IAA 2011 Die grüne Welle rollt nur langsam

Dass der Übergang vom Benzin- zum Elektrozeitalter zwangsläufig ist, bezweifelt bei den Automobilherstellern niemand mehr. Doch die IAA 2011 zeigt: Der Fortschritt ist eine Schnecke.

Inzwischen klingen die Verlautbarungen aus den Chefetagen der Autoindustrie fast schon grüner als die aus dem Stuttgarter Regierungssitz Villa Reizenstein. Wer am Tag vor der Eröffnung der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) beim Daimler-Konzernabend die Zukunftsvisionen erlebte, die Daimler-Chef Dieter Zetsche für die nächsten Jahre und Jahrzehnte entwarf, der fühlte sich zeitweise wie auf einem Grünen-Parteitag. «Selbst optimierte Diesel- und Benzinmotoren», so Zetsche, «können nur eine Durchgangsstation sein.» Verbrennungsmotoren könnten nun mal nie völlig ohne Abgase funktionieren.

Nötig sei, so Zetsche weiter, «ein Paradigmenwechsel». Auch dem reinen Elektromotor gehöre allenfalls in Ballungsgebieten die Zukunft. Und das nur zum Teil: zu geringe Reichweiten, zu lange Ladezeiten, für lange Strecken ungeeignet. Am Ende der Entwicklung, da ist sich Zetsche inzwischen sicher, stehe die Brennstoffzelle, die von Wasserstoff befeuert wird. «Wasserstoff ist der Stoff, aus dem die Sterne sind», geriet der Daimler-Chef ins Schwärmen.

Doch auf der IAA 2011, die laut Veranstalter besonders grün angehaucht ist, sind kaum mehr als Studien und Projektionen einer sauberen neuen Mobilität zu sehen. Selbst in der Halle 4.0, die erstmals zum großen Teil dem Thema grüne Antriebe gewidmet ist, gibt es vor allem Projektvorstellungen von Hochschulen und Zulieferern - aber kein einziges reales Serienfahrzeug mit ausschließlich emissionsfreiem Antrieb. Und erst recht nicht zu vertretbaren Kosten.

Emissionslosigkeit scheitert an der Reichweite

Auch Dieter Zetsche räumt ein, mit der Brennstoffzelle sei es wie mit dem Animationsfilm-Helden Shrek im Kino: «Grün, sympathisch - aber leider nicht real.» Die meisten Hersteller basteln immer noch daran, alltagstaugliche Fahrzeuge mit alternativen Antrieben zu tragbaren Kosten auf den Markt zu bringen: E-Mobile, die - wie Mitsubishis i-MiEV oder die Ableger Peugeot Ion und Citroën C-Zero - nicht nur zum Zweit- oder Drittwagen taugen.

IAA 2011
Die Träume der Männer
Video: dapd

Am nächsten dran sind noch Opel und Chevrolet, die im November ihre Zwillinge Ampera und Volt auch in Europa ausliefern wollen. Mit rund 40.000 Euro pro Stück rangieren sie damit auf dem Niveau eines Mercedes der C-Klasse. Obendrein bleiben sie nicht emissionslos, weil ein Benzinmotor für eine größere Reichweite sorgt.

Nissans Stromer Leaf soll in Deutschlands ebenfalls ab Ende des Jahres geliefert werden. Voraussichtlich für rund 35.000 Euro. Hersteller wie Daimler versuchen, den hohen Preis optisch schön zu rechnen: Wenn die neue Generation des Smart Electric Drive im Frühjahr 2012 nicht mehr - wie der Vorgänger - nur im Feldversuch unterwegs ist, sondern tatsächlich zu den Händlern kommt, soll er «unter 16.000 Euro netto» kosten. Hinzu kommt eine Monatsmiete für den Akku von rund 70 Euro. Bei drei Jahren Nutzungszeit werden so um die 21.000 Euro fällig. Ein aktueller Smart Fortwo mhd kostet nur die Hälfte.

Elektromobilität hat hohes Marktpotenzial

Seine B-Klasse mit Brennstoffzelle wird Mercedes-Benz zwar ein Jahr früher als geplant in Serie schicken, aber 2014 wird es trotzdem werden. Und saubere Luxusgleiter wie das jetzt in Frankfurt vorgestellte Forschungsfahrzeug F 125 sieht Dieter Zetsche erst um das Jahr 2025 herum in der Serienproduktion.

Dabei lässt sich mit «E-Mobility» viel Geld verdienen, rechnete zum IAA-Auftakt eine Studie des Beratungsunternehmens A.T. Kearney vor. Das weltweite Marktpotenzial liege im Jahr 2020 bei gigantischen 280 Milliarden Euro, im Automobilbau liege dabei mit 250 Milliarden Euro der Löwenanteil der Wertschöpfung. Jeder zehnte Neuwagen werde 2020 ein Elektro- oder Range-Extender-Fahrzeug sein.

Viele elektrische Ideen der Autohersteller haben es auch ins news.de-Fotovoto geschafft. Doch die Konkurrenz der PS-Boliden und Sportwagen ist groß. Welches ist für Sie das beste Auto der IAA 2011? Hier können Sie abstimmen.

IAA 2011
Grüne Zukunft braucht viel Geduld

ham/sca/rzf/news.de/pi

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