Interview mit Wolfgang Stumph «Ost- und Westdeutsche haben gemeinsame Probleme»

Als Kommissar Stubbe ermittelt er im ZDF, als typischer Sachse amüsiert er das Fernseh- und Kinopublikum. Wolfgang Stumph spricht mit news.de über seinen neuen Film Salami Aleikum, Identitätsprobleme in Ost und West und Humor mit Haltung.

Wolfgang Stumph. (Foto)
Wolfgang Stumph. Bild: dpa

Salami Aleikum spielt viel mit den Vorurteilen, die Westdeutsche von Ostdeutschen haben und umgekehrt. Wie erleben Sie die Resonanz auf den Film in den beiden Teilen Deutschlands?

Wolfgang Stumph: Die Spanne ist sehr groß. Wir haben euphorische Kritiken etwa im Neuen Deutschland und bei Spiegel Online gehabt. Daneben gibt es ein paar wenige, die die Zwischentöne bei diesem Film nicht verstehen und lieber ihrem Chefredakteur gefallen wollen oder für ihre Zeitung in einer bestimmten Auflagenhöhe schreiben wollen. Dann schreiben sie sehr plakativ von einer «Klamotte» oder nehmen bestimmte Szenen heraus, wie «Mit dem Baseballschläger nach Ostdeutschland». Die haben die Poesie des Filmes nicht verstanden.

Was halten Sie ganz allgemein von der deutschen Komödie im Moment? Gerade die etwas leiseren Satiriker haben es sehr schwer, wahrgenommen zu werden.

Stumph: Das ist ein Problem. Durch die Verrohung des Humors – auch durch die Comedy-Welle – versteht man das Fechten mit Florett überhaupt nicht mehr. Man muss mit dem Schwert zuschlagen, dann erreicht man manche Menschen noch. Man wird zum Beispiel als Mario Barth im Waldstadion in Berlin viel eher wahrgenommen. Um über Schadenfreude zu lachen, die Tollpatschigkeit von Frauen, Polen-Witze oder die Ossis. Aber das wird sich auch totlaufen. So dumm ist das deutsche Volk nicht, dass es bloß auf Schadenfreude und den relativ derben Humor alleine abfährt. Dass man den Mut nicht verlieren darf, zeigt ja auch, wie Loriot verstanden wird, wie manche Zwischentöne bei Kabarettisten verstanden werden und wie auch dieser Film verstanden wird. Das ist eine gute Bewegung gegen die Oberflächlichkeit und Gradlinigkeit des «Nur-so-verstehen-Wollens».

Sie sehen sich als politischen Kabarettisten und versuchen in Ihren Filmen auch immer solche Inhalte einzubeziehen. Gelingt ihnen das denn unter diesen Bedingungen noch?

Stumph: Ich denke schon. Wenn ich daran denke, welche Themen wir in den nächsten drei Stubbe-Krimis behandeln. Da geht es einmal um Rechtsradikalismus. Oder der 37. Fall, wo Stubbe nach 16 Jahren in Hamburg wieder nach Dresden zurückkommt. Das ist auch eine Art Geschichtsbewältigung. Wir greifen immer Probleme auf, die mich im Speziellen bewegen, wo ich meinen Stumph-Sinn einbringen kann. Auch am 2. September kommt in der ARD ein Film, Romeo und Jutta, mit Katja Riemann in der weiblichen Hauptrolle. Das ist ein Film, der die deutsche Problematik zwischen 1983 bis 2004 widerspiegelt, sehr souverän, aber auch mit einem lachenden Auge.

Kann man mit solchen Inhalten die Menschen besser im Kino oder im Fernsehen erreichen?

Stumph: Ich denke, eine Unterhaltung mit Haltung kann man in guten Komödien machen. Aber mit dem Kinofilm kann man die Menschen stärker erreichen. Weil es ein Teamerlebnis ist. Man sitzt nicht alleine oder zu zweit in der Wohnstube, einer redet gerade - und dann ist die Pointe weg. Man erlebt im Kino live, wie andere darauf reagieren, und kriegt eine Reflektion mit: Wie stehen die Menschen zum Gesagten und Gesehenen. Da ist das ganze Kino betroffen, des erhöht den Erkenntnisprozess ungemein. Das wesentlich Geilere am Fernsehen aber ist, Leute zu erreichen, die sonst nie ins Kabarett gehen würden und sich lieber mit guten Zeiten und schlechten Filmen unterhalten wollen. Dass man sie verführt, neugierig auf seine Arbeit macht und dann trotzdem seine Haltung politisch satirisch und künstlerisch verpackt. Dass man nicht nur Gleichgesinnte im Kabarettkeller erreicht.

Ist das der Grund, warum Von Fall zu Fall so gut funktioniert: Eigentlich erwartet man einen Krimi, aber man bekommt doch tiefere Inhalte geboten.

Stumph: Bei der Presse hat man es schwerer, weil man nicht in das vorgedachte Klischee dieser Medienkritik rein passt, dass es ein harter Samstagabendkrimi zu sein hat. Aber die Zuschauer haben damit überhaupt kein Problem und haben eine Treue zu der Figur Stubbe entwickelt. Deshalb darf man aber nicht leichtsinnig sein, sondern muss mit der Gunst der Zuschauer sehr verantwortlich umgehen. Dies betrifft nicht nur Stubbe, dies meine ich für jede künstlerische Arbeit. Deshalb habe ich auch Salami Aleikum gemacht, weil ich das Anliegen des Films für sehr wertvoll halte.

