Ohne gleichen Bugatti Veyron Vitesse

1.200 PS, 1500 Nm, 410 km/h Spitze - kein Grund mit so einer Boden-Boden-Rakete auf eine Rennstrecke zu gehen. Wo könnte man einen Bugatti Veyron 16.4 Vitesse besser ausführen als rund um Pebble Beach?

Ohne gleichen (Foto)
Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse Bild: pi

Es ist nicht leicht, in der elitären Kommune Del Monte Forest mit einem fahrbaren Untersatz aufzufallen. Hier, wo am Pazifik mehr Millionäre ihr Wochenenddomizil haben, als in einer anderen Gegend der USA, gehören teuerste Karossen zum drögen Alltagsgeschäft. Wenn sich auf den von Gartenflächen umsäumten Verbindungsstraßen zwischen den satten Grüns der Golfplätze in der Spanish Bay eine Toreinfahrt öffnet, rollen Rolls-Royce Ghost, Ferrari 458 oder Range Rover Supercharged hinaus, um zu einer der Ausfallstraßen Richtung Monterey oder Carmel zu rollen. In Pebble Beach ist man gerne unter sich. Protzen tun hier die wenigsten. Anders als in Beverly Hills, Bel Air oder Coral Gables geht es zurückhaltender zu als in anderen Ecken, wo die Reichsten der Reichen wohnen, leben, sich entspannen.

Ohne gleichen: Bugatti Veyron Vitesse

Wer Einfahrt in eine der exklusivsten Wohngegenden der Welt bekommen will, bezahlt entweder 9.75 Dollar um als Tourist zum sehenswerten 17-Mile-Drive zu gelangen oder das eigene Vehikel trägt die begehrte Del-Monte-Forest-Plakette am Kühlergrill. Der offene Bugatti Veyron verzichtet auf eine derartige Insignie der Macht und vielleicht ist es nur die spektakuläre Zweifarblackierung in wenig schmeichelhaftem olivgrün-gelb, die ihm mit einem Nicken Einlass gewährt. Vielleicht ist der Pförtner, an dem hier jeder vorbei muss der nach Pebble Beach möchte, doch von einem der stärksten Sportwagen der Welt angetan. Nur zwei Kreuzungen und es gibt freie Fahrt - zumindest so frei wie es in dieser Region zugehen kann. An wirklich hohe Tempi ist im 70-Meilen-Bundesstaat Kalifornien nicht zu denken. Doch gerade hier im Dreieck Monterey, Pebble Beach und Carmel kann man spektakuläre Straßen durchaus erfahren. Man muss sie nur finden.

Der Fahrbahnbelag in den Wäldern nur ein paar Minuten landeinwärts von den Golfplätzen entfernt ist wellig und zerborsten. Die Kurven sind schwer einzusehen und der 882 kW / 1.200 PS starke Veyron Vitesse macht aus gutem Grund einen unwilligen Eindruck. Er ist unterfordert - und wie. Im zweiten Gang brummelt er unwirsch vor sich hin. Die messerscharfe Lenkung gefällt trotzdem und es lässt sich nicht einen Hauch von den 199 PS Mehr-PS des Vitesse spüren. Wie auch bei Geschwindigkeiten zwischen 50 und 80 km/h? Bei einem kurzen geraden, aber welligen Stück bricht es jedoch aus dem Bugatti Veyron heraus. Der digitale Tachometer in der Runduhr macht nach einem Tritt auf das Gaspedal Sprünge, denen Augen und Fahrgefühl kaum folgen können. 80, 124, 169, 191 und 223 km/h. Automatisch fahren Seitenscheiben und Spoiler nach oben. Jetzt ein lokaler Schutzmann und alle Ausreden würden verpuffen, noch bevor die Handschellen geklickt hätten. Wieder in die Keramikbremse. Der Pilot des nächsten vorbeifahrenden Autos reckt den Daumen nach oben. Schon der vierte innerhalb von zehn Minuten.

