Der Shuttle fährt selbst Mobilitätskonzept für die City

Der Shuttle fährt selbst (Foto)
In Paris haben die Entwickler von Induct ihr fahrerloses Fahrzeug bereits ausprobiert. Bild: pi

Ein französischer Spezialist für Ortungssysteme hat ein großes Ziel: Die Städte dieser Welt von so vielen Autos wie irgend möglich zu befreien.

Verkehrsinfarkte, zugeparkte Straßen, Parkplatznot - in GrTag für Tag zeigt sich, dass der Individualverkehr ein Ausmaß mit absurden Folgen angenommen hat. Pierre Lefèvre, französischer Spezialist für integrierte Ortungssysteme und drahtlose Kommunikation will gegensteuern und mit den Entwicklungen seines Unternehmens Innenstädte von überflüssigen Autos befreien. Die 40-Mann-Firma hat jetzt eine Art Shuttle-Fahrzeug vorgestellt, das in urbanen Zentren die Lücken im Netz des öffentlichen Personennahverkehrs schließen soll, und zwar flexibler und kostengünstiger, als es konventionelle, fahrplanmäßig verkehrende Busse oder Bahnen könnten. Navia heißt die Innovation, die «on demand» und fahrerlos verkehren soll.

Die Rolle des Steuermannes haben die Entwickler an Laser-Fernmessung, GPS und Sensoren und Navigationsprogramme delegiert. Mit Hilfe der Ortungssysteme kann das rein elektrisch angetriebene Fahrzeug sein Umfeld auf allen drei räumlichen Achsen erfassen. Es kann in Echtzeit seine aktuelle Position, die bereits zurückgelegte Strecke sowie die gewünschte Route berechnen. Dank zweier Kameras, die zehn Mal pro Sekunden Bilder liefern, hat Navia einen 360-Grad-Rundumblick und ein Sichtfeld von 200 Metern. Durch die Auswertung der Bilder kann das robotosierte Fahrzeug Hindernisse erkennen - auf die es mit automatischem Bremsen reagiert. Eine 100-prozentige-Sicherheit biete zwar auch ein fahrerloses Fahrzeug nicht, sagt Lefèvre. «Der Roboter ist aber nie abgelenkt und unkonzentriert und deshalb sind fahrerlose Fahrzeuge deutlich sicherer als vom Menschen gesteuerte PKW.»

Der Shuttle fährt selbst
Mobilitätskonzept für die City

In naher Zukunft könnten sich fahrerlose Shuttles wie Navia durch Innenstädte bewegen, sogar durch Fußgängerzonen, aber auch über Industrie- oder Flughafengelände oder durch Freizeitparks pendeln, hoffen die Entwickler. Ihr Konzept sieht vor, dass sich die selbstfahrenden Transporter auf vorprogrammierten Routen bewegen. Nutzer könnten sie per Smartphone anfordern und an eine bestimmte Position am der Parcoursstrecke bestellen können. In einigen französischen Städten, darunter Paris, Lyon und Le Mans, haben die Ortungsspezialisten ihr fahrerloses Fahrzeug bereits ausprobiert -allerdings nur auf ausgewiesenen, für den allgemeinen Verkehr gesperrten Strecken. Denn bislang können Kraftfahrzeuge - hierzulande und fast überall auf der Welt - nur dann eine Straßenzulassung bekommen, wenn ein Mensch am Steuer sitzt und für die Kontrolle des Fahrzeugs verantwortlich ist.

Doch in diesem Punkt könnte es in nächster Zeit neue Regelungen auf europäischer Ebene geben, hoffen Lefèvre und seine Mitstreiter. Bei der EU-Kommission in Brüssel sind sie bereits vorstellig geworden. Dabei schielen die Mobilitätskonzept-Entwickler mit einigem Neid auf Kalifornien, wo die Behörden kürzlich grünes Licht für den Betrieb von Googles selbstfahrenden Autos auf öffentlichen Straßen gegeben haben.

Derzeit dreht das fahrerlose Vehikel auf dem Gelände der École polytechnique fédérale im schweizerischen Lausanne seine Runden. Die technische Universität definiert sich als «lebendiges Labor» und unterstützt die Entwicklungsarbeit der Franzosen mit eigenen Forschungsprojekten. Noch lässt sich Navia zwar nicht per Smartphone an eine bestimmte Position auf dem Campus locken. Doch sind die Passagiere einmal an Bord, erweist sich die Bedienung des Shuttles als kinderleicht. Man muss lediglich den Startbutton auf dem Borddisplay anklicken, schon setzt sich Navia in Bewegung, steuert das nächste Ziel auf dem einprogrammierten Parcours an, bewegt sich dabei souverän über die schmalen Schotterstraßen auf dem Campus - mit einer Geschwindigkeit von zehn bis zwölf km/h.

Viel schneller soll das Shuttle Transporter auch später, im praktischen Einsatz, nicht fahren, erklärt Lefèvre. Tests hätten gezeigt, dass Passanten ein fahrerloses Fahrzeug eher akzeptieren, wenn es sich mit maximal 20 Stundenkilometern bewegt. Mit diesem moderaten Tempo sei Navia ohnehin noch deutlich flotter unterwegs, als ein normales Auto in der Pariser City, fügt der Entwickler hinzu. «Denn da quälen sich PKW heute im Durchschnitt mit zehn Stundenkilometern durch die chronisch überlasteten Straßen.»

Im realen Einsatz könnten die fahrerlosen Shuttles über die Monitore einer städtischen Sicherheitszentrale überwacht werden, sagt Christophe Cairoli, Marketing-Direktor beim Navia-Entwickler Induct. Mitarbeiter, die an den Monitoren zum Beispiel das Geschehen auf überwachten Plätzen im öffentlichen Raum verfolgen, könnten nebenbei auch ein Auge auf die Bewegungen der fahrerlosen Transporter haben, bei Bedarf Navigationsbefehle geben oder Kontakt zu den Passagieren aufnehmen.

Eigentlich hatten die Franzosen ihre Navia-Flotte im vergangenen Sommer in Deutschland präsentieren wollen. Die Stadt Kassel hatte schon das Okay für den Betrieb der fahrerlosen Shuttle für die Besucher documenta gegeben, berichtet Cairoli. Doch dann sei das Vorhaben am Einspruch von Volkswagen, dem Hauptsponsor der Kassler Kunstschau, gescheitert. «Unser Ansatz passt offenbar nicht zum Weltbild eines Autobauers. VWs Marketing-Strategen zumindest scheint unser Konzept nicht besonders sympathisch zu sein.»

pi/news.de

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