Wie weit können Sie sich denn in solche Projekte einbringen. Bei «Salami Aleikum» haben Sie nicht am Drehbuch mitgearbeitet, bei den Stubbe-Krimis ist Ihr Einfluss dagegen viel größer.

Stumph: Da sind es tatsächlich meine Themen, die ich gerne bewältigt haben möchte. Die Figuren, in die meine Auffassung, meine Inspiration und meine Suche nach gleichgesinnten Autoren einfließen, beginnen alle mit «St» im Namen. Egal ob Stolze, Stankoweit, Struuz, Stubbe und und und. Da ist dieser Kinofilm eine Ausnahme, weil hier sehr viel Fertiges vorlag. Es gab aber eine Arbeitsweise, in die man seine eigenen Ansichten einbringen konnte. Ansonsten bin ich eher einer, der sehr viel Selbstgemachtes macht.

Das Problem der Identität und Heimat ist für Salami Aleikum sehr wichtig. Sie kennen die ostdeutsche Seele gut – wie empfinden Sie die Lage, 20 Jahre nach der Wende?

Stumph: Man muss natürlich sehen, dass Deutschland nicht unter einer großen Käseglocke ist, wie es die DDR war. In Deutschland spielen nicht nur die inneren, eigenen Probleme eine Rolle, sondern auch die globalen Probleme. Das, was bei uns geschieht, hat nicht seine Wurzeln bei uns, sondern entsteht aus der Gesamtsituation der Welt. Ob Ost- oder Westdeutsch, wir haben gemeinsame Probleme. Die Wirtschaftskrise ist in allen Ecken Deutschlands spürbar. Die Finanzkrise, die Arbeitslosigkeit, die Politikverdrossenheit, die Raffgier nach Profit, die schamlose Benutzung von Boni und der Werteverfall von Managern. Das ist in Bochum nicht anders als in Leipzig. Wir Menschen müssen begreifen, dass wir den gemeinsamen Schmerz, die gemeinsame Freude und eigentlich nur die gemeinsame Kraft der Veränderung haben.

Das heißt, das Gefühl, wo die eigene Heimat ist, ist nicht mehr so wichtig?

Stumph: Es ist nicht so entscheidend, ob ich Ostdeutscher oder Westdeutscher bin. Entscheidender ist, dass man in seinem kulturellen Kreis in einer Region zu Haus ist, und dies wird nun mal durch Sprache und durch Kultur bestimmt. Und das hat eben historische Wurzeln. Dies kriegt zunehmend größere Bedeutung. Man ist ein Sachse, man ist ein Thüringer, man ist ein Bayer. Da gibt es eine eigene Geschichte. Das wird eine größere Bedeutung haben als das deutsche Gefühl innerhalb der Globalisierung. Wir werden ein größeres gemeinsames Gefühl in Europa kriegen und dabei immer mehr entdecken, dass man eigentlich die eigenen, kulturellen Besonderheiten von Region, Kultur und historischen Kreisen behalten will und dadurch den Zusammenhang erkennt. Da müssen sowohl Ostdeutsche als auch Westdeutsche noch viel lernen.

Wolfgang Stumph, geboren am 31. Januar 1946 in Wünschelburg (heutiges Tschechien), begann seine kabarettistische Karriere im Dresdner Kabarett «Die Herkuleskeule». Der gesamtdeutsche Durchbruch gelang Stumph 1991 mit dem erfolgreichen Kinofilm «Go Trabi Go». Er war der Hauptdarsteller in den Sitcoms «Salto Postale» und «Salto Kommunale». Im Moment ist Stumph mit der Komödie «Salami Aleikum» im Kino zu sehen.

car/news.de

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kommentar 3
  • 30.07.2009 16:13

An die "Herren Verfasser": in der "Lachkarte" und nicht in der "Herkuleskeule"! Immer schön unten bleiben. Und an den (Ex)Lachkärtler: wenn Ihnen der Sachse, der Sie ja gar nicht sind, cdu-gerecht genügt, bitte. Mir genügt er nicht. Das Schicksal dieses Landes wird in zu geringem Maß in Sachsen entschieden, als daß man als Sachse zufrieden sein könnte. Das war dann in der DDR doch deutlich besser.

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  • Kommentar 2
  • 30.07.2009 15:11

Stumph:"So dumm ist das deutsche Volk nicht, ... " "Da geht es einmal um Rechtsradikalismus." Mein lieber Stumph, Sie kennen Ihr Volk nicht. Es ist scheinbar dümmer als die Polizei erlaubt. Selbst Sie, als heller Sachse, lassen sich instrumentalisieren im verlogenem Kampf gegen Rechts. Wann haben Sie einmal eine Rolle gespielt, in der die Linksradikalen nicht so gut abschneiden? Noch nie! Klar, wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe!

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  • Kommentar 1
  • 30.07.2009 13:15

ich bin seh deutsche Komödie und Filme nicht so gern,da meist die realität dort verloren geht.Es gibt aber durch aus serien die ich sehr gut finde.z.b.Ein fall für zwei Kommissar Stollberg und willberg,so wie "sturm der Liebe"Wo dort auch manchmal die realität verloren geht und mit dem wahren leben auch nichts zu tun hat.

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