Wieder die Augen auf die Straße. Der Allradantrieb mit variabler Haldexkupplung sorgt dafür, dass das Maximaldrehmoment von gigantischen 1.500 Nm zwischen 3.000 und 5.000 U/min nicht nutzlos auf dem Asphalt verbrennt. Der scheidende Bugatti-Präsident Wolfgang Dürheimer: «Unserem Team ist es gelungen, den weltweit stärksten Pkw-Antrieb unter Berücksichtigung aller fahrdynamischen und aerodynamischen Parameter in den offenen Sportwagen zu transferieren, und damit in eine neue Roadster-Dimension vorzustoßen.»

Die Beschleunigung des stärksten Veyron ist mit Worten nur schwer zu beschreiben. Zumindest ist sein Namensannex «Vitesse» kein leeres Versprechen. Um derart in den teilelektrischen Ledersitz gepresst zu werden, dessen olivgrün perfekt mit der Farbgebung der äußeren Karosserieteile und Interieurelemente korrespondiert. Bei den Gangwechseln dampfen die vier vergrößerten Turbolader mit einem bissigen «Pffftt» immer wieder ihren Überdruck ab. Kein Zweifel daran, dass dieser Rennwagen die 300-km/h-Marke allenfalls als unliebsame Zwischenstation auf dem Weg zur Maximalgeschwindigkeit ansieht. Die liegt im Normalbetrieb bei unfassbaren 375 km/h. Wer manuell den Zusatzmodus anwählt, durchbricht mit geschlossenen Frontdiffusoren gar die 410-km/h-Marke. Zu viel für den öffentlichen Straßenverkehr - nicht nur hier im kalifornischen Golferparadies.

Das Beschleunigungspotenzial ist gigantisch genug um einen dieser Welt zu entrücken. 0 auf Tempo 100 in 2,6 Sekunden. Was für ein Wert! Die Marken 200 und 300 km/h fallen bei 7,1 und 16 Sekunden. Hinter den beiden Sitzschalen des Veyron donnert der bekannte Sechzehnzylinder mit acht Litern Hubraum und entsprechender Aufladung, die beim Vitesse noch etwas strammer als beim normalen 1001-PS-Modell ist. Hätte der offene Zweisitzer mit seinem Karbon-Monocoque nicht raketenstartähnliche Beschleunigungswerte - die Bremsen würden mit einer Verzögerung von Tempo 100 auf 0 in kaum mehr als 31 Metern noch mehr begeistern. Doch der Schub des 4,46 Meter langen Allradlers nach vorn schlägt einfach alles Vorstellbare. Das gilt auch für den Verbrauch, der wohl nur auf dem Papier jemals bei 23,1 Litern liegt. Interessiert weit weniger als das Tankvolumen von 100 Litern, das den Supersportler einschränkt.

Das Fahrwerk selbst zeigt sich im Vergleich zum Basis-Veyron bei aller Sportlichkeit noch komfortabler und feiner abgestimmt. Der zwei Tonnen schwere Bugatti Veyron Vitesse mimt mit seinem tiefen Schwerpunkt und der breiten Spur so sogar gerne den Power-Cruiser. Möglichkeiten auf das elektronische Fahrwerk einzuwirken hat der Pilot nur indirekt. Im Standard-Modus bis Tempo 180 liegt die Fahrwerkshöhe bei 11,5 Zentimetern. In den Modi Handlung und Topspeed fährt der über zwei Millionen Euro teure Rennwagen auf 80 / 90 mm bzw. 65 / 70 mm nach unten. Wankbewegungen? Fehlanzeige - bei jedem Tempo und jedem Kurvenradius.

Die arabischen Schriftzeichen im rechten Außenspiegel unterstreichen den ersten Eindruck, dass dieser Karbonbolide schon wegen seiner exzentrischen Außenlackierung seinen Weg in den mittleren Osten findet. Die Anzahl der Veyron-Fahrzeuge bleibt begrenzt. Von den derzeit bei Bugatti verfügbaren beiden Modellen Roadster Grand Sport (1001 PS) und Grand Sport Vitesse (1200 PS) sind noch rund die Hälfte der 150 geplanten Fahrzeuge verfügbar. Danach wird Bugatti die Produktion im elsässischen Molsheim auf die Luxuslimousine Galibier umgestellt. Weniger Leistung dürfte es hier kaum geben. Ganz im Sinne von Firmengründer Ettore Bugatti.

pi/news.de

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