Mobiler Kompromiss Knaus SunTi 700 LEG

Der vollausgestattete Knaus SunTi 700 LEG überzeugt auf dem Messestand. Im Praxistest offenbaren sich jedoch viele Schwächen, die den Anschaffungspreis von über 70.000 Euro zweifelhaft erscheinen lassen.

Mobiler Kompromiss (Foto)
Ein Fiat Ducato mit 177 PS sorgt für gute Fahrleistungen. Bild: pi

Wer sich heutzutage ein Reisemobil kauft, muss vor allem eines Mitbringen: viel Geld. Nicht selten beginnen die Preislisten namhafter Hersteller bei Summen jenseits der 50.000 Euro-Grenze. Geld, welches bei einem Gespann für einen guten Caravan und ein ordentliches Mittelklasse-Zugfahrzeug reichen würde. Wird, wie beim 7,47 Meter langen Knaus SunTi 700 LEG jedes Kästchen auf der Aufpreisliste angekreuzt, dürfen es sogar über 70.000 Euro sein. Die Frage, ob es ein Reisemobil oder ein Caravan sein darf, ist eine Glaubensangelegenheit und muss jeder Camper mit sich selbst ausmachen. Doch wenn die Antwort Reisemobil lautet, sollte schon etwas genauer hingeschaut werden, damit aus dem ziemlich kostspieligen Lebens- kein Albtraum wird. Ein großes Problem beim Kauf eines mobilen Apartments ist der Vorabtest. Mit einer kleinen Probefahrt ums Eck ist oft nur einem geholfen, dem Verkäufer. Die eigentlichen Schwachstellen offenbaren sich in den meisten Fällen erst im Alltags-Stress-Test. Und die gehen teilweise soweit, dass insgeheim daran gezweifelt werden darf, ob die Entwickler jemals selbst gecampt haben.

Mobiler Kompromiss: Knaus SunTi 700 LEG

Beim Knaus SunTi 700 LEG beginnt der Belastungstest bereits beim ersten Durchgang. Auf den ersten Blick zeigt sich das Reisemobil von seiner strahlenden, belederten Seite. Die Sitze sind gut, auch wenn sie über keine Sitzheizung verfügen und durch ihre Höhe ein nach oben arg eingeschränktes Sichtfeld nach vorn bieten. Die Ausstattung ist den Ansprüchen mehr als genügend und das Platzangebot ausreichend. Ausreichend jedoch nur, weil in der gewaltigen Heckgarage eine ganze Gartenstuhlgarnitur samt Tisch, Grill und sonstigen Sperrgütern Platz finden. Ein großer Kleiderschrank musste der stattdessen verbauten Duschkabine weichen und die übriggebliebenen Fächer ersticken die Hoffnung auf ein ordentliches Verstauen der gerade noch gebügelten Oberhemden bereits im Keim. Die Auflastung auf ein zulässiges Gesamtgewicht von 3,8 Tonnen und die daraus resultierende Zuladung von über 900 Kilogramm setzt einer großzügigen Beladung hingegen keine Grenzen. Die einzigen Nachteile der Auflastung sind die in Deutschland auf 100 km/h begrenzte Höchstgeschwindigkeit und die nun auch für den Mobil-Fahrer geltenden LKW-Überholverbotszonen. Ersteres ermöglicht wiederum einen äußerst guten Durchschnittsverbrauch von zehn Litern auf 100 Kilometern trotz 177 PS starker Fiat-Zugmaschine.

Beim genauen Hinschauen und Anfassen entpuppen sich aber die ersten Produktionsmängel. Die zum Schutz vor Überhitzung des Mobiliars seitlich des Dreiflammen-Gasherdes angebrachte Hitzeschutz-Scheibe löst sich schon nach ein wenig Fingerspitzeneinsatz. Warum? Weil sie mit nur vier gut fünf Millimeter langen Schräubchen angebracht wurde. Der zum Verschließen des Badezimmer-Spiegelschranks geklebte Verschluss-Haken löst sich ebenfalls bei geringem Kraftaufwand und die mit zwei schweren Stahlkörben ausgestattete große Schublade in der Küchenzeile ist schon produktionsseitig so schwer, dass sie in leerem Zustand bei einer scharfen Linkskurve von selbst aus ihrer Verankerung gen Kühlschrank schießt.

