Von Claus-Peter Tiemann
Der Autobauer Volkswagen hat mit dem tiefsten technischen Umbruch der vergangenen zehn Jahre begonnen: Das letzte neue Modell auf Basis der Kompaktwagenplattform PQ35 kommt in diesen Tagen auf den Markt, der Beetle.
Seit Einführung im Jahr 2003 hat der größte Autobauer Europas weit mehr als 13 Millionen Autos auf der Basis dieser Plattform verkauft, auf der auch Wagen wie der Golf, der Audi A3 oder der Skoda Octavia stehen. Im Frühjahr 2012 kommt der erste Wagen der MQB genannten Nachfolgeplattform, der Audi A3. «Der MQB wird eine noch viel größere Nummer», sagte VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg der Nachrichtenagentur dapd.
Gigantische Kostenvorteile
MQB ist die VW-interne Abkürzung für Modularer Querbaukasten. Langfristig sollen alle Fahrzeuge mit quer eingebautem Motor, also vom Polo bis zum Passat, auf Grundlage dieser einheitlichen Teile gebaut werden. Motor, Lenkung, Pedalerie, Hinterachse, Klimaanlage, Elektronetz und viele andere Komponenten werden bei diesen Autos weitgehend einheitlich. Beispiel: Der Abstand vom Motor zu den Pedalen ist für alle Modelle festgelegt. Unterschiede bleiben in der Länge und Breite, der Form der Karosserie und der Innenausstattung.
Die Umbauten in den Produktionswerken haben nach VW-Angaben schon begonnen. Von der neuen Plattform verspricht sich der Konzern gigantische Kostenvorteile. Hackenberg nannte in einem Interview des Fachmagazins Automotive News Europe Einsparziele von 20 Prozent bei den Stückkosten und 30 Prozent bei der Montagezeit. Genaue Einsparsummen veröffentlicht der Konzern aber nicht. NordLB-Analyst Frank Schwope sagte, «ein dreistelliger Millionenbetrag pro Jahr» sei mindestens zu erreichen.
Der große Fortschritt beim Wechsel der Plattform besteht darin, dass VW die Zahl der für die unterschiedlichen Modelle benötigten verschiedenen Teile radikal senken kann. Dadurch entsteht der sogenannte Skaleneffekt: Von den identischen Zusatzteilen kann VW gigantische Mengen bestellen und so höhere Rabatte bei den Zulieferern herausholen.
Mehr Modellvielfalt zum kleineren Preis
Gleichzeitig können viel mehr verschiedene Modelle als bisher auf einer Montagelinie gebaut werden. So kann VW Nachfrageänderungen gut auffangen und spart sich künftig teure Umbauten an den Fließbändern.
Einen weiteren Vorteil der MQB nennt der Branchenkenner und Chefredakteur des Fachmagazins Automotive News Europe, Harald Hamprecht: «Große Plattformen erlauben mehr Varianten, weil nur wenig geändert werden muss.» Das bedeutet: Auch Nischenmodelle mit niedriger Stückzahl rechnen sich plötzlich, weil sie schnell und für wenig Geld entwickelt werden. Volkswagen-Sprecher Christian Buhlmann kündigte an: «Wir haben heute 203 verschiedenen Modelle im Konzern. Die Chance, dass es mehr werden ist groß, weil wir es uns leisten können.»
Auch die Kunden werden voraussichtlich vom Plattformwechsel profitieren: «Wegen des hohen Volumens kann VW sich Teile leisten, die sonst nur in der Oberklasse eingebaut werden», sagte Firmensprecher Buhlmann.
som/cvd/news.de/dapd