicht ganz verschwunden und das Neue nicht vollständig angekommen ist.

Henriette Piper und der Regisseur Martin Enlen haben Ein Dorf schweigt dem Andenken der Mütter und Großmütter gewidmet, die nach dem Krieg anpackten. Starke Frauen wie Gisela und - vor allem - Johanna dominieren den Film, drängen die Männer in den Hintergrund. Als Giselas Mann Paul (Stephan Kampwirth) aus der Gefangenschaft zurückkehrt, findet er sich nicht mehr zurecht. «Ich kann nicht vergessen, was ich im Krieg gesehen habe», wird er seiner Hitler-hörigen Frau Gisela sagen und sich von ihr abwenden. Die Frontlinien verlaufen nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern mitten durch das Ehebett.

Ein Dorf schweigt ist ein Film, der kein großes Budget braucht, um die Nachkriegszeit zum Leben zu erwecken. Die fehlende Ausstattung machen die großartigen Schauspieler mehr als wett. Allen voran ist natürlich Katharina Böhm zu nennen, die diesen Film trägt und ihrer Johanna sowohl Stärke als auch Verletzlichkeit mitgibt. Sie hat der Versuchung widerstanden, Johanna zur Power-Mutti zur machen, zur Superfrau, die allem und jedem trotzt. Stattdessen geht eine stille Kraft von ihr aus, eine Souveränität, die keine großen Worte braucht.

So ist eigentlich der ganze Film. Er wird immer dann besonders leise, wenn der Schmerz am größten ist. In einer von vielen beeindruckenden Szenen sitzt Johanna neben Pfarrer Beppler auf einer Holzbank. Sie hat gerade erfahren, dass ihr Mann an seiner Kriegsverletzung gestorben ist. «Für mich brauchen sie nicht tapfer sein», sagt Beppler zu ihr. Da ist kein Weinen, nur ein mitfühlender Blick. Denn manchmal lügen Tränen doch.

Ein Dorf schweigt, Donnerstag, 9. April, 21 Uhr, ZDF.

mac

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