Oscar-Orakel In der Königsklasse wird es eng

Der Oscar für den besten Film ist die wichtigste Auszeichnung, die am Sonntag von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences vergeben wird. Fünf Filme gehen ins Rennen, nur zwei haben eine echte Chance. Willkommen beim news.de-Oscar-Orakel!

Buchmacher setzen auf «Slumdog Millionär» (Foto)
«Slumdog Millionär» geht als Topfavorit ins Oscar-Rennen. Bild: dpa

Können Sie sich noch an den Gewinner des vergangenen Jahres erinnern? Nein? Kein Wunder! Die Oscar-Zeremonie 2008 war eine der unspektakulärsten überhaupt. Der Preis für den besten Film ging schließlich an No Country for Old Men von den Coen-Brüdern, eine Independent-Produktion, in der Javier Bardem als Auftragskiller mit Angela-Merkel-Gedächtnisfrisur seine Opfer mit einem Bolzenschussgerät erlegte. Klingt nicht wie der typische Oscar-Gewinner. Und war es auch nicht. Doch dieses Jahr dürfte in der Königskategorie «Best Picture» alles anders werden. Die nominierten Filme sind größer, aufwändiger und glamouröser.

Als absoluter Außenseiter gilt Ron Howards Politdrama Frost/Nixon. Dem britischen Journalisten David Frost (Martin Sheen) gelingt es, den wegen der Watergate-Affäre zurückgetretenen amerikanischen Präsidenten Richard Nixon (Frank Langella) für eine Interviewserie zu gewinnen. Ron Howard inszeniert den verbalen Schlagabtausch zwischen dem vermeintlichen politischen Leichtgewicht Frost und dem mit allen Politwassern gewaschenen Nixon im Stil eines Boxkampfs. Politische Stoffe haben bei den Oscars im Prinzip immer gute Chancen auf eine Trophäe. Frost/Nixon ist straff auf den finalen Showdown hin inszeniert. Allerdings fehlt dem Film die starke visuelle Komponente - für den Oscargewinn der absolute Knockout. Darüber hinaus verleiht der für einen Oscar als bester Hauptdarsteller nominierte Frank Langella Nixon etwas zu sympathische Züge - ein weiteres Ausschlusskriterium. Der Grund: «Tricky Dick» Nixon ist in den USA auch fast 15 Jahre nach seinem Tod ein politischer Paria.

Mit Milk geht ein weiterer auf Tatsachen beruhender Film ins Oscar-Rennen. Sean Penn, wie Langella als bester Hauptdarsteller nominiert, spielt den schwulen Bürgerrechtler und Stadtrat Harvey Milk, der sich in den 1970er Jahren als erster amerikanischer Politiker offen zu seiner Homosexualität bekannte und dies mit seinem Leben bezahlte. Gus Van Sants Biopic ist ein von grandiosen Schauspielerleistungen getragenes Plädoyer für Ehrlichkeit und Toleranz und dennoch kein ganz heißer Oscar-Favorit. Der Film passt zwar wunderbar in die Ära Obama und ihre neue Offenheit, aber auch Milk fehlen die großen Bilder, das Berauschende, das ein Oscar-Gewinner haben sollte.

Einen deutschen Stoff bringt Stephen Daldrys Film Der Vorleser an den Start. Die Literaturverfilmung nach dem Bestseller von Bernhard Schlink wartet mit einer großartigen Kate Winslet auf, die für ihre Rolle den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewinnen wird. Daldry hält sich in der Geschichte um die Liebe eines Halbwüchsigen zu einer Frau, die sich als ehemalige KZ-Aufseherin erweist, streng an die Vorlage. Die Oscar-Chancen sind allerdings gering. Ein schwieriges Thema, wieder ein Film über den Holocaust - in Zeiten der globalen Krise erscheint dieser Stoff als zu düster. In Hollywood ist gegenwärtig Optimismus Trumpf. Außerdem hat die Oscar-Akademie erst vor zwei Jahren einen Film ausgezeichnet, der sich mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzt: Das Leben der Anderen von Florian Henckel von Donnersmarck.

Mit 13 Oscar-Nominierungen (ebenso viele wie Ben Hur) muss man David Finchers Der seltsame Fall des Benjamin Button als absoluten Topfavoriten für die Oscars 2009 ansehen. Klar, dass die Geschichte eines Mannes, der als Greis geboren wird und dann immer jünger wird auch in der Kategorie «Bester Film» nominiert wurde. Bei aller Wertschätzung für die Oscar-Akademie: Benjamin Button ist ein Missgriff, ein auf fast drei Stunden ausgewalztes Epos, das 90 Jahre amerikanischer Geschichte breit tritt. Trotz seiner umständlichen Erzählweise, plakativer Symbolik und einer Story, die nicht von ungefähr an Forrest Gump erinnert (Raten Sie mal, wer das Drehbuch geschrieben hat!) muss man Benjamin Button auf der Rechnung haben. David Fincher hätte einen Oscar für Fight Club verdient gehabt. Am Sonntag könnte er ihn für Benjamin Button erhalten. Möge dieser Kelch an uns vorübergehen!

Bleibt noch unser persönlicher Oscar-Favorit: Slumdog Millionär von Danny Boyle ist ein Film, wie er nur alle paar Jahre gedreht wird. Der 18 Jahre alte Jamal (Dev Patel) ist als Vollwaise in den Slums von Mumbai (das frühere Bombay) aufgewachsen. Bei der indischen Ausgabe von Wer wird Millionär? steht er vor der letzten Frage. Doch woher weiß der junge Mann aus dem Elendsviertel alle Antworten? Ist Jamal ein Betrüger? Auf der Wache nehmen ihn zwei Polizisten in die Mangel. Und Jamal erzählt zu jeder Frage ein Erlebnis aus seiner Kindheit, von seinem Bruder, der in die Kriminalität abgerutscht ist - und von seiner großen Liebe Latika. Boyle vermählt in seinem Film westliches und östliches Kino, Holly- und Bollywood. Slumdog Millionär balanciert kunstvoll auf mehrere Erzählebenen, berauscht mit einer exotishen Bilderflut und berührt durch eine wunderschöne Liebesgeschichte. Die Qualitäten des Films sind so offensichtlich, dass er nicht nur bei den Buchmachern als Favorit gilt. Auch bei den Golden Globes vor wenigen Wochen räumte Slumdog Millionär ab. Nun erwartet jeder den Oscar-Triumph. Doch genau dies könnte dem Film zum Verhängnis werden. Die Oscar-Jury ist schließlich für Überraschungen bekannt und gefürchtet.

Wir werden am Sonntag auf jeden Fall Danny Boyle die Daumen drücken. «And the Winner is ... Slumdog Millionaire!» Alles andere wäre ein Skandal.

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig