Radfahren Neue Promillegrenze für Radfahrer?

Alkohol auf dem Fahrrad
Riskanter Radausflug
Zwei Räder sind auch keine Lösung (Foto) Zur Fotostrecke

Von Georg Ismar
29 Millionen Deutsche fahren regelmäßig Rad, gern auch mal nach ein paar Bierchen. Doch bisher hat die Polizei erst ab 1,6 Promille eine Handhabe. Das kann nicht sein, sagt nun der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club und fordert eine Verschärfung der Promille-Grenzen.

Die Stimmung im Biergarten beim Schauen des EM-Spiels ist prächtig, ein Weizen nach dem anderen rinnt die Kehle hinunter. Am Ende stehen sechs halbe Liter auf dem Deckel, per Rad geht es beschwingt heim. Dieses Szenario dürfte es in den nächsten Wochen zur Fußball-Europameisterschaft häufiger geben. Gerade im Sommer nutzen viele Bürger das Rad, obwohl manche kaum noch geradeaus fahren können und auch mal parkende Autos am Straßenrand durch Schlenker in Mitleidenschaft ziehen. So werden Taxikosten gespart.

Selbst die Interessensvertretung der Radfahrer, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), fordert eine Absenkung der Alkoholgrenze auf 1,1 Promille. Ab diesem Wert soll es Bußgelder geben, wie bei Autofahrern ab 0,5 Promille. Bisher gibt es für Radler nur den Wert 1,6 Promille, ab dem es strafrechtliche Konsequenzen gibt. Diese soll aus Sicht des ADFC bestehen bleiben. Allerdings kann es auch schon bei wenig Alkohol im Blut Konsequenzen geben, wenn am Lenker in diesem Zustand Unfälle passieren.

Polizei ist unterhalb der Grenze machtlos

1,6 Promille zu schaffen, ist schwer, bei Männern sind etwa vier Liter Bier notwendig. Manche dürften danach Probleme haben, den Schlüssel ins Schloss zu bekommen. Bei den 4400 Alkoholunfällen von Radfahrern im Jahr 2009 hatten 59 Prozent einen Wert von über 1,7 Promille. Wenn die Polizei beim Pusten nur 1,5 Promille feststellt, hat sie keine Handhabe.

«Das Problem ist, dass es bisher keine Grenze darunter gibt», sagt ADFC-Rechtsreferent Roland Huhn. Welches Bußgeld fällig werden könnte, darauf will er sich nicht festlegen. Bisher gilt als Faustregel, dass Radler die Hälfte der Autofahrer-Bußen zahlen. Bei über 0,5 Promille sind es hier 500 bis 1500 Euro.

Doch Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) sieht bisher keinen Anlass auf die Forderung einzugehen. «Bei Unfällen von Radfahrern unter Alkoholeinfluss gibt es bislang keine Auffälligkeiten», betont das Ministerium. Tatsächlich ging von 2005 mit 4977 alkoholisierten Radfahrern, die an Unfällen beteiligt waren, die Zahl auf 3489 Fälle (2010) zurück. Aber relativ sind immer mehr Radler an solchen Unfällen beteiligt, da die Zahl aller Alkoholunfälle von 22.945 (2005) auf 15.221 (2010) insgesamt weit stärker zurückgegangen ist.

Münster droht bereits mit Radverboten

Bernhard Witthaut, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), hält sogar eine Absenkung der Grenze auf ein ähnliches Niveau wie die 0,5 Promille bei Autofahrern für sinnvoll. «Wer einen Führerschein hat, muss wissen, dass er das nicht darf», sagte er jüngst mit Blick auf volltrunken fahrende Radfahrer. Der Polizei fehlt bisher das Personal, um mehr Radfahrer pusten zu lassen.

29 Millionen Deutsche nutzen nach Schätzungen regelmäßig das Rad. Besonders in der Universitätsstadt Münster schlägt die Polizei Alarm und greift nun durch, hier waren von acht in den vergangenen Jahren getöteten Radfahrern fünf alkoholisiert. Letztes Jahr waren in Münster 51 Radler, die zu tief ins Glas geschaut hatten, an Unfällen beteiligt. 30 hatten mehr als 1,6 Promille. Zum Vergleich: In der Millionenstadt Berlin waren 2010 nur 82 alkoholisierte Radler an Unfällen beteiligt.

