Dankesreden Wenn Heulen Standard ist

Charlize Theron Tränen (Foto)
Gewann und weinte: Charlize Theron. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Nadine Kotré
Für Schauspieler ist der Gewinn des Oscars das Größte im Leben. Verständlich, sie haben Jahre lang, manchmal gar Jahrzehnte lang darauf hingearbeitet. Um so verwunderlicher ist es, dass sie es dann nicht drauf haben, eine vernünftige Dankesrede abzuliefern.

Auf der Liste der unverzeihlichen Danksagungen ganz weit oben steht: «Ich danke Gott.» Religiöse Gefühle in Ehren, aber Gott kann nichts für den Erfolg des Schauspielers. Wer erfolgreich ist, hat entweder jegliche Moralvorstellungen und Skrupel lange über Bord geworfen, die richtigen Beziehungen oder verdammt hart für den Erfolg gearbeitet.

In ganz seltenen Fällen kommt es auch vor, dass gnadenloses Glück den Durchbruch und den Erfolg ebnete. Das trifft aber schätzungsweise bei weniger als einem Prozent der richtig erfolgreichen Menschen in Hollywood zu. Diese können das dann gerne als göttliche Fügung verstehen. Rechnet man aber alle zusammen, die Gott danken, ist der Prozentsatz deutlich höher.

Einige wählen den ehrlicheren Weg und danken den Menschen, die wirklich für ihren Erfolg verantwortlich sind: den Eltern. Wer sonst hat sie ins Rampenlicht geschubst und zu sämtlichen Castingsshows für Kinder geschleppt? Ihnen Tonnen von Make-up ins Gesicht geschmiert und mit ihnen fleißig die Texte geübt, statt bei den Schulaufgaben zu helfen. Diesen Menschen muss gedankt werden. Einzig an der Art und Weise der dankenden Worte muss gefeilt werden. Ein «Ich danke meinen Eltern für ihre Unterstützung» ist nett, trifft es aber nicht genau.

Besonders schlimm ist das Geheule. Oft fragt man sich, warum - meistens - sie, einen Oscar gewonnen hat, wenn die Tränen im Anschluss so gestellt und aufgesetzt wirken. Die Vermutung aufzustellen, dass jeder der Nominierten gewinnen will, ist nicht kühn, sondern realistisch. Die überschwänglichen Tränen der Fassungslosigkeit und Freude, gepaart mit der fuchtelnden Handbewegung, die das Ganze noch dramatischer machen soll, sind überflüssig. Jedenfalls in der Frequenz und Intensität.

Noch verlogener als die eigene Fassungslosigkeit darzustellen, ist es den Kollegen zu danken. Oft wird gesagt: «Allein mit solch großartigen Kollegen nominiert zu sein, ist eine Ehre.» Das stellt niemand in Abrede. Trotzdem bleiben sie die Verlierer und der Mensch mit der goldenen Statue in der Hand der Gewinner. Ihnen zu danken und sie für ihre großartigen Leistungen zu würdigen, wirkt am Fernseher höflich, ist aber absolut überflüssig.

Dem Ehemann oder der Ehefrau zu danken, kann berechtigt sein. Man muss allerdings fragen, wie sie den Gewinn ermöglicht haben. Wenn die Danksagung als Würdigung gedacht sein sollte, für die zahllosen Tage und Nächte, in denen der Partner auf Partys und Premierenfeiern feiern war, währenddessen er oder sie dem Kind die Windeln gewechselt hat oder die Schreie ertragen hat, als das Kind die ersten Zähne bekam, dann sollte man das auch deutlich sagen.

Übrigens gibt es einige Floskeln, die nach 81 Jahren endgültig ihren Reiz verloren haben. Das wäre zum einen: «Oh Gott, ist der schwer.» Drei Kilogramm kann man stemmen. Auch unterernährte Hollywood-Schauspielerinnen. Zum anderen wäre da der Spruch: «Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.» Das ist eine Lüge. Wer für den Oscar nominiert ist, muss, einen klaren Verstand vorausgesetzt, wenigstens einen Gedanken daran verschwendet haben, ihn auch zu gewinnen. Die logische Konsequenz wäre, sich zu überlegen, was er denn sagen könnte. Wem dabei nichts einfällt oder wer sich so schlecht findet, dass er selbst die Nominierung für einen Witz hielt, sollte es so halten wie Joe Pesci 1990. Er sagte schlicht: «Es ist mir eine Ehre. Danke.» Und verschwand von der Bühne.

ruk/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig