Oscar-Analyse Hollywoods Weg führt nach Osten

«Slumdog Millionär» ist Märchen und Drama zugleich (Foto)
Die Zukunft liegt im Osten: Dev Patel als Jamal Malik in einer Szene aus dem Film «Slumdog Millionär» Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Mit acht Trophäen hat «Slumdog Millionaire» die Konkurrenz bei den Oscars klar in den Schatten gestellt. Der Triumph der amerikanisch-indischen Koproduktion ist mehr als ein Fingerzeig, denn die Zukunft Hollywoods liegt im Osten.

Indien feiert. «Jai Ho» - «Triumph!» heißt bezeichnenderweise der Ohrwurm aus dem Soundtrack zu Slumdog Millionaire, für den der Komponist A. R. Rahman in der Nacht einen Oscar erhielt. Acht Trophäen - darunter die in den wichtigen Kategorien Bester Film, Regie, Kamera und Drehbuch - hat das Drama um einen Waisenjungen aus den Slums von Mumbai gewonnen und damit den härtesten Konkurrenten klar abgehängt. David Finchers Epos Der seltsame Fall des Benjamin Button war mit nur drei Oscars in Nebenkategorien der große Verlierer des Abends.

Die beiden Filme waren als Favoriten ins Rennen gegangen. Experten hatten einen Zweikampf erwartet, bei dem für die anderen Nominierten nur Statistenrollen blieben. Das klare Ergebnis zugunsten von Slumdog Millionaire überrascht aber nur auf den ersten Blick. Mit ihrer Wahl haben die 6000 Mitglieder der Oscar-Akademie eine Richtungsentscheidung getroffen.

Oscar-Nacht
Glamour und Gewinner

Die Tage des klassischen amerikanischen Erzählkinos, für das Benjamin Button steht, scheinen erst einmal gezählt. Hollywood blickt stattdessen gen Osten. Die Märkte der Zukunft liegen in Indien und wohl sehr bald auch in China. Dort wartet ein Milliardenpublikum, das es zu bedienen gilt. Bollywood, die indische Filmindustrie in der pulsierenden Metropole Mumbai, hat Hollywood längst überflügelt. Nirgendwo auf der Welt werden mehr Filme produziert als in den Studios der Stadt, in der Slumdog Millionaire spielt. Über zwei Milliarden Dollar setzt die Branche jährlich um, Tendenz trotz Finanzkrise steil steigend. Bis 2012 wird sich der Umsatz auf vier Milliarden Dollar verdoppelt haben.

Hollywood ist clever. Die Studios haben das Potenzial auf dem Subkontinent erkannt. Sony Pictures, Paramount und Disney steckten bereits Millionen von Dollar in indisch-amerikanische Koproduktionen. Noch sind die großen Erfolge ausgeblieben. Doch dies dürfte sich in naher Zukunft ändern. Gleichzeitig stößt Bollywood im Westen auf ein immer größeres Interesse. Auf der Berlinale 2008 wurde der indische Megastar Shah Rukh Khan von seinen deutschen Fans fast erdrückt. In Großstädten wie Berlin und München gibt es bereits Filmläden, die ausschließlich Produktionen aus Indien im Angebot haben. Und ein Sender wie RTL 2 fährt mit Bollywood-Filmen regelmäßig Traumquoten ein.

Die Entscheidung der Oscar-Akademie für Slumdog Millionaire ist vor diesem Hintergrund nur konsequent. Der Film des britischen Regisseurs Danny Boyle hat natürlich auch gewonnen, weil er künstlerisch gesehen der beste war. Besser als Der Vorleser, besser als Milk und bei weitem besser als Benjamin Button. Trotzdem haben ökonomische Faktoren eine Rolle gespielt. Und das ist völlig legitim. Das Hollywood-Kino der Zukunft wird eines sein, in dem sich Ost und West begegnen. Oder es wird gar nicht sein.

gua

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