Die Stadt Münster greift daher nun mit Verboten durch: Wenn die Polizei einen Radler wiederholt mit mehr als 1,6 Promille Alkohol am Lenker erwischt, soll ihm das Fahrradfahren untersagt werden. Radelt der Alkoholsünder trotzdem weiter durch die Stadt, droht ein Bußgeld von 500 Euro. Radler werden zunehmend alkoholisiert erwischt, hatte zuletzt auch der Präsident des Münchner Amtsgerichts, Gerhard Zierl, betont. Oft würden dabei mehr als zwei Promille festgestellt.

Rad-Lobby pocht auf milde Promille-Grenzen

Der ADFC verweist darauf, dass bei Werten über ein Promille die Entscheidungsfähigkeit nachlasse, «das Trinkverhalten zu steuern oder das Fahrrad stehen zu lassen». Das Unfallrisiko vervielfache sich, weil Schutzreflexe nachließen. Die Rad-Lobby fordert aber weiter eine unterschiedliche Behandlung von Radlern und Autofahrern («0,5 Promille für Radfahrer fänden keine Akzeptanz»). Rechtsreferent Huhn sagt, die meisten betrunkenen Radler gefährdeten nur sich selbst.

Der Radclub betont zugleich, dass der Rückgang der Alkoholunfälle von Autofahrern vor allem auf die 0,5-Promille-Grenze zurückzuführen sei, die seit 1998 gilt. Daher sei für Radfahrer auch zur stärkeren Disziplinierung der neue 1,1-Promille-Wert sinnvoll. Huhn betont: «Die gesellschaftliche Ächtung des Radfahrens unter Alkoholeinfluss ist längst noch nicht so ausgeprägt wie beim Alkohol am Steuer».

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wam/zij/news.de/dpa

Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Piefke
  • Kommentar 6
  • 01.12.2012 01:48
Antwort auf Kommentar 4

In Wien liegt die Promille-Grenze für Fahrradfahrer neuerdings bei 0,8 Promille und die Mindeststrafe bei 800 Euro. Für jede weitere Übertretung der Grenze um 0,1 werden 100 Euro aufgeschlagen, dh 1,3 Promille zB kosten schlappe 1300 Euro. Das ganze wird auch noch rigoros durchgesetzt - der Freund und Helfer lauert nachts mit Alkotester an den Fahradwegen. Eine reine Abzocke, bei der weder honoriert wird, wenn das Auto nachts stehen bleibt, noch die finanzielle Situation des man kann schon fast sagen 'Geschädigten' berücksichtigt wird. Und nein, mich hats zum Glück noch nicht erwischt.

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  • Piefke
  • Kommentar 5
  • 01.12.2012 01:47

In Wien liegt die Promille-Grenze für Fahrradfahrer neuerdings bei 0,8 Promille und die Mindeststrafe bei 800 Euro. Für jede weitere Übertretung der Grenze um 0,1 werden 100 Euro aufgeschlagen, dh 1,3 Promille zB kosten schlappe 1300 Euro. Das ganze wird auch noch rigoros durchgesetzt - der Freund und Helfer lauert nachts mit Alkotester an den Fahradwegen. Eine reine Abzocke, bei der weder honoriert wird, wenn das Auto nachts stehen bleibt, noch die finanzielle Situation des man kann schon fast sagen 'Geschädigten' berücksichtigt wird. Und nein, mich hats zum Glück noch nicht erwischt.

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  • 3Promille
  • Kommentar 4
  • 11.06.2012 10:52

Ich wohne in Münster und bin schon des öfteren Sturtz besoffen (mehr als 8 halbe evtl 10 bis 14) Fahrradgefahren dank der Zentrifugalkraft der sich drehenden Räder ist ein Geradeausfahren ohne Problem möglich. Reaktionszeit sinkt nicht wirklich der Rest der Welt bewegt sich nur schneller. Ich kann nur von mir reden aber ich bin zu Fuss eine viel größere Verkehrsgefährdung. Mal ganz ehrlich, dass es in Münster mehr Unfälle mit Fahrradfahrern gibt liegt wohl eher darn das es mehr als doppelt soviele Fahrräder gibt wie Menschen. Ich scheiss auf diese "law and order" Scheiße.

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