Interview mit Julia Jentsch Große Gefühle im Korsett

Umjubelte «Effi Briest»-Premiere (Foto)
Stellte auf der Berlinale ihren neuen Film «Effi Briest» vor: Julia Jentsch. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Nadine Kotré
Als Widerstandskämpferin Sophie Scholl zeigte Julia Jentsch ihre schauspielerische Klasse. Nun spielt sie eine der bekanntesten deutschen Literaturfiguren: Effi Briest. Mit news.de sprach Julia Jentsch über Freiheit, die Aktualität des Stoffes und Nacktheit im Film.

Bevor das Interview in ihrem Hotelzimmer beginnen kann, möchte Julia Jentsch noch schnell ihren Stuhl zurechtrücken - und hat gleich die Lehne in der Hand. Mit einem herzlichen Lachen nimmt sie die Panne hin und setzt sich - auf den kaputten Stuhl.

news.de: Warum ist der Roman von Theodor Fontane, der vor über 100 Jahren geschrieben wurde, noch heute aktuell?

Jentsch: Die Konflikte, die Effi, aber auch die anderen Charaktere durchleben, gibt es auch heute noch. Zum Beispiel die Flucht aus einer unglücklichen Liebe in die Arme eines Liebhabers oder das Verhältnis zu den Eltern - diese Probleme sind absolut zeitlos. Die Gründe für den ein oder anderen Konflikt gibt es vielleicht nicht mehr, die Gefühle dieser Konflikte gibt es aber noch immer.

news.de: Hat Ihnen das Korsett, das Sie tragen mussten, dabei geholfen, sich in die steife Art der damaligen Zeit hineinzuversetzen?

Jentsch: Es ist auf jeden Fall ein wichtiges Hilfsmittel für die Figur. Es war so, dass Effi am Anfang, als sie 17 Jahre alt ist und noch bei ihren Eltern lebt, kein Korsett trägt, sondern eine engere Bluse. Da ist sie noch mehr Kind. Erst als sie das Elternhaus verlässt und Baronin von Innstetten wird, beginnt sie, Korsetts zu tragen. Das passt zusammen, weil ab dann eine andere Zeit beginnt - jetzt wird es enger, sie muss sich zurechtfinden, ein- und unterordnen. Dabei hilft das Korsett schon sehr. In der Mittagspause waren Juliane dann aber immer sehr froh, wenn wir es aufmachen konnten. Sonst geht nichts mehr rein (lacht).

news.de: Trotz der epochengetreuen Kleidung zeichnet sich der Film durch Änderungen im Vergleich zu Fontanes Original aus. Am wohl auffälligsten ist das neue, moderne Ende. Was dachten Sie, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben?

Jentsch: Ich finde nicht, dass Dinge hinzugekommen sind, die nicht vorhanden oder benannt sind. Es ist alles da, Hermine hat jedoch bestimmte Dinge betont. Das sind andere Dinge als sie ein Fassbinder gemacht hat. Ich war über das veränderte Ende überrascht und irritiert. Und habe mich gefragt, ob das so geht und was sich dadurch verändert. Durch die Gespräche mit Hermine fand ich das aber mehr und mehr plausibel. Sie hat sich am Vorbild Effis - Elisabeth von Ardenne - orientiert. Deren Leben ging weiter und sie wurde über 90 Jahre alt. Ich fand es toll als Hermine gesagt hat, dass Fontane für das Publikum seiner Zeit besondere Kompromisse gemacht hat. Damals waren die Frauen oft die Opferfiguren und mussten am Ende einer Geschichte sterben. Das war so gewünscht. Aber davon kann man sich heute wieder lösen, ohne dass es der Geschichte ihre Tragik nimmt. Es führt Effis Utopie weiter, sich eine gewisse Freiheit in der Ehe zu bewahren. Es ist dieser Hoffnungsfunke - sie ist immer noch jung und findet vielleicht ja noch die wirkliche Liebe. Vielleicht auch nicht.

news.de: Was ist für Sie das Tragischste an der Figur der Effi Briest?

Jentsch: Dass sie weiß, was sie sucht. Sie weiß, was sie an Liebe und Zärtlichkeiten alles gerne hätte, aber so lange wir ihren Weg mitverfolgen, findet sie das nicht.

Lesen Sie auf Seite 2, was Julia Jentsch über Nacktszenen in Filmen denkt

news.de: Was fasziniert Sie an Fontanes Stück?

Jentsch: Die Sprache von Fontane, die alles so detailliert beschreibt und die Personen differenziert beschreibt. Alle Figuren haben so unterschiedliche Charaktereigenschaften. Sie alle haben ihre Vergangenheit, und so kann man teilweise zurückverfolgen, warum sie so sind, wie sie geworden sind. Auch ein Innstetten, der seine große Liebe nicht bekommen konnte, sich in die Karriere stürzt und versucht, mit Effi etwas nachzuholen oder zu wiederholen - was halt so nicht funktioniert. Dadurch hat man auch Verständnis für ihn und kann mit ihm fühlen. Obwohl ich mir natürlich wünsche, dass er anders zu Effi wäre. Aber das geht einfach nicht.

news.de:
Als Sie den Film zum ersten Mal gesehen haben, welche Szene hat sie am meisten berührt?

Jentsch: Was ich ganz schlimm fand war die Szene, als Effi in ihr Elternhaus zurückkommt und die Briefe findet, die ihr Mann ihrer Mutter geschrieben hat. Da wird mir beim Gedanken auch schon wieder so ... (wedelt mit Händen vorm Gesicht.). Einen Menschen einfach so zu übergehen und quasi zu entmündigen, finde ich einen sehr traurigen Moment.

news.de: Die beiden Liebesszenen sind durch vollkommen gegensätzliche Gefühle geprägt. Die eine durch Angst, die andere durch Lust. Welche war schwerer zu spielen?

Jentsch: Die Hochzeitsnacht, die fast einer Vergewaltigung gleich kommt, war sicherlich unangenehmer. Man muss sich mit unangenehmen Gedanken und Gefühlen beschäftigen. Da ist es weitaus angenehmer, jemanden zu spielen, der einen glücklichen Moment erlebt, etwas Neues kennen lernt und Freiheit spürt.

news.de: Also war die Nacktheit in dieser Szene mit Major Crampas, kein Problem für Sie?

Jentsch: (seufzt) Ach ja, ein schwieriges Thema. Ich finde es immer wieder schwierig und es wird immer viel darüber geredet. Ich habe es jetzt schon öfter in verschiedenen Filmen gemacht. Trotzdem finde ich es besser, wenn ein Film andere Möglichkeiten findet.

kas/voc

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