Von news.de-Redakteur Cord Krüger
Alter Name, neue Marschrichtung. Mit der wiederauferstandenen Giuletta will Alfa Romeo die Qualitätsprobleme der Vergangenheit hinter sich lassen. Die Leidenschaft soll trotzdem bleiben. Wer den 140-PS-Diesel ausführt, erlebt eine kapriziöse Schönheit.
«Du bist kein echter Autofreak», hat James May mal gesagt, «ohne einen Alfa besessen zu haben.» Und weil man einem Top-Gear-Moderator nicht widerspricht, steht eine Testfahrt an mit Alfa Romeos Interpretation eines Kompaktwagens - mit der Giulietta.
Eindrucksvoll hat sich das Julchen zurechtgemacht mit schwarzem Metalliclack, roten Ledersitzen, Xenon-Kurvenlicht und allem, was Alfa Romeo aufzubieten hat. Die Proportionen sind so perfekt wie es in der herstellerübergreifend immer moppeliger werdenden sogannten Golfklasse heute überhaupt möglich ist. Trotzdem will die Giuletta nicht um jeden Preis gefallen. Der Innenraum sagt nicht «Hallo mein Freund, mach's dir bequem», sondern «Wer bist'n du?!» Vier Minuten später sind Sitz und Spiegel eingestellt, das Navi programmiert. Los geht's.
Das Erlebnis Giulietta zerfällt in zwei Kategorien: Die nervenden Kleinigkeiten und der ganze Rest. Die Liste der Spleens und Schludrigkeiten ist schier endlos. Die Armlehnen sind beledert aber schmerzhaft ungepolstert. Die Sitze lassen sich nicht in der Neigung verstellen und sind darum für hochgewachsene Fahrer ungeeignet. Die Bedienung von Tempomat und mp3-Player ist abenteuerlich - wobei ein iPod den Alfa übrigens selbstbewusst als «Zubehör» erkennt. Im Nachtbetrieb invertiert das Navi die Farben auf dem Bildschirm nicht, es dunkelt ihn lediglich bis zur Unbenutzbarkeit ab. Und so weiter und so fort.
Motor und Verbrauch überzeugen
Mit manchen dieser Marotten kann man sich arrangieren. In der Summe fragt man sich aber schon, ob die Alfa-Entwickler ihre fertige Giulietta überhaupt mal gefahren haben. Jeder deutsche Ingenieur bekäme einen Lachanfall. Aber freudlosen Perfektionisten will das Julchen ohnehin keine schönen Augen machen. Entweder lässt sie einen kalt, oder man verfällt ihrem zwischen Arroganz und Anmut balancierenden Design - und dem Fahrgefühl.
Motor und Getriebe sind nämlich ausgezeichnet. Der 140-PS-Diesel sorgt für einen beachtlichen Antritt. Stellt man das Fahrzeug mit dem DNA-Schalter auf Sport, zaubern die geänderten Kennfelder für Ansprechverhalten, Dämpfer und Lenkung beim Passieren von Ortsausgangschildern ein diebisches Grinsen auf's Gesicht. Auch der Verbrauch überzeugt. Selbst auf der Autobahn bescheidet sich die Giulietta mit rund sechseinhalb Litern Diesel, im Überlandbetrieb ist mindestens ein Liter weniger drin.
Mag also sein, dass Alfa Romeo mit der Giuletta den Abstand zu Golf, A3 und Astra deutlich verkürzen könnte. Mag sein, dass immer noch Welten zwischen ihnen liegen. Letzlich ist es mit ihr wie mit den meisten Schönheiten: Sie gehen dir nach kurzer Zeit tierisch auf den Zeiger - oder sie werden die Liebe deines Lebens.
amg/news.de