Gelungen und ist hingegen die Servicebox seitlich des SunTi. Hier lassen sich Wasser nachfüllen, das Abwasser entleeren und das Stromkabel verbinden. Ein Hinknien und Gefahr laufen beim Bedienen des Ablassventils den ersten Schwung Abwasser abzubekommen gehört damit der Vergangenheit an. Echt spitze. Von der Red-Dot-Design-Award prämierten Kaffeemaschine mit defekter Heizspirale und dem die Gasannahme verweigernden Kühlschrank einmal abgesehen, machen auch die innerhalb des Knaus verbauten elektrischen Einheiten einen guten Eindruck. Allerdings bleiben da neben dem Flachbildschirm und der sich selbst ausrichtenden Satellitenschüssel auch nicht mehr allzu viele. Kaum zu glauben: das Navigationssystem in der Mittelkonsole des Fiat Ducato lässt sich nur im Stand bedienen, obwohl Campingurlauber in einem siebeneinhalb Meter langen Mobil nur selten allein fahren und der oder die Beifahrer gern auch während der Fahrt einen Zielwechsel vornehmen würden. Wer möchte sich zudem vorschreiben lassen, wenn er etwas bedienen will.

Der Grund, warum die Kaus Tabbert Group mit dem Fahrzeughersteller Fiat zusammenarbeitet ist laut Konzernaussage das hohe Maß an Caravaning-Spezialisierung seitens der Italiener. Da muss die Frage erlaubt sein, warum das Tagfahrlicht bei einem Reisemobil bereits nach Betätigung der Zündung anspringt. Denn im Falle der nächtlichen Idee, die noch heruntergelassenen, ausschließlich elektrisch zu schließenden Fenster in der Fahrerkabine hochzufahren, sorgt das Aufblitzen der LED-Tagfahrleuchten bei den umliegenden Zelt- und Caravan-Nachbarn nicht gerade für Freudensprünge. Und auch das Aufleuchten der gelben Motorenleuchte nach nur 9.000 gefahrenen Kilometern lässt nicht auf eine allzu hohe Lebenszeit des Gefährts hoffen. Ach ja, Getränkehalter im Cockpit sind ebenfalls Fehlanzeige.

Während der Fahrt überwiegen die aus langen Reisebus-Fahrten bekannten äußerst beruhigenden Abrollgeräusche der Reifen. Vom Dieselaggregat ist kaum etwas zu hören. Eigentlich eine perfekte Arbeitsumgebung für den am Tisch im mittleren Teil des Mobils sitzenden Mitfahrer. Aber nur wenn zum einen der Akku im Laptop ausreicht, denn 230 Volt gibt es auch bei einem 70.000 Euro-Fahrzeug nicht. Und, wenn gegen die in der Bedienungsanleitung abgedruckte Checkliste verstoßen wird, in der es heißt: «Sind sämtliche Tische in Schlafstellung gebracht?» Beim Befolgen der Liste heißt es für die beiden potenziellen Zweite-Reihe-Sitzer dann «stundenlanges Beine-Hochlegen». Gänzlich ausgestreckt werden darf sich nach Erreichen des Zielortes in einem der beiden Betten im Heck. Wer Wert auf eine tatsächlich ruhige Nachtruhe legt, sollte im Übrigen die Finger von der Klimaanlage lassen, die leider neben ihrer durchaus guten Kühl- und Heizleistung auch durch ihre Lautstärke auffällt.

Regelrecht versäumt wurde der Einbau eines Fliegen- oder Mückengitters am kleinen Küchenfenster. Denn auch auf die Gefahr hin, dass der eine oder andere Fettspritzer drin kleben bleibt, wäre dies vielen Campern lieber als die nun noch zwei verbleibenden Alternativen: Vom selbst erzeugten Dunst eingenebelt oder von den einrückenden Mücken in der Nacht gepiesackt zu werden. Natürlich gilt auch heute in der Reismobil-Welt noch der typische Caravaning-Satz: «Ich kaufe mir ein Mobil/Gespann und baue ihn mir erst einmal zu Recht.» Doch ob dies auch noch für die Caravaner gilt, die fast 80.000 Euro in ihren Urlaub auf Rädern investiert haben, bleibt zu bezweifeln. Der Knaus SunTi 700 LEG ist selbstverständlich kein Einzelfall und im Kern ein ordentliches Reisemobil. Doch sollte es die Aufgabe eines jeden Caravan- und Reisemobil-Herstellers sein, sich noch mehr mit den Bedürfnissen und auch den Handlungen ihrer Kunden auseinander zu setzen, anstatt vorrangig immer mehr Technik in die eigentlich dem Entschleunigen und dem Abschalten dienenden mobilen Urlaubsnester zu verbauen. Es ist also spannend, was dieser Tage so alles auf dem Caravan-Salon in Düsseldorf glänzt.

pi/news.de

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